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20. Dezember 2005

Das hygienische Gewissen Wiens (Altes Medizinisches Wien 21)

Ein Zentrum der Wiener Medizinischen Schule war und ist die Gesellschaft der Ärzte in Wien. Seit 1893 besitzt die Gesellschaft ein eigenes Haus in der Frankgasse 8 im 9. Wiener Bezirk.

Ein Kuriosum dieses architektonisch und kunsthistorisch interessanten Hauses ist der von Billroth selbst entworfene große Sitzungssaal. Damit die Ärzte den Saal zu Konsultationen möglichst rasch verlassen können, wurden für jede Sitzreihe zwei Seitentüren, insgesamt 21 Türen, eingebaut. Der Saal mit 300 Sitzplätzen und einer Galerie ist mit Porträtbüsten großer Ärzte und Präsidenten der Gesellschaft geschmückt. 1919 wird das Haus nach einem Vorschlag des Chirurgen Anton Eiselsberg "Billroth-Haus" benannt.

Unbedenkliche Gesellschaft

1837 - im Wiener Vormärz - unter schwierigen politischen Verhältnissen gegründet (die Behörden mussten von der Notwendigkeit und Ungefährlichkeit dieser Gesellschaft erst überzeugt werden), ist dieser Verein untrennbar mit der Zweiten Wiener Medizinischen Schule verbunden. Die Gesellschaft der Ärzte war oft die Plattform, von der die bahnbrechenden medizinischen Leistungen, Neuerungen und Erfindungen ihren Weg in die Öffentlichkeit nahmen. 

Grundlagen der Auskultation

So berichtete Joseph Skoda bereits bei seinem ersten Vortrag vor der Gesellschaft am 30. November 1839 über die physikalischen Grundlagen der Auskultation und Perkussion und betonte die diagnostische Bedeutung für die klinische Untersuchung. Im Dezember 1847 erfolgte durch Ferdinand Hebra, der als der Begründer der modernen Dermatologie gilt, der erste Hinweis über die Entdeckung der Ursache des Kindbettfiebers durch seinen Freund Ignaz Semmelweis. Der zurückhaltende und publikumsscheue Semmelweis konnte erst drei Jahre später, am 15. Mai 1850, zu einem Vortrag über das Kindbettfieber in der Gesellschaft der Ärzte überredet werden. 

Gutachten für Regierung

Unter der Präsidentschaft des Pathologen Karl Rokitansky - von 1850 bis zu seinem Tod 1878 - gelangte die Gesellschaft auch politisch zu hohem Ansehen. Hygienische Fragen standen jetzt mehr im Vordergrund, und die Gesellschaft wurde bei sanitären Maßnahmen stets von der Regierung um Gutachten gebeten. Sie wurde das hygienische Gewissen Wiens. Ein Bravourstück war der Einsatz der Gesellschaft der Ärzte in der Frage der Wasserversorgung Wiens. Die Gemeinde Wien plante 1862, für die Trinkwasserversorgung der Stadt gefiltertes Donauwasser zu verwenden. Ein Komitee der Gesellschaft vertrat den Standpunkt, dass weder Wasser aus der Donau noch aus der Traisen, sondern Quellwasser der Vorzug zu geben wäre. Die Denkschrift mit dem Titel "Die Wasserversorgung Wiens vom ärztlichen Standpunkt gewürdigt", die dem Wiener Gemeinderat übergeben wurde, beginnt mit folgendem Satz: Es ist eine durch die Ziffern der Erkrankung und der Sterblichkeit unwiderleglich festgestellte Tatsache, die als ernste Mahnung zur werktätigen, schon allzulange versäumten Abhilfe nicht oft genug in Erinnerung gebracht werden kann, daß Wien das traurige Vorrecht besitzt, die ungesundeste Großstadt des europäischen Kontinents zu sein.

Wasser aus den Bergen

Der Bericht, der unter dem Eindruck der Choleraepidemien 1849 und 1854 in London geschrieben wurde, hatte letztendlich Erfolg. Das Wasser für die erste, 1873 errichtete Wiener Wasserleitung wurde aus den Quellen des Rax- und Schneeberggebiets genommen. Wie sinnvoll diese Maßnahme war, zeigt sich am Beispiel der Typhuserkrankungen. Gab es 1871 noch 1.149 Typhustote in Wien, so sank die Zahl einige Jahre später auf 185. Auch die zweite Wasserleitung, für die ein Wientalprojekt und eine Wiener Neustädter Tiefquellenleitung zur Debatte standen, wurde letztendlich ebenfalls auf Grund des massiven Widerstandes der Wiener Mediziner aus den Quellgebieten des Hochschwabmassivs gespeist. Neben der Spezialisierung der einzelnen Fächer war es vor allem die Entwicklung neuer Instrumente, die der Wiener Medizin Weltgeltung verschaffte. Fast alle diese neu entwickelten Instrumente, wie der Kehlkopfspiegel, das Zystoskop zur Spiegelung der Harnblase, das Ösophagoskop und das Gastroskop ,wurden erstmals in der Gesellschaft der Ärzte vorgestellt. 

Die Aera Billroth

Seinen ersten Vortrag vor der Gesellschaft hielt Theodor Billroth bereits ein Jahr nach seiner Berufung auf den Chirurgischen Lehrstuhl der Universität Wien, und bis zu seinem Tod 1894 beherrschte er hier die Szene. Billroth führte in Wien zahlreiche chirurgische Erstoperationen durch. Weltweit berühmt wurde er aber durch die erste erfolgreiche Resektion eines Magenausgangskrebses am 29. Jänner 1881. Vier Wochen später berichtete er bereits in einer Sitzung der Gesellschaft unter dem Titel "Verengung des Verdauungstraktes durch Carcinom". Billroth konnte damals berichten: "Gegenwärtig befindet sich die Frau sehr wohl; sie ist bereits in ihre häuslichen Verhältnisse zurückgekehrt." Vier Monate später verstarb die Patientin aber am Rezidivtumor. Billroth selbst hatte in seinem Vortrag bereits darauf hingewiesen, dass er in den scheinbar nur entzündlich infiltrierten Teilen des Magens kleine Karzinomknötchen habe fühlen können. Das Resektionspräparat der ersten Pylorusresektion nach Billroth (Billroth I) und das Obduktionspräparat befinden sich heute im Museum für Geschichte der Medizin im Josephinum.

Freuds Kokain

1884 berichtete Karl Koller über seine Entdeckung der Lokal-anästhesie am Auge durch Kokain. Die Idee der Kokainlösung war ursprünglich von Sigmund Freud ausgegangen. Bei der Sitzung am 17. Oktober 1884 wurde auch darauf hingewiesen, dass die Versuche mit Kokain auf Anregung Freuds durchgeführt wurden. Zu einem Prioritätenstreit kam es nicht. Freud selbst erregte 1886 mit seinem Vortrag "Über männliche Hysterie" einiges Aufsehen und stieß auf allgemeine Ablehnung.

Drückende Raumnot

Als gewählter Präsident der Gesellschaft setzte sich Billroth ab 1888 vehement für den Bau eines eigenen Hauses ein. Die Raumnot war in den letzten Jahren immer drückender geworden. Die Sitzungen in der alten Universität mussten bei offener Tür abgehalten werden und viele Ärzte verfolgten die Vorträge stehend auf dem Flur. Mit großem persönlichem Engagement - Billroth spendete aus eigener Tasche die beträchtliche Summe von 5000 Gulden - gelang schließlich der Bau des Hauses in der Frankgasse, das er am 27. Oktober 1893 selbst eröffnete.  Es würde den Rahmen sprengen, alle wichtigen Vorträge, die vor diesem Forum gehalten wurden, auch nur zu erwähnen. Selbstverständlich haben auch die drei Wiener Nobelpreisträger Robert Barany, Julius Wagner-Jauregg und Karl Landsteiner vor der Gesellschaft der Ärzte über ihre Arbeiten gesprochen.

Die Bibliothek 

Das Kernstück des Billroth-Hauses und der eigentliche Schatz der Gesellschaft der Ärzte ist die Bibliothek. Mit rund 25.000 Monographien und 2.000 historisch wertvollen Zeitschriften zählt sie heute zu den wertvollsten Fachbibliotheken der Welt. Nur wenige Bibliotheken besitzen so vollständige Zeitschriftenreihen, die auf hundert und mehr Jahre zurückgehen. Das umfangreiche Archiv - es enthält zum Beispiel die gesamte dienstliche und private Korrespondenz Billroths - musste aus Platzgründen in das Institut für Geschichte der Medizin im Josephinum ausgelagert werden. Für Freunde alter Bibliotheken ist der Lesesaal ein Leckerbissen der gefährlichen Art: ein Raum, in dem man die Zeit vergisst und Stunde um Stunde verschmökert.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 5/2003

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