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20. Dezember 2005

Der Erforscher der Seele (Altes Medizinisches Wien 27)

Wien IX, Berggasse 19 ist wohl eine der berühmtesten Adressen der Welt. In diesem Haus, in der abschüssigen, grauen Straße im 9. Wiener Bezirk lebte und ordinierte Sigmund Freud von 1891 bis zu seiner erzwungenen Emigration nach London 1938. Hier schuf er die Grundlagen der Psychoanalyse, der Tiefenpsychologie und der Psychosomatik. Von hier eroberte die Psychoanalyse die ganze Welt.

Als Freud am 23. September 1939 im Londoner Stadtteil Hampstead, 20 Maresfield Gardens, starb, verkündeten die Schlagzeilen in London: "Hampstead Dream-Doctor Dies". Freud hat aber wesentlich mehr getan, als Träume analysiert und gedeutet. Von ihm geprägte Begriffe sind in die Alltagssprache eingegangen, und seine Forschungen haben nicht nur die Psychiatrie und Psychologie, sondern praktisch alle Gebiete der Geisteswissenschaften, der Pädagogik und nicht zuletzt die Dichtung entscheidend beeinflusst. Interessant ist, dass seine Lehre gerade von der Neuen Welt, gegen die Freud zeit seines Lebens eine gewisse Abneigung hegte, ihren Siegeszug antrat. In Europa und besonders in Wien legte man der Psychoanalyse noch sehr lange Zeit Knüppel in den Weg. Trotz weltweiter Würdigung seiner Leistungen fand Freud im offiziellen Wien bis zu seinem Tod recht wenig Anerkennung.
Die Gedenktafel aus Marmor neben dem Hauseingang des Gründerzeitbaus, der heute unter Denkmalschutz steht, wurde erst 1953 anlässlich des Weltkongresses für Psychische Hygiene vom amerikanischen "Propheten" der Psychoanalyse Karl Menninger gemeinsam mit dem weltberühmten Aggressionsforscher Friedrich Hacker angebracht. Erst über 30 Jahre nach seinem Tod entschloss sich die österreichische Regierung, als symbolischen Akt der Wiedergutmachung, seine Wohnung und seine Ordination in der Berggasse als Museum und Forschungsstätte umzugestalten.

Ordinationsrundgang

Die Eingangstür mit der Nummer 4 führt in die Hochparterrewohnung, die Freud bis 1908 als Ordination verwendete. Das Wartezimmer war der Versammlungsort der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft, aus der die Wiener Psychoanalytische Vereinigung hervorging. Im Mezzanin, einen Halbstock höher, war Freuds Privatwohnung. Freud hatte sie von Victor Adler, dem Arzt und Gründer der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, übernommen. Adler, der das Haus Berggasse 19 von seinem Vater geerbt hatte, ordinierte hier als Armenarzt. Finanziell unabhängig - sein Vater war ein erfolgreicher Kaufmann - konnte er es sich leisten, ohne Honorare zu behandeln. Seine ärmsten Patienten versorgte er auch noch mit Medikamenten und Lebensmitteln. Victor Adler, der Armeleutedoktor, ging in seiner Großzügigkeit aber zu weit. Er verlor sein Vermögen, musste das Haus Berggasse 19 verkaufen und seine Ordination aufgeben. Freud mietete nach der Geburt seines fünften Kindes - er hatte insgesamt sechs Kinder, drei Töchter und drei Söhne - zusätzlich den Gartentrakt im Hochparterre des Hauses und verlegte seine Ordination dorthin.
Der Schriftsteller Ernst Lothar, der Freud einmal anlässlich eines Interviews besuchte, beschrieb die Ordination folgendermaßen:
Man gelangt in ein finsteres, auch bei Tageslicht künstlich beleuchtetes Vorzimmer, danach in ein Wartezimmer, so bedrückend wie alle Wartezimmer. Und der Herr, der nach einigem Wartenlassen auf der Schwelle erschien und routinemäßig "Bitte einzutreten" sagte, sah wie ein typisch österreichischer Arzt aus. Schnurr- und Kinnbart, kurz gehalten in einem schmalen Gesicht, tiefer Kragen, der dem Hals Bequemlichkeit ließ, eine kleine schwarze Masche zwischen den Kragenrändern (...). Hinter den Schreibtisch tretend sagte Freud: "Nehmen Sie Platz." Wie andere österreichische Ärzte. Doch schon im nächsten Augenblick war er keineswegs wie andere (...). Da saß ein Mann am Schreibtisch und machte eine Röntgenaufnahme der Seele mit nichts als seinen Augen (...). War es das, was ihn den Wiener Medizinern so verdächtig machte, dass sie keine Professur für ihn übrig hatten? Da saß der typische Österreicher, dem Österreich nicht wohl wollte, und stellte untypische Fragen. Aber ich wehrte ab. Als Patient sei ich nicht gekommen - "obwohl Sie einer sind", sagte er. Seit 1971 zeigt das Sigmund-Freud-Museum in den ehemaligen Praxisräumen eine Ausstellung zu Leben und Werk des Begründers der Psychoanalyse.

Persönliche Exponate

Kleine persönliche Objekte - Spazierstock wie Hut und Sportmütze, ein Handkoffer mit den Initialen "S. F.", die Wanderflasche, die Freud auf seine Sonntagsspaziergänge in den Wienerwald mitnahm und ein Kleiderbügel, den er während seiner Ausbildungsjahre im Allgemeinen Krankenhaus verwendete - lassen das unverändert belassene Vorzimmer noch immer bewohnt erscheinen. Der Jugendstilaschenbecher aus Kupfer und Messing gleich neben der Eingangstür gehörte schon damals zur Ausstattung. Vom Vorzimmer wurden die Patienten und Besucher durch die rechte Tür in das Wartezimmer geführt. Dieser Raum wurde nach den Erinnerungen seiner Tochter Anna Freud und der Haushälterin Paula Fichtl wiederhergestellt und mit den Möbeln ausgestattet, die bereits zur Zeit der Psychologischen Mittwochs-Gesellschaft in Gebrauch waren. Im Bücherschrank und im Wandregal finden sich Bücher aus Freuds Privatbibliothek und archäologische Funde aus seiner Sammlung.
Vom Wartezimmer gelangte man durch eine für österreichische Arztpraxen typische schalldichte Doppeltüre in das Behandlungszimmer. Hier stand sie, die berühmte, berüchtigte Couch. "Ich halte an dem Rate fest, den Kranken auf einem Ruhebett lagern zu lassen, während man hinter ihm, von ihm ungesehen, Platz nimmt." Hier entwickelte er sein revolutionäres Verfahren der freien Assoziation, wodurch er sich Zugang zum unbewussten Seelenleben erhoffte. Die Ideen über Bedeutung der Verdrängung von sexuellen Erlebnissen der Kindheit entstanden in diesem Raum. Die Couch, die meisten Möbel und der Großteil von Freuds Antikensammlung befinden sich heute im Freud-Museum in London. Großformatige Fotos aus der Fotoserie "Vor der Abreise" von Edmund Engelmann zeigen, wie Ordination und Arbeitszimmer eingerichtet waren. Die Fotos entstanden im Frühjahr 1938, einige Monate vor Freuds Emigration nach London. Bilder, Bücher, Autographen, Fotos und Dokumente vermitteln Einblicke und Kenntnisse über die Entstehung der analytischen Theorie und Praxis. Im Medienraum werden seltene private Film- und Tondokumente der Familie Freud gezeigt. Das Filmdokument "Freud 1930-1939 mit einem Kommentar von Anna Freud" wurde von Freuds Tochter in ihren letzten Lebensjahren zusammengestellt.
Das Museum wird von der 1968 von Friedrich Hacker gegründeten Sigmund-Freud-Gesellschaft betreut. Die Gesellschaft gibt ein wissenschaftliches Bulletin heraus und neben regelmäßigen öffentlichen Vorträgen und Seminaren betreut die Gesellschaft eine öffentlich zugängliche Fachbibliothek für Psychoanalyse, die aus bescheidenen Anfängen zu einer der größten psychoanalytischen Fachbibliotheken Europas mit heute mehr als 30.000 Bänden gewachsen ist. Ein Archiv zur Geschichte der Psychoanalyse, eine Kunstsammlung und wechselnde Ausstellungen, die den enormen Einfluss der Psychoanalyse nicht nur auf die Medizin, sondern ebenso auf Kunst, Erziehung, Soziologie und Philosophie beleuchten, machen das Haus Berggasse 19 heute nicht nur zu einer Gedenkstätte für den Arzt, der das Verständnis der menschlichen Psyche grundlegend veränderte, sondern auch zu einem Ort vielfältiger Konfrontationen mit der Psychoanalyse.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 12/2003

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