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20. Dezember 2005

Wachsmodelle als Publikumshit (Altes Medizinisches Wien 28)

Die Venus mit herausnehmbaren Eingeweiden, die weltweit größte Sammlung geburtshilflicher Wachsmodelle, historische chirurgische Instrumente, ein Rauchtabakklistier, dem wiederbelebende Kräfte zugeschrieben werden, das Operationspräparat der ersten erfolgreichen Magenresektion der Welt, die Entdeckung der Blutgruppen und vieles mehr sind in den Vitrinen des Museums für Geschichte der Medizin im Josephinum in der Wiener Währingerstraße ausgestellt.

Ein schönerer Rahmen für das Museum und das Institut für Geschichte der Medizin der Universität Wien als das Josephinum ist wohl kaum vorstellbar. Die palaisartige Ehrenhofanlage, einer der bedeutendsten Zweckbauten der josephinischen Ära, gilt als das Hauptwerk Isidore Canevales. Nach nur zweijähriger Bauzeit konnte die Medizinisch-Chirurgische Militärakademie am 7. November 1785, ein Jahr nach der Eröffnung des Allgemeinen Krankenhauses, von Joseph II. eröffnet werden.

Ausbildung zu Medico-Chirurgen

Mit der Gründung der Akademie, der für die praktische Ausbildung das Garnisonsspital mit 1.200 Betten angeschlossen war, wollte Joseph II. den damals nur handwerklich ausgebildeten Feldchirurgen eine akademische Ausbildung zukommen lassen. Der Kaiser kannte den erbärmlichen Zustand des Heeres-Sanitätswesens. Nicht nur beim Militär gab es damals zwei Kategorien von Heilspersonen: die Mediciner, also die gelehrten Doctoren, und die Wundärzte, die handwerklich ausgebildeten Chirurgi.
Joseph II. wünschte sich für den Sanitätsdienst im kaiserlichen Heer Sanitätspersonen, so genannte Medico-Chirurgen, die sowohl in Innerer Medizin als auch in Chirurgie gründlich ausgebildet waren. Mit der Medicinisch-Chirurgischen Josephs-Akademie und einem von ihm selbst entworfenen Studienplan für Mediziner und Chirurgen wollte Joseph II. die Vereinigung der beiden Teile der Heilkunde erzielen. Schon 1783 hatte er die Chirurgie zu einem höheren freien Studium erklärt und vom Zunftzwang befreit. Seit 1784 gab es ein chirurgisches Doktorat, und 1786 wurden die Studierenden der Chirurgie denen der Medizin gleichgestellt. Um den Studenten einen möglichst plastischen anatomischen Unterricht zu bieten, ließ Joseph II. für 30.000 Gulden in Florenz eine Sammlung anatomischer und geburtshilflicher Wachspräparate, insgesamt 1.192 Einzelstücke, herstellen.
Obwohl es einige gute Lehrer und auch Wissenschaftler im Lehrkörper der Akademie gab, konnte sich das Josephinum nie so recht durchsetzen. 1874 wurde es endgültig als Ausbildungsanstalt aufgelassen. Im leer stehenden Gebäude des Josephinums wurde 1920 auf Initiative des Internisten Karel Frederik Wenckebach das 1914 von Max Neuburger gegründete Institut für Geschichte der Medizin untergebracht. Der Lehrstuhl für Geschichte der Medizin besteht aber bereits seit 1848. Die historischen Bestände der Josephs-Akademie gingen in den Besitz des Instituts über.

Vor allem Wiener Medizin

Da die Bestände hauptsächlich aus Wiener Kliniken und aus der Josephinischen Akademie selbst stammen, ist das Museum für Geschichte der Medizin in erster Linie ein Museum der Wiener Medizin. In Dokumenten, Büchern und Schauobjekten wird die Wiener Medizin von Beginn des klinischen Unterrichts unter van Swieten und de Haen über die Erfindung der Auskultation durch Leopold Auenbrugger bis zur Phrenologie des Hirnanatomen Franz Josef Gall dargestellt. Die Begründung der Augenheilkunde durch Georg Josef Beer ist ebenso dokumentiert wie die weit vorausschauende Hygiene und Sozialmedizin des Johann Peter Frank. Besonders reichhaltig vertreten ist die Wundarzneikunde mit chirurgischen Instrumenten, die Joseph II. für seine Akademie anfertigen ließ. Ein Kuriosum ist die Kassette mit dem Tabakklistier (Abb. 1), das einst zur Wiederbelebung verwendet wurde. Oral inhaliertem Tabak wird heute wohl eher die gegenteilige Wirkung zugeschrieben.

Großtaten der Medizin

Der weltberühmten Zweiten Wiener Medizinischen Schule des 19. und anbrechenden 20. Jahrhunderts ist der zweite Saal gewidmet. Die Begründung der pathologischen Anatomie durch Karl von Rokitansky und die Entwicklung der physikalischen Diagnostik durch Joseph Skoda ist ebenso belegt, wie die Entdeckung der Ursache des Kindbettfiebers durch Ignaz Philipp Semmelweis und die Neubegründung des Faches Dermatologie durch Ferdinand Hebra. Ein besonderes Objekt der Sammlung ist das Operationspräparat der ersten erfolgreichen Magenresektion der Welt am 29. 1. 1881 durch Theodor Billroth. Großtaten der Medizin, wie die Entwicklung der Psychoanalyse durch Sigmund Freud, die Einführung der Lokalanästhesie durch Carl Koller, Karl Landsteiners Entdeckung der Blutgruppen und die Malaria-Fiebertherapie Wagner-Jaureggs bei der progressiven Paralyse sind in den Vitrinen des Wenckebachsaals mit Dokumenten, Instrumenten, Fotografien und Präparaten hervorragend präsentiert.

Anatomische Wachspräparate

Höhepunkt eines Museumsbesuchs sind aber zweifellos die anatomischen Wachspräparate in ihren Rosenholz- und Palisandervitrinen hinter venezianischem Glas. Beim Publikum beliebt war die Sammlung bereits Anfang des 19. Jahrhunderts. Ein Zeitgenosse schreibt in einem Reisebericht 1802:
Wie groß die Aufklärung in Wien ist, sieht man hier besonders, da eine Menge Frauenzimmer herkommen, um Anatomie zu studieren, und ohne Erröthen vor allen Präparaten stehen bleiben. Ich bin wenigstens kleinstädtisch genug, um nicht begreifen zu können, wie eine Mannsperson das Herz hat, ein Frauenzimmer hierher zu bringen, und dieses hier einen Augenblick verweilen kann.
Die Wachsmoulagen wurden unter Aufsicht der beiden Anatomen Felice Fontana (1720-1805) und Paolo Mascagni (1752-1815) in den Jahren 1775-1785 in Florenz hergestellt und anschließend mit 20 Maultieren über den Brenner nach Linz und von dort auf der Donau nach Wien gebracht. Ende des 18. Jahrhunderts hatte die Wachsmodellierkunst, die Bossierkunst, in Italien und hier besonders in Florenz ihren Höhepunkt erreicht. Nach Wachsabdrücken von sezierten Leichen wurden die Präparate mit gefärbtem Wachs hergestellt. Nerven und Gefäße formte man aus Draht und überzog sie anschließend mit Wachs. Seidenfäden bildeten die Grundlage für die feinsten Lymphgefäße. Mascagni, der für seine Forschungen über das Lymphgefäßsystem bekannt wurde, versah die Präparate in üppiger Weise mit Lymphgefäßen. Selbst dort, wo es keine gibt, etwa an der Gehirnoberfläche. Wenn auch einzelne Präparate aus heutiger Sicht der wirklichen Anatomie des Menschen nicht vollkommen entsprechen, so sind sie doch einzigartige Dokumente plastischer anatomischer Lehrmittel.
Zu jedem Wachspräparat gab es zur Erklärung für die Studenten eine Beschreibung in deutscher und italienischer Sprache und ein Aquarell. Faszinierend an den Präparaten ist ihre Eleganz und Schönheit. Künstlerisch beeindruckend ist die Darstellung der Bewegung, die sich besonders beim Lymphgefäß- oder Muskelmann zeigt. Besonders liebevoll gemacht und eigenartig berührend ist die auf feinsten weißen Atlas gebettete Nachbildung der Mediceischen Venus mit wallendem blondem Haupthaar, zweireihiger Perlenkette und herausnehmbaren Eingeweiden (Abb. 2). Die weltweit größte Sammlung geburtshilflicher Wachsmodelle, von der Befruchtung bis zur Zangengeburt, wird im Rahmen einer Führung gezeigt.

Einzigartige Fachbibliothek

Neben dem weltbekannten Museum beherbergt das Institut für Geschichte der Medizin im Josephinum noch das Nitze-Leiter Museum für Endoskopie, die Sammlung für Geschichte der Anästhesie und Intensivmedizin und eine im Aufbau befindliche Sammlung ethnomedizinischer Objekte. Das Institut besitzt auch die einzige medizinhistorische Fachbibliothek Österreichs, die mit einem Gesamtbestand von etwa 95.000 Bänden praktisch alle Epochen und Spezialfächer der Medizingeschichte beinhaltet. Den wertvollsten Teil bildet die so genannte Josephinische Bibliothek. Bücher aus den Anfängen der Buchdruckerkunst vom 15. bis ins 18. Jahrhundert bilden den Kern der Bibliothek, die bis heute kontinuierlich ergänzt und erweitert wird. Besonders reich ist die Bibliothek, ihrem ursprünglichen Lehrzweck entsprechend, an anatomischen Lehrbüchern und Atlanten sowie an chirurgischen Büchern. Die Handschriftensammlung und ein riesiges Bildarchiv mit Raritäten wie etwa Aquarellen von seltenen Augenkrankheiten - vom Begründer der Augenheilkunde, Georg Joseph Beer (1763-1821), selbst hergestellt - und prachtvollen Originalzeichnungen der bedeutendsten Illustratoren der Zweiten Wiener Schule vervollständigen die Sammlungen des Instituts und machen es zu einem medizinhistorischen Dokumentationszentrum von aller erster Güte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 13/2003

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