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20. Dezember 2005

Der "Türckenkrieg" im Allgemeinen (Altes Medizinisches Wien 23)

"Herr Türck kam eben immer zu spät", diese Feststellung seines Rivalen Johann Nepomuk Czermak (1828 - 1873) kennzeichnet das ganze Forscherleben Ludwig Türcks (1810 - 1868). Bei seinen bahnbrechenden Entdeckungen auf dem Gebiet der Neurologie - dem Prinzip der sekundären Degeneration und der Halbseitenlähmung des Rückenmarks - kam der "Zauderer aus Gewissenhaftigkeit" mit seinen Veröffentlichungen manchmal nur um einige Tage zu spät. Den wissenschaftlichen Ruhm heimsten andere ein.

Im Prioritätenstreit um die Erfindung des Kehlkopfspiegels, mit dem der menschliche Kehlkopf erstmals direkt beobachtet werden konnte, setzte sich Türck aber vehement zur Wehr. Der Streit zwischen ihm und dem Physiologen Czermak ist als "Türckenkrieg" in die Medizingeschichte eingegangen.

Wissenschaftlicher Pionier

Im Areal des AKH in Wien im Bereich der so genannten Neuen Kliniken, an der Kreuzung AKH Lazarettgassenweg und AKH Ostring, zwischen den Gebäuden der ehemaligen I. Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten und der einstigen Neurologischen Klinik steht das Denkmal Ludwig Türcks, wissenschaftlicher Pionier beider Fachgebiete. Dem spanischen Gesangslehrer Manuel Garcia gelang 1854, was seit Beginn des Jahrhunderts viele Forscher vergeblich versucht hatten: mit einem kleinen Spiegel das Innere des menschlichen Kehlkopfs direkt zu beobachten.

Experimente nur im Sommer

Ohne von der Erfindung Garcias zu wissen, experimentierte Türck im Sommer 1857 mit selbst konstruierten Spiegelchen an Patienten seiner Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus. Als Lichtquelle verwendete er das Sonnenlicht. Mit Beginn des Winters musste er seine Versuche aus Mangel an Sonnenlicht unterbrechen. Halb durch Zufall war ich, ohne von meinen Vorgängern zu wissen, auf die Idee verfallen, einen kleinen Spiegel zur Untersuchung von Kehlkopfkrankheiten zu verwenden. Erst als ich Prof. Ludwig im Sommer 1857 das Kehlkopfinnere an einem Individuum meiner Krankenabteilung gezeigt hatte, erfuhr ich von Garcia's Untersuchungen. Ich hatte jedoch einen anderen Zweck vor Augen als Garcia, ich hatte mir nämlich vorgenommen (…), den Kehlkopfspiegel wo möglich in ein allgemein verwendbares Instrument zu verwandeln; und ich gelangte auch nach vielfältigen an Leichen sowohl als auch auf meiner Abteilung vorgenommenen Versuchen in vielen Fällen zum Ziele.

Beginn des Krieges

Im Herbst 1857 überließ er dem Physiologen Czermak einen Spiegel für weitere Untersuchungen. Am 27. März 1858 publizierte Czermak, ohne Türck zu informieren, seine Beobachtungen, die er den Winter über an seinem eigenen Kehlkopf mit künstlicher Beleuchtung gemacht hatte. In einer denkwürdigen Sitzung der Gesellschaft der Ärzte am 9. April 1858 versuchte Türck sich die Priorität der Erfindung zu sichern. Der "Türckenkrieg" hatte begonnen. Der überaus heftige Streit der beiden Forscher war aber für die Entwicklung der neuen Wissenschaft, der Laryngologie, höchst nützlich. Die gesamte medizinische Welt verfolgte und kommentierte die Auseinandersetzung. Das neue Fach blühte in kurzer Zeit auf.
Der technisch geschickte und redegewandte Czermak eroberte sich mit Vortragsreisen durch Europa eine große Anzahl begeisterter Schüler. Während er die Türcksche Erfindung vor allem technisch bereicherte - er verwendete die künstliche Beleuchtung und den durchbohrten Konkavspiegel - sammelte Türck in jahrelanger Arbeit die klinisch-pathologischen Befunde an den nun einsehbaren Organen.

Standardwerk

1866 erschien sein Lehrbuch Klinik der Krankheiten des Kehlkopfes und der Luftröhre, das mehr als ein halbes Jahrhundert das Standardwerk des neuen Fachgebietes war. Zwei Jahre später starb Türck an Flecktyphus, den er sich an seiner Abteilung geholt hatte. Ein Schüler Türcks, Karl Stoerk (1832 - 1899) trug dann wesentlich zur praktischen Anwendung des Kehlkopfspiegels bei. Es gelang ihm bald, unter Sicht Medikamente in den Kehlkopf einzuführen, und er wagte als Erster einen laryngoskopischen Eingriff am Kehlkopf. Mit einer speziell konstruierten Zange verätzte er mit Lapis ein syphilitisches Geschwür bei einer Patientin, ohne den gefürchteten Glottiskrampf und damit den Erstickungstod auszulösen. Ein bis dahin bestehendes Dogma der Medizin, das jede Manipulation am Kehlkopf untersagte, war durchbrochen.

Ein neues Fach

Mit der Erfindung des Kehlkopfspiegels hatte Türck die Voraussetzung für das neue Spezialfach Laryngologie geschaffen. 1870 gründete die Fakultät die Klinik für Laryngologie, die erste der Welt. Ihr erster Leiter wurde der Skoda- und Türck-Schüler Leopold von Schrötter-Kristelli (1837 - 1908). Schrötter entwickelte die Dilatationsbehandlung von Verengungen des Kehlkopfes und ersparte damit einer Menge Patienten die Tracheostomie, den Kehlkopfschnitt. Die Schrötterschen Zinnbolzen und die Schrötterschen Hartkautschuk-Röhren waren jedem Laryngologen bekannt. 1886 war Schrötter bereits so berühmt, dass er gemeinsam mit anderen Fachleuten zur Behandlung Friedrichs III., des deutschen Kaisers, der an Kehlkopfkrebs litt, beigezogen wurde.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 7/2003

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