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20. Dezember 2005

Jedem Kranken sein eigenes Bett (Altes Medizinisches Wien 20)

Im 2. Wiener Gemeindebezirk steht das älteste Spital Wiens. Ausgehend von einem ehemaligen Landhaus entwickelte sich das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder zu einem Spital, das aus der medizinischen Versorgung in Wien nicht mehr wegzudenken ist. Jedem Kranken sein eigenes Bett, Licht, gute Luft und Sauberkeit waren die revolutionären Ideen des Spitalgründers. 

Spital im Sumpfgebiet

Bruder Gabriel aus dem Geschlecht der Grafen von Ferrara, Fra Gabriel Ferrara (1543 - 1627), einer der bedeutendsten Wundärzte seiner Zeit, gründete 1614 das Spital im sumpfigen Gebiet des "Unteren Werdt". Er erwarb ein Landhaus und richtete es mit seinen Mitbrüdern als Spital mit 12 Betten ein. Das Haus stand ungefähr dort, wo sich heute die Apotheke des Klosters in der Taborstraße 16 befindet. Durch Ferrara - er hatte den Ruf, Könige und Päpste zu kurieren - wurde Wien Ausgangspunkt für viele Niederlassungen des Ordens in ganz Mitteleuropa.

Revolutionäres Ziel

75 Jahre vorher hatte Johannes Ciudad, wie Johannes von Gott, der Ordensgründer, ursprünglich hieß, in Granada mit kärglichsten Mitteln sein erstes Spital für Kranke und Bedürftige - "so da sind Lahme, Einarmige, Aussätzige, Stumme, Irre, Gichtbrüder und Grindige" - errichtet. Seine bahnbrechende Idee war es, jedem Kranken ein eigenes Bett zu geben. Wie revolutionär das war, sieht man daran, dass noch 250 Jahre später das Allgemeine Krankenhaus in Wien bestaunt und bewundert wurde, weil jedem Kranken ein eigenes Bett zugesichert wurde.

Zum Zeitpunkt seiner Spitalsgründung war Johannes von Gott bereits vierzig Jahre alt und hatte ein abenteuerliches Leben hinter sich. Zuerst Hirte, dann Soldat, diente in der Armee unter Herzog Alba in Bayern und in den Niederlanden, kämpfte gegen die Türken und lebte dann einige Zeit in Afrika. Schließlich kehrte er nach Spanien zurück und zog als wandernder Buchhändler von Ort zu Ort. Der Geschichte nach erschütterte ihn in Granada eine Predigt des Johannes von Avilaso so sehr, dass er völlig außer sich geriet. Er klagte sich öffentlich als Sünder an und verschenkte in Raserei sein gesamtes Hab und Gut.

Geheilt entlassen

Der Tobsüchtige wurde schließlich in die Irrenabteilung des Hospital Real in Granada eingesperrt. Dort lernte er die Not der Kranken und besonders das Elend der Geisteskranken zu jener Zeit am eigenen Körper kennen. Aus therapeutischen Gründen wurden die Irren ausgepeitscht und angekettet. Nach kurzer Zeit als geheilt entlassen, beschloss er sein weiteres Leben nur noch der Nächstenliebe zu widmen. 

Getrennt nach Krankheit

In einem gemieteten Haus in Granada begann Johannes Ciudad seine Vorstellungen von Krankenpflege zu verwirklichen. Intuitiv nahm er viele neuzeitliche Errungenschaften der Spitalshygiene vorweg. Nach Geschlecht und Krankheiten getrennt, erhielt jeder Kranke sein eigenes Bett, und er sorgte für Licht, gute Luft und Sauberkeit in den Krankenzimmern. Alles, was er für sein Hospital benötigte, erbettelte er sich mit dem Ruf "Tut Gutes, Brüder" in den Straßen Granadas.

Beachtung und Unterstützung

Anfangs als Narr verlacht, fand sein Werk jedoch bald Beachtung und Unterstützung auch bei den Adeligen und Reichen. Bei der Bevölkerung, die ein Spital mit solcher Sauberkeit noch nie gesehen hatte, nahm seine Wertschätzung ständig zu. Durch seine persönlichen Erfahrungen mit der grausamen Behandlung der Irren, begann er mit Geisteskranken in einer völlig neuen Art, eher sanft und freundschaftlich umzugehen.

In den Spitälern der Barmherzigen Brüder gab es auch immer eigene Abteilungen für Irre. Beim Bau des Narrenturms im Allgemeinen Krankenhaus verfügte Joseph II., dass "Geistliche, welche das Unglück haben, wahnwitzig zu werden" bei den Barmherzigen Brüdern unterzubringen seien. Erst 1869 wurde die Irrenabteilung im Wiener Spital aufgelöst.

Kirchliche Anerkennung

1550 starb der "Vater der Armen und Kranken", wie er in Granada bereits genannt wurde, ohne die Absicht gehabt zu haben, einen Orden zu gründen. Sein Werk wurde allerdings von seinen Helfern, die er zum Teil im Zuhältermilieu fand, fortgesetzt und erweitert. Bald gab es auch in anderen Städten Spaniens Hospitäler der neuen Art. Papst Pius V. gab den Hospitalbrüdern schließlich 1571 die kirchliche Anerkennung. In der Folge baute der Orden in den damals katholischen Länder ein blühendes Spitalswesen auf. Johannes von Gott wurde 1630 heilig gesprochen.

Unverzichtbare Einrichtung

In Wien entwickelte sich das Spital der Barmherzigen Brüder trotz vieler Rückschläge durch Brände und Kriege zu einer Einrichtung, die aus der medizinischen Versorgung der Bevölkerung Wiens nicht mehr wegzudenken ist. 1624 eröffneten die Barmherzigen Brüder die "Apotheke zum Granatapfel", die bis 1782 die einzige im 2.Wiener Gemeindebezirk war. Der barocke Apothekenraum mit dem herrlichen Deckenfresko aus dem Jahr 1730 ist der älteste erhaltene Apothekenraum Wiens.  Heute befindet er sich im Lagerbereich der aktuell genutzten Apotheke, die 1803 erbaut und im Empirestil eingerichtet ist. Hinter der Fassade zur Taborstraße lag auch der große Krankensaal mit 106 Betten, damals einer der schönsten Europas, der in Verbindung mit einer Kapelle stand, damit die Kranken auch die Möglichkeit hatten, am Gottesdienst teilzunehmen. Somit war nicht nur für das körperliche, sondern auch für das seelische Wohl der Kranken gesorgt.

Ausnahme

Als 1784 Joseph II. viele Klöster schließen ließ, waren die Barmherzigen Brüder nicht davon betroffen: "Die Barmherzigen Brüder beten zwar auch, aber sie arbeiten desto mehr zum Nutzen aller." Bis zu seiner Berufung als erster Direktor des Allgemeinen Krankenhause arbeitete und unterrichtete der Leibarzt Josephs II., Joseph Quarin (1733 - 1814), in diesem Krankenhaus.

"Nullerpatienten"

Durch Legate und Spenden konnte das Spital laufend erweitert und verbessert werden. Um 1900 hatte sich das Krankenhaus als das größte und modernste Privatkrankenhaus Wiens etabliert. In der Zwischenkriegszeit waren die Ambulanzen des Spitals von mittellosen und nicht krankenversicherten Patienten, so genannten "Nullerpatienten", für die niemand zahlte, ständig überlaufen.

Legendär wurde in Wien die Zahnambulanz. In der Tätigkeit des Zahnziehens genossen die Brüder einen ausgezeichneten Ruf. 1945 stand das Haus mitten im Kampfgebiet. Das Spital erhielt fünf Bombentreffer, und der Turm der Konventkirche wurde in Brand geschossen.Bei den russischen Besetzern intervenierte Bürgermeister Theodor Körner erfolgreich: "Wenn ihr den Barmherzigen Brüdern das Spital wegnehmt, dann seid ihr bei den Wienern unten durch, das haben sich nicht einmal die Nazis getraut!" Nach dem Wiederaufbau erfreut sich das Spital bis heute bei der Bevölkerung eines sehr guten Rufs. Der Standard der Abteilungen entspricht heute dem eines modernen Schwerpunktkrankenhauses.

Schätze im Verborgenen

Das Wiener Konventmuseum des Ordens ist keine speziell medizinhistorische Sammlung und neben Apothekengegenständen, einigen medizinischen Geräten und Demonstrationspräparaten für die Krankenpflege, die gezielt gesammelt wurden, besitzt das Museum eine Unzahl von Objekten, die eher zufällig durch Spenden, Erbschaften und Geschenke in den Besitz der Barmherzigen Brüder gelangten. Medizinhistorisch interessant sind Teile der Sammlung des wohl bekanntesten Anatomen Österreichs, Joseph Hyrtl. Das Konventmuseum hütet seine Schätze im Verborgenen, und man braucht schon einen sehr guten Draht zum Prior des Ordens, um das Museum besuchen zu können. Die Autoren hatten ihn nicht.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 4/2003

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