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20. Dezember 2005

Wir kommen! (Altes Medizinisches Wien 22)

Bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein war es um die Erstversorgung und den Transport Verletzter oder akut Erkrankter schlecht bestellt. Ein organisiertes Krankentransportwesen gab es nicht. Laternenanzünder, Leichenträger oder Hausmeister wurden von Fall zu Fall als Krankenträger eingesetzt.

Dokumentiert wird die Geschichte der Wiener Rettung in der Sanitätsstation 17 in der Gilmgasse im 17. Wiener Gemeindebezirk. Seit 1991 befindet sich dort das Museum der Wiener Rettung. In zwei Schauräumen und einem ehemaligen Pferdestall zeigen Fotos, Dokumente, Uniformen und technische Gerätschaften die Geschichte der Rettung von 1881 bis zur modernen Wiener Berufsrettung.

Schaden beim Transport

Vor 1881 gab es in Wien keinen tauglichen Krankentransport. Die Siechen wurden auf Tragbahren, Räderbahren, Krankentragesessel und später auch auf Karren in die Spitäler gebracht. Die Krankentragebetten und Räderbahren waren in den Gemeindehäusern der einzelnen Bezirke und in den Wachstuben der Polizei stationiert. Nicht selten erlitten die Patienten durch den unsachgemäßen Transport zusätzlich gesundheitlichen Schaden. Jaromir Mundy (1823 - 1894), der bereits auf verschiedenen Kriegsschauplätzen den Transport Verwunderter organisiert hatte, wollte auch in Wien einen tauglichen Rettungsdienst ins Leben rufen.

Wende nach Ringtheaterbrand

Seiner Idee, einen Freiwilligen Erste Hilfe- und Sanitätsdienst zu gründen, standen die Behörden aber ablehnend gegenüber. Erst durch das Inferno des Ringtheaterbrandes am 8. Dezember 1881, bei dem 386 Besucher einer Vorstellung von Jaques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" verbrannten, erstickten oder zu Tode getrampelt wurden, begriffen die Behörden und auch die Bevölkerung, dass der bestehende Sanitätsdienst einer Katastrophe völlig hilflos gegenüberstand.
Bereits am nächsten Tag schritt Mundy zur Tat. Gemeinsam mit seinen Freunden Hans Wilczek (1837 - 1922) und Eduard Lamezan (1835 - 1903) gründete er am 9. Dezember 1881 die "Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft". Schon am 2. Jänner 1882 unterbreitete man die Pläne bei einer Audienz Kaiser Franz Josef I. und ersuchte um Unterstützung, die der Kaiser auch zusagte. Am 31. Jänner begann die Firma Lohner nach Mundys Plänen, von Pferden gezogene Ambulanzwagen zu bauen, die zwei Monate später von der k.k. Polizeidirektion kommissioniert wurden und bereits am 24. April 1882 den ersten Krankentransport durchführten. Ab diesem Tag wurden regelmäßig unentgeltliche Krankentransporte durchgeführt.
Die ersten Ausfahrten mit gemieteten Fiakerpferden waren in erster Linie "Sanitätstransporte" und noch keine "Rettungs-Ausfahrten", da noch keine ausgebildeten Mannschaften zur Verfügung standen. Erst ein Jahr später hielt Mundy die Mannschaften für genügend geschult, dass er im 1. Bezirk, Ecke Fleischmarkt/Rotenturmstraße, die erste Station der Wiener Rettung eröffnen konnte. 97 Medizinstudenten und 36 Nichtmediziner bestritten den Permanenzdienst. Mundy selbst diente als Arzt, Krankenträger oder Kutscher. Es gab keinen Dienst, für den sich der Herr Baron zu "fein" vorkam. Das Haus wurde 1900 abgerissen und durch ein neues Gebäude im Jugendstil ersetzt.

Karmesinrote Kappen

Ausgestattet waren die freiwilligen Rettungsmannschaften mit karmesinroten Kappen - Mundy bekam als Chefarzt des Malteserritterordens den malteserroten Stoff zu günstigen Bedingungen - und dem Emblem der Freiwilligen am linken Arm. Das vom Architekten Victor Rumpelmayer entworfene Wappen mit dem Kopf der Vindobona, umgeben von Wasser und Feuer und dem Schriftzug "Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft - IX. Dec. 1881", blieb 55 Jahre das Abzeichen der Freiwilligen.

Girardi singt

Die finanziellen Mittel zur Erhaltung der Rettungsgesellschaft erhielt Mundy durch Spenden, Sammlungen und Benefizveranstaltungen. Alexander Girardi sang bei einem Wohltätigkeitsfest zugunsten der Rettungsgesellschaft in der Rotunde, in einem Fiaker vorfahrend, am 24. Mai 1885 zum ersten Mal das "Fiakerlied". Johann Strauß Sohn komponierte eigens für die Gesellschaft den Marsch "Freiwillige vor!", den er dem ersten Wohltätigkeitsball der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft am 30. Jänner 1887 widmete. Neben Aristokratie und Wirtschaft förderte auch Theodor Billroth, ein langjähriger Freund Mundys, nicht nur finanziell die "Rettung".

Mundys Ende

Mundy, der schon längere Zeit unter schweren depressiven Zuständen litt, erschoss sich am 23. August 1894 unterhalb der Sophienbrücke (heute Rotundenbrücke) am Ufer des Donaukanals. Das Modell des Rettungswesens in Wien, das mittlerweile weltweit kopiert wurde, überlebte aber den Tod seines Gründers. Noch im Todesjahr Mundys wurden zehn fix besoldete Inspektionsärzte aufgenommen. Bei jeder Rettungsberufung rückten ein Arzt und zwei Sanitäter aus. 1897 wurde die neue Zentrale in der Radetzkystraße eröffnet. Da die Ausfahrten und Interventionen ständig zunahmen, entschloss man sich 1905, eine weitere Station am Mariahilfer Gürtel zu errichten. Zur Eröffnung der ersten Filialstation wurde auch das erste Automobil im Rettungsdienst in Betrieb genommen.

Zu wenig Geld

Nach dem Ersten Weltkrieg konnten die nötigen Geldmittel für den Rettungsdienst durch Sammlungen, Lotterien und Wohltätigkeitsveranstaltungen nicht mehr aufgebracht werden. Die Wiener Stadtverwaltung, die auch den städtischen Sanitäts- und Krankenbeförderungsdienst unterhielt, musste mit Subventionen helfen. Durch den Anatomen und Gesundheitsstadtrat Julius Tandler (1869 - 1936) - selbst 1893 Sanitäter bei Mundy - war die Rettungsgesellschaft bereits lange Zeit eng mit der Gemeinde Wien verbunden. Als der Betrieb der freiwilligen Rettung nicht mehr finanziert werden konnte, wurde die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft mit der städtischen Sanität zum städtischen Rettungs- und Krankenbeförderungsdienst zusammengelegt. Seit April 1940 ist die Stadt Wien für den Betrieb des Rettungs- und Krankenbeförderungsdienstes verantwortlich. Die Krankenbeförderungstransporte wurden im Jahr 2000 eingestellt.

Das Museum

Die Sanitätsstation Gilmgasse entstand 1904 durch den Umbau eines nicht mehr benötigten Notspitals. In einem Anbau entstanden Pferdestallungen, Remisen und Unterkünfte für Sanitäter und Kutscher, in der Mitte des Hofes eine Desinfektionsanstalt. Neben der Sanitätsstation beherbergt das Gebäude heute die historische Sammlung der Wiener Rettung. Liebevoll und sachkundig betreut wird die Sammlung von Willi Erhart und Rudolf Harmer, die neben ihrer beruflichen Tätigkeit in der Zentrale der Wiener Rettung nicht nur ständig auf der Jagd sind nach neuen Objekten für die Sammlung, sondern auch - das Museum der Wiener Rettung hat leider keine geregelten Öffnungszeiten - für Interessierte nach Voranmeldung Führungen veranstalten.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 6/2003

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