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20. Dezember 2005

Krebsaugen, Drachenblut, Bibergeil (Altes Medizinisches Wien 26)

Das Museum des Instituts für Pharmakognosie im Pharmaziezentrum im 9. Wiener Gemeindebezirk informiert über seltene pflanzliche, mineralische und tierische Drogen aus praktisch allen Teilen der Welt.

Ebenso zu besichtigen sind pharmaziehistorisch wertvolle Apparaturen aus dem Laborbereich, Apothekengeräte, Standgefäße und Arzneibücher. Apothekeninventar aus mehreren Jahrhunderten, Mörser, Destillierapparate, kuriose Verpackungen, Aufbewahrungsgefäße aus Holz, Zinn, Glas und Porzellan erzählen dem Besucher die spannende Geschichte der Pharmazie.

Pflanzliche Arzneimittel

Etwa 70.000 Pflanzen von den rund 500.000 höheren Pflanzen unseres Planeten werden zur Behandlung von Krankheiten genutzt. Nur ein Bruchteil dieser Pflanzen ist pharmakologisch untersucht - ein fast unerschöpfliches und spannendes Forschungsgebiet. Niemand weiß, wie viele potenzielle Kandidaten für moderne Wirkstoffe hier noch verborgen sind. Für einen Großteil der Weltbevölkerung sind pflanzliche Arzneimittel auch heute noch die einzig verfügbaren Medikamente. Auch bei uns stehen Heilkräuter hoch im Kurs. Heilmittel aus der Natur und Arzneipflanzen erleben eine Renaissance. Vielfach wird dabei aber vergessen, dass diese als "natürlich" und "sanft" eingeschätzten Arzneimittel genauso potent oder giftig sein können wie synthetisch hergestellte Substanzen und deshalb genauso sorgfältig angewendet und kontrolliert werden müssen.

Wien ist Weltspitze

Die Wissenschaft, die sich mit der Erforschung und Qualitätssicherung dieser sogenannten biogenen Arzneimittel (Arzneistoffe pflanzlichen, mineralischen oder tierischen Ursprungs) beschäftigt, ist die Pharmakognosie. Obwohl das Fach Pharmakognosie an der Universität Wien auf eine fast 200-jährige Geschichte zurückblickt, sind das Fachgebiet, seine Aufgabenstellungen und Forschungen,selbst unter Gebildeten wenig bekannt. Das Pharmakognostische Institut in Wien, eines der weltweit modernsten und größten Institute, erforscht, selektiert, kultiviert und isoliert mit wissenschaftlichen Methoden Inhaltsstoffe von Produkten, die aus der belebten Natur stammen und die als Arzneimittel, pharmazeutische Rohstoffe oder als Hilfsstoffe verwendet werden. Etwas mehr als moderne "Kräuterkundige" sind die Pharmakognosten aber doch. Durch die Erstellung wissenschaftlicher Grundlagen und ausgefeilter Analysemethoden hat die Pharmakognosie nicht nur Naturstoffe isoliert, die genau dosiert in Tablettenform verabreicht werden können, sondern auch wesentlich zur naturwissenschaftlich begründbaren Anwendung von Arzneipflanzen und Arzneipflanzengemischen beigetragen. Die Wirkstoffsuche und Absicherung der Unbedenklichkeit nicht nur in Pflanzen der europäischen Volksmedizin, sondern auch in pflanzlichen Arzneimitteln fremder Kulturkreise - die Ethnopharmakognosie also - sind ein Forschungsschwerpunkt der Pharmakognosie in Wien.
1994 übersiedelte das Pharmakognostische Institut der Universität Wien von einem für ihr Fach historischen Boden - gemeint ist das Josephinum in der Währingerstraße - in das neue Pharmaziezentrum im Areal Althanstraße. Historischer Boden deshalb, weil im Jahr 1811 der Professor der Allgemeinen Pathologie an der Medizinisch-chirurgischen Josephsakademie, Johann Adam Schmidt, für die so genannte "Pharmazeutische Warenkunde" - die Beschreibung mineralischer, pflanzlicher und tierischer Drogen - den Begriff Pharmakognosie prägte. Der Begriff wird heute weltweit in pharmazeutischen Fachkreisen verwendet. Nach der Übersiedelung war es möglich, Teile der Materialbestände des Instituts in einem eigens dafür vorgesehenen Museum zu präsentieren. Das Institut beherbergt zwei historische Sammlungen: eine umfangreiche Drogensammlung mit etwa 18.000 pflanzlichen und seltenen tierischen Drogen und eine pharmaziehistorische mit pharmazeutischen Geräten und Arzneibüchern, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen.

Umfangreiche Drogensammlung

Angelegt wurde die Drogensammlung 1849 von Damian Schroff, der für seine Vorlesungen über "Pharmakognosie für Mediziner und Pharmazeuten" Drogen und Herbarien als Anschauungsmaterial sammelte. Durch Ankäufe und eigene Sammeltätigkeit bemühte er sich, die Sammlung ständig zu vergrößern. Vor allem der Ankauf der umfangreichen Sammlung des Erlanger Pharmakognosten Theodor Martius bereicherte im Jahr 1854 die Wiener Bestände enorm. Auch heute noch tragen einige Stücke der Ausstellung als Herkunftsbezeichnung den Namen Martius. Ein weiterer Teil stammt aus dem Material der wissenschaftlichen Expedition der kaiserlichen Fregatte Novara, die 1857 bis 1859 die Erde umsegelte und reichlich naturwissenschaftliche Beute mitbrachte. Die damals sensationellen und wegen ihrer Einmaligkeit ungeheuer wertvollen Heilmittel, vor allem aus China und Chile, sind bis heute in den Originalgefäßen aufbewahrt.
Der "Vater der Pharmakognosie" in Wien, August Emil Vogl (1833 bis 1909), baute die Sammlung weiter aus. In seiner Zeit als Ordinarius kam auch der gut erhaltene ägyptische Mumienkopf dazu. Im Jahr 1898 war die Sammlung bereits auf 6.866 "Arzneikörper" angewachsen und stellte eine wissenschaftliche und touristische Sehenswürdigkeit in Wien dar. Durch Übernahme verschiedener Drogen, Hölzer und Herbarien wuchsen die Bestände kontinuierlich. Vorwiegend afrikanische und asiatische Drogen kamen 1989 über die Kollektion des Nobelpreisträgers Tadeus Reichstein in den Besitz des Wiener Instituts. Die Sammlung wird auch heute noch laufend erweitert, in den letzten Jahren mit Arzneidrogen aus Indonesien, Buthan, China und Tibet. Die in ihren Anfängen eher kleine pharmaziehistorische Sammlung erfuhr eine bedeutende Erweiterung, als 1977 verschiedene Geräte der k.k. Hofapotheke vom Institut übernommen wurden. Nach Schließung der Apotheke im Jahr 1991 - in den Räumlichkeiten der ehemaligen Apotheke befindet sich heute das Lipizzanermuseum - konnte das gesamte noch vorhandene Inventar eingegliedert werden. Weitere interessante Stücke stammen aus der ehemaligen Bundesanstalt für Chemisch-Pharmazeutische Untersuchungen, der Anstaltsapotheke des Alten Allgemeinen Krankenhauses in Wien und aus Spenden von Privatpersonen.

Interessante Besichtigungen

Die interessantesten Exponate der beiden Sammlungen können heute in einem attraktiven Rahmen besichtigt werden. Seltene tierische Drogen wie Krebsaugen, das sind Kalk-Konkremente aus dem Magen des Flusskrebses, getrocknete Skorpione, Seepferdchen und Korallen finden sich hier neben einem ägyptischen Mumienkopf, der unter der Bezeichnung Mumia zur Herstellung von Wundmittel und Pflastern bis Ende des 18. Jahrhunderts in der Humanmedizin und in der Veterinärmedizin sogar bis Ende des 19. Jahrhunderts verwendet wurde.
Der Bogen der Objekte spannt sich von Medikamenten aus China über verschiedene zum Teil kuriose Transportverpackungen wie Aloe in Affenhaut, Zibet in mit Tierhaut verschlossenen Hörnern, Bambusrohr zum Verschicken von chinesischem Quecksilber und prächtigen, mit farbigem Papier beklebten Teekisten aus dem 19. Jahrhundert. Die Verpackungsmaterialen, aus denen man zum Teil bereits Herkunft und Qualität der Ware erkennen konnte, sind heute seltene Raritäten. In der Vergangenheit waren sie ja von geringem Wert, wurden oft beschädigt und blieben daher nur wenigen Objekten erhalten. Riesige Schwämme und Bibergeil, der Inhalt der Sekretionsorgane des Bibers, das bereits die Römer und Griechen verwendeten, sind ebenso vertreten wie asiatisches Drachenblut - ursprünglich das Harz der Drachenblutpalme, später auch verschiedenste rotgefärbte Harze - das zur Blutstillung und bei Darmerkrankungen eingesetzt wurde.
Exquisite Raritäten sind ein Holzkästchen mit Gegengiften, ein Antidotakasten mit Originalfüllung aus dem Jahr 1865 und ein metallener Apothekenschrank des Malteser-Ritterordens, der in Sanitätswaggons der Eisenbahn ab 1878 eingesetzt wurde. Uralte Arzneibücher, Standgefäße, Vorratsdosen, Pillenmaschinen, Dragierkessel, Zäpfchenformen, Mörser, Pressen, Mikroskope und prachtvolle Destillierapparate vervollständigen diese einzigartige Sammlung. Die Möglichkeit, Arznei- und Giftpflanzen im Original betrachten, beriechen oder begreifen zu können, bietet der Schaugarten des Instituts. Im Arzneipflanzengarten, der in der Zeit von 09:00 bis 17:00 Uhr öffentlich zugänglich ist, können etwa 120 Pflanzen aus nächster Nähe studiert werden. Der Zugang ist über Stiege G, Ebene 1 möglich.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 11/2003

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