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19. Dezember 2005

Die Wiege unserer Dermatologie (Altes Medizinisches Wien 30)

Der 2. Hof im Alten Allgemeinen Krankenhaus in Wien ist so etwas wie die Wiege der österreichischen Dermatologie und Venerologie. Hier vollzog sich die Abkehr von der Säftelehre, hier wuchs die Überzeugung, dass die Haut als eigenes Organ zu behandeln sei und nicht nur als Ausdruck innerer Störungen.

Hier liegen ihre Ursprünge und hier erinnert eine Gedenktafel an der Außenmauer des ehemaligen Hörsaals an den Gründer der Wiener Dermatologischen Schule, den Vater der Dermatologie im deutschen Sprachraum: Ferdinand von Hebra (1816 bis 1880). Durch den Durchgang unter der Kapelle im 1. Hof des Allgemeinen Krankenhauses gelangt man in den 2. Hof, den so genannten Thavonatshof oder Hof der Dermatologie. Testamentarisch hatte der kaiserliche Hofkammerrat Ferdinand Ignaz Freiherr von Thavonat 1726 das Großarmenhaus, das erst etwa 150 Jahre später zum Spital adaptiert wurde, zum Universalerben seines ungeheuren Vermögens eingesetzt. Mit diesem Geld konnte der bestehende Gebäudekomplex - im Wesentlichen der 1. Hof - um die Höfe 2, 4 und 7 erweitert werden.
Das Armenhaus wurde zum Großteil mit Spenden, Sammlungen, aber auch mit zweckgebundenen Steuern finanziert. Auch die Arbeitskraft der nicht kranken oder invaliden Bewohner versuchte man zu nutzen: Maria Theresia ordnete 1760 die Einführung einer Seidenraupenkultur im Allgemeinen Krankenhaus an. In allen Höfen wurden Maulbeerbäume gepflanzt und 1764 erstmals Seidenraupen gezogen. Bereits 1768 konnten etwa 30 Pfund feiner Seide gewonnen werden. Das Zentrum des Hofes bildet ein Bronzestandbild Joseph des II. von Richard Kauffungen, das anlässlich der 100-Jahr-Feier des Allgemeinen Krankenhauses 1884 aufgestellt wurde.

Freud war entsetzt

Zu dieser Zeit arbeitete Sigmund Freud (1856 bis 1939), der Begründer der Psychoanalyse, auf verschiedenen Stationen des Allgemeinen Krankenhauses. In einem Brief an seine Verlobte schreibt er am 2. Jänner 1884 über die Zustände im "Allgemeinen”: "Wirst Du glauben, daß auf allen - nicht klinischen - Krankenzimmern des Spitals kein Gas eingeleitet ist, so daß die Kranken in den langen Winterabenden im Finsteren liegen und der Arzt in tiefer Nacht von einem Wachslicht beleuchtet seine Visite macht, ja selbst Operationen ausführt? Ferner wirst Du glauben, daß keine gewachsten Böden und Teppiche sind, sondern daß dort, wo unter 20 Kranken immer 10 schwere Lungenkranke liegen, einmal am Tag ausgekehrt wird, wobei das ganze Zimmer in Staubwolken eingehüllt ist? So sieht die Humanität unserer Zeit aus … Und was sind die Kosten solcher Einrichtungen, die dem Ermatteten und Verlorenen eine menschenwürdig zugebrachte Frist geben könnten, im Vergleich zu den Kosten für alle Nichtigkeiten unserer europäischen Heere?"

Haut als Domäne der Internisten

Seit der Gründung des Allgemeinen Krankenhauses wurden Krätzige, Aussätzige und überhaupt alle Patienten mit Hautkrankheiten in so genannte "Ausschlagszimmer" abgeschoben. Man überließ die Patienten mehr oder weniger den Krankenwärtern und war zufrieden, dass man sie von den übrigen Kranken abgesondert hatte. Die Veränderungen der Haut deutete man als Blüten und Knospen, eben Ausschläge einer im Körper lebenden Krankheit. Diese Ablagerungen an der Haut durch Behandlung zurückzudrängen, galt als höchst gefährlich. Versuchte doch der Körper seine schlechte Säftemischung von Blut, Galle und Schleim auf diese Art zu reinigen. Da Ausschlagskrankheiten daher innere Krankheiten waren, gehörten sie zur Domäne der Internisten. So musste auch der Internist Skoda als neu ernannter Ordinarius ein Zimmer für chronische Hautausschläge, "Krätzestation" genannt, betreuen. Er beauftragte seinen jüngsten Arzt Hebra, die Hautkrankheiten zu studieren. Vor Hebra war auf dem Gebiet der Hautkrankheiten relativ wenig geforscht worden. Wie seine Lehrer Rokitansky und Skoda hielt sich Hebra, unbekümmert um bestehende, jahrhundertealte Theorien nur an die "objektiven Symptome”. Sie sind "die Buchstaben, welche von den Erkrankungen auf die Haut geschrieben werden. Unsere Aufgabe ist es, die Schrift zu entziffern".

Parasitäre Natur der Krätze bewiesen

Der Durchbruch gelang Hebra mit dem Nachweis, dass die Krätze, damals eine der alltäglichsten Hautkrankheiten, durch Milben hervorgerufen wird. Die Krätze galt seit jeher als ansteckende Krankheit, die aus einer verdorbenen Säftemischung, aus der "psorischen Dyskrasie” entstand. Es war zwar bekannt, dass bei dieser Krankheit ein Tierchen, die Krätzmilbe, regelmäßig zu finden war. Man glaubte aber, dass die Milbe in der Krätze selbst gleichsam durch Urzeugung entstünde. Im Selbstversuch - er setzte sich lebende Milben an die Haut - konnte Hebra schließlich die parasitäre Natur der Krätze, Scabies, beweisen. Ein Dogma der Säftelehre war gefallen. Seine 1844 erschienene Publikation "Über Krätze" war eine wissenschaftliche Sensation. Hautkrankheiten waren nun nicht mehr "Ausschläge”, sie waren Erkrankungen eines eigenen Organs, der Haut. Jetzt scheute man sich auch nicht mehr, Hautkrankheiten therapeutisch anzugehen. Hebra begann lokale Veränderungen der Haut mit lokalen Mitteln zu behandeln. Er führte eine Reihe wirksamer Teer-, Quecksilber-, Zink- und Schwefelpräparate in die Dermatologie ein und erfand zur Behandlung von Verbrennungen das Wasserbett.

Eigenes Fachgebiet

1845 wurde das Ausschlagszimmer, trotz aller Widerstände der Internisten, eine eigene dermatologische Abteilung und Hebra Ordinarius des neuen Fachgebiets. Die junge Wissenschaft und die neue Auffassung der Hautkrankheiten, die nicht nur die Dermatologie, sondern die ganze Medizin erneuert hat, zog viele Ärzte und Studenten aus der ganzen Welt nach Wien. Hebras Systematik der Hautkrankheiten blieb jahrzehntelang weltweit maßgebend und ist auch heute noch größtenteils anerkannt.
Als Diagnostiker liebte es Hebra, seine Hörer in Erstaunen zu versetzen. Aus kleinen Symptomen, aus der Körperhaltung, aus Schwielen an Händen und Füssen schloss er auf den Beruf seiner Patienten: "A Schuster is er und Krätz hat er!” war eine seiner typischen Blitzdiagnosen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 15/2003

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