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20. Dezember 2005

Kaiser Josephs Gugelhupf (Altes Medizinisches Wien 29)

Die ehemaligen "Narrenbehältnisse" des wohl ungewöhnlichsten Bauwerks der josephinischen Architektur beherbergen heute die älteste und mit annähernd 50.000 Exponaten größte Schausammlung pathologisch-anatomischer Präparate der Welt. Gemeint ist der Narrenturm im 6. Hof des Alten Allgemeinen Krankenhauses im 9. Wiener Gemeindebezirk, das erste Spezialinstitut für Geisteskranke in Europa.

Beginn der "Irrenpflege"

Durch die Umwidmung und Adaptierung des Großarmenhauses in der Alser Straße entstand 1784 unter Joseph II. der riesige Komplex des Allgemeinen Krankenhauses. Der einzige Neubau der Anlage war das "Tollhaus", bestimmt für die "unglücklichen Opfer des Wahnwitzes". Der "Narrenturm", wegen seiner eigentümlichen Form von den Wienern "Kaiser Josephs Gugelhupf" genannt, wurde noch vor der Eröffnung des "Allgemeinen" fertiggestellt und bereits am 19. April 1784 seiner Bestimmung übergeben.
Das "Tollhaus" als das erste Spezialinstitut für Geisteskranke markiert den Beginn einer "Irrenpflege" in Europa. Obwohl das festungsartige Gebäude - ringförmig und in fünf Geschossen waren 139 "Narrenbehältniße" untergebracht - eher an ein Gefängnis als an einen Spitalsbau erinnert, dokumentiert dieses Bauwerk doch die humanitären Bestrebungen des Kaisers, der die "Wahnwitzigen" als Kranke anerkannte, was damals durchaus nicht selbstverständlich war. Tobende Irre wurden zwar zum Selbstschutz angekettet, dem Personal war aber ausdrücklich jede üble Behandlung der Irren strengstens untersagt.

Attraktion und Unterhaltung

Der Narrenturm war bald eine Attraktion und eine Unterhaltung ersten Ranges in Wien. Gegen ein kleines Trinkgeld an die Wärter konnte das hochgeschätzte Publikum den Turm und, was noch viel amüsanter war, die närrischen Insassen besichtigen.
Erst Johann Peter Frank (1745 - 1821) verbot als Direktor des Allgemeinen Krankenhauses den Schaulustigen den Zutritt und ließ 1796 einen Garten anlegen, der nur für die Irren bestimmt war. Die Ketten im Turm wurden aber erst 1839 unter Primararzt Michael Viszanik (1792 - 1872) entfernt. Bis 1866 war der Narrenturm mit Kranken belegt. Danach dienten die "Narrenbehältniße" als Werkstätten, Personalwohnungen und Dienstzimmer für Schwestern und Ärzte des Allgemeinen Krankenhauses. 1971 übersiedelte das seit 1796 bestehende Pathologisch-anatomische Museum in den Turm.
Den Grundstein für die systematische Sammlung pathologisch-anatomischer Präparate legte eine Verfügung des Sanitätsrates aus dem Jahr 1795: Da in einem Krankenhaus, in welchem jährlich 14.000 Kranke aller Art aufgenommen werden, die beste Gelegenheit gegeben ist, pathologisch-anatomische Präparate zu sammeln, so wird sämtlichen Ärzten im Allgemeinen Krankenhaus befohlen, merkwürdige Stücke in Weingeist aufzubewahren. Den erforderlichen Weingeist liefert das Krankenhaus auf Anweisung der Primare.

Europäisches Zentralmuseum

Fast 200 Jahre später, in den Jahren 1974-1993, entwickelte sich die Sammlung unter der Leitung von Hofrat Portele zu einem "Europäischen Zentralmuseum", in dem viele internationale Sammlungen aufgingen. Wo immer er konnte, übernahm Portele Sammlungen, die aus Raumnot heimatlos geworden waren und verloren gegangen wären. Der Bestand der Sammlung wuchs von 7.000 auf rund 50.000 Objekte und wird auch heute noch laufend erweitert. Gesammelt werden durch Krankheiten veränderte Knochen- und Trockenpräparate, so genannte Mazerationspräparate, Feuchtpräparate - Leichenteile und Operationspräparate in Formaldehyd - und Moulagen, bemalte Wachs- und Paraffinabdrücke von kranken Körperteilen, die in der Zeit vor der Erfindung der Farbfotografie die einzige Möglichkeit zur anschaulichen Dokumentation waren. Ein Meister der Moulage war der Arzt und Künstler Karl Henning (1860-1917), aus dessen Moulagen-Institut im Allgemeinen Krankenhaus Tausende farb- und formgetreue Abdrücke, vor allem von Erkrankungen der Haut, wegen ihrer künstlerischen Qualität in die ganze Welt gingen.
Der Wert der Sammlung liegt heute nur mehr zum kleinen Teil darin, Anschauungsmaterial für Medizinstudenten und andere medizinische Berufe zu sein. Weitaus wichtiger ist die Dokumentation von Krankheiten und ihren Verläufen durch mehr als zwei Jahrhunderte. Krankheiten, die es heute entweder nicht mehr gibt oder die wegen neuer Therapieformen - zum Beispiel Antibiotika - in dieser Form oder Ausprägung zum Glück nicht mehr vorkommen.

Medizingeschichte und Pathologie

Das Museum ist in zwei Abschnitte gegliedert. Im Erdgeschoss eine Schausammlung, die den medizinischen Laien über Medizinhistorisches, verschiedene Krankheitsbilder, den Beruf des Pathologen und die Geschichte des Turmes informiert. Schautafeln, Statistiken, historische und aktuelle Zeitungsausschnitte erläutern zum Beispiel die Geschichte und Behandlung der klassischen Ansteckungskrankheiten Syphilis und Tuberkulose.
Neben einer komplett eingerichteten Apotheke aus dem Jahr 1820, einem historischen Gebärstuhl und einer Zahnarztpraxis aus den 60er- Jahren des letzten Jahrhunderts wird auch die Entwicklung der Prothesen dokumentiert. Ein besonders schönes Exponat ist der Vertreterkoffer einer englischen Orthopädiefirma mit Miniprothesen in Puppengröße als Muster.
Der Gedenkraum für Carl von Rokitansky (1804-1878) erinnert an einen der berühmtesten Vorstände des Museums. Rokitansky, der Internist Joseph Skoda und der Dermatologe Ferdinand von Herbra gelten als die Begründer der weltberühmten so genannten "II. Wiener Medizinischen Schule".

Pathologisch-anatomische Sammlung

Die wissenschaftliche Sammlung pathologisch-anatomischer Präparate befindet sich im ersten Stock. Um sich in der unglaublichen Vielfalt der Präparate zurechtzufinden, sollte man unbedingt an einer Führung teilnehmen. Skripten und eine Kurzbeschreibung der Sammlung können aus dem Internet gratis heruntergeladen werden.
In schier endloser Reihe - der kreisförmige Rundgang im Turm verstärkt diesen Eindruck - finden sich hier missgebildete und krankhaft veränderte Skelette, Glasbehälter mit Missgeburten ohne Gehirn, ohne Herz und ohne Gliedmaßen. Janusköpfe, siamesische Zwillinge, Sirenen, Zyklopen, missgebildete Gesichter und Körper dokumentieren das oft grausame Spiel der Natur: Moulagen von Erkrankungen, die heute oft selbst einem Mediziner nicht einmal mehr dem Namen nach bekannt sind. Eine besondere Kuriosität ist die Moulage des Röntgenschadens eines Schaustellers, der sich gewerbsmäßig am Beginn unseres Jahrhunderts in einem verdunkelten Zelt durchleuchten ließ, um dem Publikum seine Knochen und sein schlagendes Herz vorzuführen.
Eine Rarität ist das einzig erhalten gebliebene Stopfpräparat Wiens, das aber nur im Rahmen einer Führung gezeigt wird. Stopfpräparate sind Leichen, denen die Haut abgezogen und die dann ausgestopft wurden. Die berühmtesten Stopfpräparate befanden sich im k.k. Hofnaturalienkabinett, wo sie aber bei einem Brand im Revolutionsjahr 1848 vernichtet wurden.
Ebenfalls zur Sammlung gehören alte und neue medizinische Geräte, Münzen und Marken mit medizinischen Motiven, die weltweit drittgrößte Mikroskopsammlung und eine umfangreiche Sammlung von Berufsabzeichen von Pflegeberufen aus verschiedenen Ländern.
Der Turm wird auch als Vortragsort und Event-Location der besonderen Art genutzt. Der Themenkreis der Veranstaltungen spannt sich von Mobbing und Depression über Hydrocephalus und gläserne Knochen bis hin zu Literatur, Architektur und Ballett. So ist das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum, oft als morbid und skurril eingestuft, unter der Leitung von Dr. Beatrix Patzak heute eine höchst lebendige Institution.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 14/2003

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