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20. Dezember 2005

Anonyme Geburt schon im Jahre 1784 (Altes Medizinisches Wien 24)

Ein Spaziergang durch das Alte Allgemeine Krankenhaus in Wien ist eine Wanderung durch über zweihundert Jahre Medizingeschichte. Fast alle großen medizinischen Entdeckungen und Erfindungen in Wien wurden im „Allgemeinen“ gemacht. So war die anonyme Geburt hier von Anfang an möglich und schon 1784 hatte jeder Kranke sein eigenes Bett.

Geburtshilfe neben Tollhaus

1782 entschloss sich Kaiser Joseph II., alle Wiener Spitäler in einem Hauptspital, dem Allgemeinen Krankenhaus, zusammenzufassen. Geburtshilfe, Findlings- und Tollhaus und verschiedene Siechenhäuser sollten nach dem Vorbild des Pariser Zentralspitals „Hotel de Dieu“, das er bei einem Besuch bei seiner Schwester Marie Antoinette kennen gelernt hatte, vereint sein.

Nur zwei Jahre später, am 16. August 1784, übergab er das Allgemeine Krankenhaus saluti et solatio aegrorum, zum Heil und zum Trost der Kranken, wie die Inschrift über dem Eingang in der Alser Straße verkündet, seiner Bestimmung.

Die kurze Bauzeit erscheint im Vergleich zum Neubau des AKH – der Ausdruck AKH ist relativ neu, bis vor etwa 20 Jahren nannte man es in Wien nur das „Allgemeine“ – als sensationell kurz. Genauer betrachtet ließ aber Joseph II. ein Großarmenhaus für Kriegsinvalide aus der zweiten Türkenbelagerung im Jahre 1683 adaptieren und als Krankenhaus einrichten. Der einzige Neubau war das Tollhaus, der „Narrenturm“, der von der Bevölkerung wegen seiner ungewöhnlichen Form „Kaiser-Joseph-Gugelhupf“ genannt wurde. Der Ausdruck „Gugelhupf“ für psychiatrische Anstalten wird heute noch im Wienerischen verwendet.

Ausschreibung der Pläne

Das Allgemeine Krankenhaus sollte nach dem Willen des „Volkskaisers“ ein Musterspital werden. Vor dem Bau erhielten unterschiedliche Medici den Auftrag, Pläne für die Umgestaltung des Armenhauses in ein gut eingerichtetes Spital zu erstellen, wobei derjenige mit den zweckmäßigsten Vorschlägen die Stelle des Direktors erhalten sollte.

Als Sieger ging Joseph von Quarin, der Leibarzt des Kaisers, hervor. Er erhielt den Auftrag, aus allen vorgelegten Plänen das Brauchbarste herauszuholen und umzusetzen. Quarin wurde dann auch der erste Direktor des Hauses.

Joseph II. überwachte ständig ungeduldig die Planung und die Fortschritte der Bauarbeiten. Und es konnte schon passieren, dass er die Geduld verlor und wegen der langsamen Arbeit der Direktion wütend schrieb: „Ob nun Nachlässigkeit, Unverstand oder gar böser Wille, um die Vollziehung der Sache zu vereiteln, (…) obwaltet, will ich einstweilen nicht untersuchen (…).“

Schlechtes Vorbild

Der Bau eines Großkrankenhauses war damals nicht unumstritten. Die Mehrzahl der Ärzte plädierte für Kleinspitäler, weil dort die Ansteckungsgefahr geringer eingeschätzt wurde. Man war durch die hohe Sterblichkeit an „Hospitalfieber“ im damals einzigen Großkrankenhaus der Welt, im Zentralspital „Hotel de Dieu“ in Paris, gewarnt. Das „Hotel de Dieu“ beherbergte beinahe 5.000 Kranke bei nur etwa 1.200 Betten. Diese so genannten „großen“ Betten mussten sich drei bis vier Patienten teilen.

Der Militärchirurg Johann Hunczovsky (1725–1798) schrieb in seinen Medizinisch Chirurgischen Beobachtungen auf seinen Reisen durch England und Frankreich 1783 über das Pariser „Hotel de Dieu“:

„Hier sah ich mehrere Kranke in einem Bette beysammen liegen. Jene, die kaum ein hitziges Faulungsfieber überstanden hatten, waren mit solchen, bey denen sich die ersten Zufälle davon äußerten, vermengt. Daher kömmt es gemeiniglich, daß, wenn drey oder vier Personen beysammenliegen, obschon sie anfangs ganz verschiedene Krankheiten hatten, in der Folge alle an Faulungsfieber sterben.“

Jedem sein eigenes Bett

Joseph II., der die Verhältnisse im Pariser Zentralspital kannte, bestand jedoch aus Kostengründen auf seinem Plan zur Zentralisation aller Spitäler Wiens. In Wien sollte jedoch jeder Patient sein eigenes Bett bekommen.

In einer Nachricht an das Publikum über die Einrichtung des Hauptspitals ließ er vor der Eröffnung des Hauses verlautbaren: „Überhaupt hat man getrachtet, an Ärzten, Chirurgen, Geburtshelfern, Wehmüttern (Hebammen, Anm.) und anderen nöthigen Personen die beste Wahl zu treffen, für notwendige Arzneyen, gutes Bettgeräth und Kost zu sorgen, und dem Ganzen eine solche Gestalt zu geben, damit es daselbst Aufgenommenen an derjenigen ordentlichen und liebreichen Pflege nicht fehlen möge, die mit dem wahren Endzweck dieser menschenfreundlichen Anstalt übereinstimmt.“

Als dann am Montag, dem 16. August 1784, die ersten Patienten ins Allgemeine Krankenhaus aufgenommen wurden, standen 2.000 reguläre Betten zur Verfügung. Ein Teil der Betten hatte Joseph II. auf eigene Kosten angeschafft.

Gebärhaus gegen Kindsmord

Eine Einrichtung besonderer Art war das Gebärhaus. Laut Maximilian Stoll, dem damaligen Leiter der medizinischen Klinik, war jede siebente Geburt unehelich und Kindesmord wegen der großen Schande weit verbreitet.

Im Gebärhaus konnte jede Frau, egal ob Dienstmädchen oder Fürstin, unerkannt ihr Kind zur Welt bringen. Keine Person, die aufgenommen zu werden verlangt, wird um ihren Namen und desto weniger um den des Kindesvaters gefragt. Durch einen eigenen Eingang konnten die schwangeren Frauen – mit Larven, verschleyert und überhaupt so unkennbar, als sie immer wollen – in das Gebärhaus gelangen. Sie mussten nur einen versiegelten Zettel mit ihrem Namen bei sich tragen, damit man im Falle des Todes ihre Identität feststellen konnte. Sollte eine Frau erkannt werden, war das Personal bei strenger Strafandrohung verpflichtet, nichts zu verraten. Wollte die Mutter ihr Kind nicht behalten, kam es in das Findelhaus und danach zu einer vom Staat bezahlten Amme.

Die Einrichtung des Findelhauses bestand bis 1910. Bezahlt wurde es durch eine nicht ganz freiwillige Spende des Grafen Palm. Da er unbedingt Fürst werden wollte, wurde er von Joseph II. so kräftig zur Kasse gebeten, dass er beinahe bankrott gegangen wäre. Durchschnittlich hundert solcher Geburten monatlich zeigten aber, wie notwendig diese Einrichtung war.

Unterricht und Forschung

Das Spital mit seinen 2.000 Betten war damals eines der größten Spitäler der Welt. Von Anfang an diente das „Allgemeine“ nicht nur als Heil- und Pflegeanstalt, sondern auch dem medizinischen Unterricht und der Forschung. Trotz aller Einwände gegen ein solch riesiges Zentralspital war aber das ungeheuer große und vielfältige „Krankengut“, die räumliche Geschlossenheit und die unmittelbare Nähe der Forschenden zu den Kranken sicherlich für den großen Erfolg der Wiener Medizinischen Schule verantwortlich.

In einem Artikel zur 200-Jahr-Feier des Allgemeinen Krankenhauses schreibt der Medizinhistoriker Karl Sablik: Wien wurde hier zum Mekka der Medizin.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 8/2003

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