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19. Dezember 2005

Das "Inventum novum" von Leopold Auenbrugger (Altes Medizinisches Wien 31)

Die Perkussion wurde bereits im Jahre 1761 von Leopold Auenbrugger in Wien entwickelt. Der Arzt erlitt damit ein typisch österreichisches Schicksal: Die Bedeutung seiner revolutionären Diagnosetechnik wurde zuerst im Ausland erkannt, bevor sie erst mehrere Jahrzehnte später auch hierzulande zu einer etablierten Methode werden durfte.

Eine Gedenktafel am Haus Neuer Markt 9 im ersten Wiener Gemeindebezirk erinnert an einen Mann, der seinen Ideen nie selbst Geltung verschaffen konnte, der sich selbst nicht ins rechte Licht rücken konnte oder wollte, dem aber dennoch der Ruhm gebührt, die Grundlagen der physikalische Krankenuntersuchung geschaffen zu haben: Leopold Auenbrugger (1722 bis 1809).

Inventum novum

1761 erschien in Wien ein kleines, nur 95 Seiten starkes Buch mit dem Titel "Inventum novum. Neue Erfindung, mittels des Anschlagens an den Brustkorb, als eines Zeichens, verborgene Brustkrankheiten zu entdecken." Der Verfasser, Leopold Auenbrugger, Primararzt am Spanischen Spital in Wien, hatte sieben Jahre lang seine neue Methode, durch Beklopfen des Brustkorbes krankhafte Veränderungen zu erkennen, an seinen Patienten studiert, seine Ergebnisse durch Obduktionen überprüft und seine Hypothesen durch Versuche an der Leiche erhärtet. Er spritzte in die Brusthöhle der Leichen Flüssigkeit und bestimmte die mit dem Flüssigkeitsspiegel wechselnden Schallqualitäten, ehe er mit seiner neuen Methode an die Öffentlichkeit trat.
"Die Brust eines gesunden Menschen gibt beim Anschlagen einen Schall... wie er bei Trommeln zu sein pflegt... Die Brust muß mit aneinander gelegten, gerade ausgestreckten Fingerspitzen langsam und sanft angeschlagen, besser gesagt angeklopft werden", heißt es in Auenbruggers Lehrbuch.
Das kleine Bändchen, wie damals üblich in lateinischer Sprache, ist die systematische Darlegung der Prinzipien der Perkussion, die bis heute unverändert gültig sind und die praktisch jeder Kranke von Arztbesuchen her kennt. Die medizinische Welt übersah dieses Werk aber.

Von den Größen verkannt

Eigenartigerweise erkannten auch die Größen der Ersten Wiener Medizinischen Schule, Auenbruggers Lehrer Gerard van Swieten (1700 bis 1772) und Anton de Haen (1704 bis 1776) die Bedeutung dieser Erfindung nicht. Obwohl durch van Swieten - er sorgte dafür, dass in allen Spitälern Wiens regelmäßig Leichen obduziert werden konnten - erst die Voraussetzungen für die Entdeckung seines Schülers geschaffen wurden und unter de Haen (ab 1754 Vorstand der Internen Klinik) die Perkussion des Bauches gelehrt und ausgeübt wurde, erwähnte keiner der beiden in einer seiner vielen Veröffentlichungen die Auenbruggersche Entdeckung.
Möglicherweise haben van Swieten und auch andere Zeitgenossen die Auenbruggersche Methode mit der von Hippokrates beschriebenen Succussio Hippokratis verwechselt, deren Unzuverlässigkeit damals allen Ärzten bekannt war. Hippokrates versuchte durch Rütteln des Kranken an beiden Schultern Flüssigkeitsansammlungen durch Plätschergeräusche in der Brusthöhle zu erkennen.
Ausgangspunkt für die Idee der Perkussion des Brustkorbes war vermutlich die damals oft geübte Praxis des Beklopfens des Bauches zur Unterscheidung der damals so genannten Bauchwassersucht (Aszites) von der Windsucht (Gasblähung des Abdomens; Meteorismus). Auenbrugger kam auf die neue - und wie so oft auf der Hand liegende - Idee, diese Methode auch auf den Brustkorb anzuwenden. Anhand des Klopfschalls gelang ihm die Unterscheidung, ob die Lunge mit Luft oder mit Wasser gefüllt war. Möglicherweise hat ihm dabei seine Erfahrung beim Beklopfen von Fässern, um den Füllungszustand zu ermitteln - sein Vater war Gastwirt in Graz - gute Dienste geleistet.

In Vergessenheit geraten

Auenbruggers Arbeit wurde gelesen, 1763 erschien bereits eine zweite Auflage und Maximilian Stoll (1742 bis 1787) führte die Perkussion des Brustkorbes sogar in den klinischen Unterricht ein. Die Perkussion geriet in Wien aber wieder in Vergessenheit.
Erst durch den Leibarzt Napoleons, Jean Nicolas Corvisart (1755 bis 1822), erfuhr die Erfindung Auenbruggers ein Jahr vor seinem Tod die gebührende Anerkennung. Corvisart wurde durch Stolls Schriften auf die Perkussion aufmerksam, übersetzte 1808 das "Inventum novum" ins Französische und ergänzte es. Aus den 95 Seiten des Originals entstand ein Buch von 440 Seiten. Die vielfältigen diagnostischen Möglichkeiten der Perkussion machten Paris in der Folge zum Zentrum der physikalischen Krankenuntersuchung. Die Auskultation des Brustkorbes und die Erfindung des Stethoskops 1816 durch René Theophile Hyacinthe Laennec (1781 bis 1826) ergänzten in geradezu idealer Weise die Perkussion und verschafften der französischen Medizin Weltgeltung. Die fünf Sinne - sehen, hören, fühlen, riechen und sogar schmecken - und nicht mehr Hypothesen und Spekulationen entwickelten sich zur Grundlage der ärztlichen Diagnostik.

Die Perkussion kehrt nach Wien zurück

Mit Joseph Skoda (1805 - 1881), der 1839 eine Abteilung für Brustkranke im Allgemeinen Krankenhaus in Wien übernommen hatte, kehrten die Methoden der Perkussion und Auskultation wieder nach Wien zurück und erlangten hier ihre Vollendung. Im Gegensatz zu Laennec und seinen Schülern, die alle möglichen wundersamen Töne und Diagnosen hörten und beschrieben, führte Skoda die Methode auf streng physikalische Grundlagen zurück. Klopfschall und Geräusche wurden systematisch auf ihre physikalischen Ursachen untersucht. So entwickelte er die Methode zu einer lehr- und lernbaren Untersuchungstechnik, die auch heute noch in ihrer ursprünglichen Form durchgeführt wird und trotz aller technischen Möglichkeiten unverzichtbares Rüstzeug jedes Arztes ist.
Skoda schrieb im Vorwort zur 1843 erschienenen ersten deutschen Übersetzung des "Inventum novum" in Wien, dass Auenbrugger mit "dem vollsten Rechte den Ruhm verdient, als Gründer der neueren Diagnostik" angesehen zu werden. Damit verschaffte er Auenbrugger auch in seiner Heimat jene Anerkennung, die diesem zustand.
An seinem 100. Todestag, am 18. Mai 1909, enthüllte die Wiener Ärzteschaft an seinem Sterbehaus neben der Kapuzinerkirche, Neuer Mark 9, eine Gedenktafel.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 17/2003

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