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20. Dezember 2005

Detektive mit dem Skalpell (Altes Medizinisches Wien 25)

Die Sammlung des Museums für gerichtliche Medizin im wunderschönen ehemaligen Hörsaal des k.u.k.-Garnisonsspitals in der Sensengasse im 9. Wiener Gemeindebezirk ist nicht nur eines der reichhaltigsten und interessantesten Dokumentationszentren für Gerichtsmedizin der Welt, sondern gibt auch einen faszinierenden Einblick in die interessante und vielfältige Arbeit der "Detektive mit dem Skalpell". Die Sammlung mit seinen über 2.000 Exponaten ist ein einzigartiges "lebendiges" Lehrbuch der Gerichtsmedizin.

Das Museum für gerichtliche Medizin ist zwar nicht öffentlich zugänglich, aber interessierte Personen aus einschlägigen Berufen können es im Rahmen einer Führung besichtigen. In erster Linie dient die Sammlung als Anschauungsmaterial bei Vorlesungen für Medizinstudenten, Amtsärzte, Juristen und Kriminalbeamte.

Lehrkanzel für Staatsarzneykunde

Vor nahezu 200 Jahren, am 21. Juli 1804, veranlasste Kaiser Franz I., eine eigene Lehrkanzel für Staatsarzneykunde zu gründen. Im Wintersemester wurde gerichtliche Medizin, im Sommersemester medizinische Polizey vorgetragen. Die österreichische Lehrkanzel ist somit die älteste für gerichtliche Medizin im deutschsprachigen Bereich. Das bevorstehende Jubiläum ist auch der Grund, dass die Sammlung zur Zeit wegen Neuordnung der Bestände und Renovierungsarbeiten nicht besucht werden kann. Die Geschichte der Sammlung beginnt erst 1875, obwohl es seit 1804 eine eigene Lehrkanzel und seit 1815 eine eigene, für damalige Verhältnisse modern eingerichtete Leichenöffnungskammer Ecke Spitalgasse und Sensengasse gab. In diesem Locale für die Leichenbeschauungen wurden neben den gerichtlichen Sektionen auch die Leichen des Allgemeinen Krankenhauses obduziert. Im Auftrag des Criminalgerichts musste der Ordinarius für Staatsarzneykunde den gerichtlichen Leichenöffnungen mit seinen Schülern beiwohnen. Als Gerichtsanatom wurde aber nicht der gerichtliche Mediziner, sondern der Pathologe bestellt.

Auf Rokitanskys Spuren

Interessantes Material wurde im damals bereits bestehenden pathologisch-anatomischen Museum gesammelt. Auch der Meister der pathologischen Anatomie, Karl Rokitansky, war seit 1832 Gerichtsanatom. Rokitansky machte sich dies zu Nutze und zog alle gerichtlichen und sanitätspolizeilichen Obduktionen an sein Institut. Erst Eduard von Hofmann (1837 - 1897) gelang es, nach dem Rücktritt Rokitanskys alle gerichtlichen und sanitätspolizeilichen Obduktionen für sein Institut, das im neu gebauten pathologisch-anatomischen Institut untergebracht war, zu gewinnen. Die Lehrkanzel für Staatsarzneikunde wurde nunmehr in eine Lehrkanzel für Gerichtliche Medizin und eine für Hygiene geteilt. Die gerichtliche Medizin, die unter Rokitansky zu einem kleinen unbeachteten Teilgebiet der Pathologie verkommen war, entwickelte sich jetzt zu einer neuen Wissenschaft. Einer Wissenschaft, die sich aller Hilfsmittel der modernen Naturwissenschaften bediente.
In diese Zeit fällt auch die eigentliche Gründung des Museums für Gerichtliche Medizin. Hofmann sammelte reichlich Anschauungsmaterial, damit er seine Vorlesungen, die er nicht nur für Mediziner, sondern auch für Juristen hielt, interessant gestalten konnte. Bekannt wurde Hofmann durch die Obduktion der 200 Leichen des Ringtheaterbrandes - in der Sammlung findet sich auch der verkohlte Kopf einer Leiche vom Ringtheaterbrand, der am 10.1.1882 obduziert wurde - und sein Gutachten über den Tod des Kronprinzen Rudolf in Mayerling.
Unter Hofmann erlebte die Wiener Gerichtsmedizin eine Blüte. Sein klassisches "Lehrbuch der gerichtlichen Medizin" verbreitete den Ruhm der Wiener Gerichtsmedizin weltweit. Die 10. und 11. Auflage dieses Buches besorgte sein Schüler Albin Haberda (1868 - 1933), der 1917 das Institut übernahm. Unter Haberda übersiedelte das Institut und die Sammlung 1922 in die 1866 errichtete ehemalige Prosektur des Garnisonspitals. Der unter Denkmalschutz stehende Mitteltrakt ist am heutigen Institutsgebäude noch gut zu erkennen. Das Gebäude beherbergte damals einen Hörsaal und darüber das Museum der Anatomie des Josephinums. Leopold Breitenecker, der 1959 die Lehrkanzel übernahm, ließ die veraltete Einrichtung erneuern, ordnete die wertvollen Bestände neu und katalogisierte sie. Das Museum, wie es sich heute präsentiert, geht im Wesentlichen auf das Engagement Breiteneckers zurück.

Einteilung des Museums

Gesammelt wurden vorwiegend Präparate, die bei gerichtlichen und sanitätspolizeilichen Leichenöffnungen gewonnen wurden. Die Einteilung des Museums entspricht den Kapiteln der gerichtlichen Medizin. Jeder Schrank des Museums ist einem bestimmten Thema gewidmet. Unterschiedliche Gewalteinwirkungen auf den Körper können so unmittelbar beobachtet und verglichen werden. Beim Betrachten der Präparate kann man sich gut vorstellen, wie ungeheuer schwierig es sein kann, ungewöhnliche Selbstmorde von Morden zu unterscheiden. In der Sammlung befindet sich der Schädel eines Selbstmörders, der sich selbst mehr als 30 Hackenhiebwunden zufügte und - als alle diese Schläge nicht den gewünschten Erfolg hatten - sich anschließend erhängte.
Ein eher unscheinbares Gefäß mit 284 Stück verkohlten Gewebeteilen und Knochenresten erinnert an ein furchtbares Verbrechen aus dem Jahr 1932. So genannte Fettfischer, das waren Kanalstrotter, die sich mit dem Abschöpfen von Fett in den Sammelkanälen von Wien ihren Lebensunterhalt verdienten, schöpften verbrannte Fleischstücke und Knochen aus dem Abwasser. Am Gerichtmedizinischen Institut stellte man fest, dass es sich um menschliche Gewebsteile handelte. Mit der "Aktion Treibholz", bei der bunte Hölzchen in die Kanäle geworfen und ihr Weg verfolgt wurde, konnten die Gerichtsmediziner und die Kriminalisten schließlich feststellen, dass die Leichenteile in Ottakring, in der Nähe der Koppstraße, in den Kanal gelangt waren. Auf Grund einer Abgängigkeitsanzeige wusste man bald über die Identität der Toten Bescheid. Auch der Mörder, der tatsächlich in der Koppstraße wohnte und die Leiche in einer Waschküche zerteilt hatte, konnte überführt werden.
Neben Wasserleichen mit Fettwachsbildung, mumifizierten Leichen, Mägen mit Löffel und Nägeln und vielen Präparaten von Leichen, die eines natürlichen Todes gestorben sind, findet sich eine kleine Bildergalerie von Tattoos auf Leichenhaut. Darunter die prächtige chinesische Tätowierung eines japanischen Schwertkämpfers, die einst den ganzen Rücken eines unbekannten Matrosen schmückte.
Ein Schaukasten, der an eine Schmetterlings- oder Käfersammlung erinnert, ist mit dem Titel "Leichenflora" beschriftet. Aus den Entwicklungsstadien von Fliegenlarven und anderem Getier, das sich auf lange liegenden Leichen findet, können Gerichtsmediziner auf den Todeszeitpunkt rückschließen. Neben den Präparaten besitzt das Museum auch eine Sammlung von Tatwerkzeugen. Von primitiven Werkzeugen bis zu modernen Waffen ist hier alles vertreten. Ein besonderes Stück der Sammlung ist die Feile, mit der Kaiserin Elisabeth von Luigi Lucheni am 10. November 1898 in Genf erdolcht wurde. Dieses Tatwerkzeug bekam Breitenecker als Geschenk zur 600-Jahr-Feier der Wiener Universität von der Schweizer Gerichtsmedizin überreicht.

Der Kopf eines Mörders

Der Kopf des Attentäters Lucheni befand sich ebenfalls in Wien. Dieser wurde am 24. 12. 1985 in Formaldehyd vom Gerichtsmedizinischen Institut in Genf ins Pathologisch-Anatomische Bundesmuseum im Narrenturm überstellt. Besichtigt konnte der Kopf aber nicht werden. Eine Auflage verbot dies. Im Jahr 2000 begrub man letztendlich das mittlerweile 90 Jahre alte Präparat in den so genannten Anatomiegräbern am Wiener Zentralfriedhof.
Die Präparate des Museums bieten einen einzigartigen Überblick über die verschiedensten natürlichen und fremdverschuldeten Todesarten und Leichenveränderungen durch Brand, Wasser oder elektrischen Strom. Einige große Kriminalfälle des vorigen Jahrhunderts sind ebenfalls durch Präparate dokumentiert. Eine Sammlung von Obduktionsprotokollen, die bis ins Jahr 1842 zurückreichen, vervollständigt dieses außergewöhnliche "Lehrbuch" der Gerichtsmedizin.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 10/2003

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