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19. Dezember 2005

Der "Lemoniberg": Einst die größte Irrenanstalt Europas (Altes Medizinisches Wien 32)

Die Niederösterreichische Landes-Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof", später dann Psychiatrisches Krankenhaus der Stadt Wien-Baumgartner Höhe, heute OttoWagner-Spital im 14. Gemeindebezirk in Wien war zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung im Jahre 1907 die größte und modernste Irrenanstalt Europas. Fachleute aus der ganzen Welt kamen nach Wien, um diese Anstalt zu besichtigen und zu studieren.

1902 beschloss der Niederösterreichische Landtag, die Landesirrenanstalt am Brünnlfeld, heute der Bereich Neue Kliniken im AKH, den Wiener Krankenanstaltenfonds zu verkaufen und eine neue Anlage im Pavillonsystem am Südhang des Gallitzinberges zu errichten. Die so genannten "Spiegelgründe" und "Steinhofgründe" zwischen dem 13. und 16. Bezirk wurden für die neue Anlage ausgewählt. Um Grundstückspekulationen zu verhindern, kaufte das Land Wien binnen einer Woche von 110 verschiedenen Besitzern 144 Hektar Boden.
Mit dem Bebauungsplan wurde Otto Wagner (1841 bis 1918), damals führender Architekt Wiens, beauftragt. Wagner übernahm weitgehend den "Beamtenentwurf" des Landesbauamtes, brachte aber eine strengere Symmetrie in die Anlage. Durch die inzwischen gewachsenen Bäume ist heute die strenge Axialität nur mehr aus der Luft ersichtlich. Zu beiden Seiten der Hauptachse mit Direktion, Theatersaal und Kirche waren 34 Pavillons und etwas abseits im Nordosten Wirtschaftsgebäude, Schweineställe, Gärtnereien und eine eigene Müllverbrennungsanlage geplant. Die Anlage hinter der fast fünf Kilometer langen Umfassungsmauer sollte eine autarke, sich selbst versorgende kleine Stadt werden.

Kurze Bauzeit

Am 27. September 1904 wurde mit dem Bau begonnen. Bereits am 8. Oktober 1907 fand in der Kirche die feierliche Schlusssteinlegung durch den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand statt. In nur zweieinhalb Jahren konnte diese riesige Anstalt, ohne Kräne und Lastkraftwagen erbaut, eingerichtet und ihrer Verwendung übergeben werden. Bis zu 5.000 Arbeiter waren gleichzeitig auf der Baustelle beschäftigt. 32.272.461 Ziegel und 44.000 Kubikmeter Bausteine wurden verbaut, 35 Kilometer Kanäle verlegt und mehr als 100.000 Bäume und 52.000 Sträucher gepflanzt. Da man sich auf dem steilen Gallitzinberg nicht auf Pferdefuhrwerke verlassen wollte, wurde eine eigene Bahnlinie von der Vorortelinie in Ottakring bis zur Riesenbaustelle eingerichtet und im April 1907 wieder abgebrochen.
Die Anstalt war für 2.500 bis 2.700 Patienten geplant. Um die "Vermehrung der Irrenanstalt aus sich selbst" zu verhindern, wurde der "Steinhof" entlang der Mittelachse in Frauen- und Männerabteilungen geteilt. Abgesetzt von der eigentlichen Heil- und Pflegeanstalt lag das luxuriöse Sanatorium für zahlende Kranke. Wintergärten
mit Palmen, Kegelbahnen, Schwimmbecken, Schlittschuhbahn und Tennisplatz standen den vornehmen und vor allem zahlungskräftigen psychisch Leidenden im damals schönsten und elegantesten Sanatorium Europas zur Verfügung. "Mit Rücksicht auf die größere Empfindlichkeit der wohlhabenden Schichten gegen Wind und Wetter sind einige Pavillons durch gedeckte Gänge verbunden", vermerkt das Bauprogramm von 1903. Einer der prominentesten Patienten dieses Sanatoriums war der berühmte Tänzer Wazlaw Nijinskj.

Zäsur Erster Weltkrieg

Nach dem Ersten Weltkrieg blieben jedoch die reichen Patienten aus. 1923 wurden die eleganten Pavillons unter Gesundheitsstadtrat Julius Tandler in eine Lungenheilstätte für Tuberkulosekranke umgewandelt. Die Anstalt war nach dem Zweiten Weltkrieg mit fast 1.000 Betten die größte Lungenheilstätte Mitteleuropas. Seit 1977 befindet sich hier das "Pulmologische Zentrum". Der architektonische Höhepunkt ist auch der höchste Punkt des Geländes: die weltberühmte Steinhofkirche Otto Wagners. Die Anstaltskirche gilt als das sakrale Hauptwerk des österreichischen Jugendstils. Wagner schuf hier eine bahnbrechende Neuschöpfung im Kirchenbau, die natürlich auch heftig angegriffen wurde. In der Stadt selbst, in Wien, hätte Wagner diese Kirche nie bauen können, die Widerstände wären zu groß gewesen. Am 8. Oktober 1907, dem Tag der Eröffnung, schrieb die "Neue Freie Presse": "Und ist es nicht eine hübsche Ironie des Schicksals, dass so ziemlich das erste vernünftige sezessionistische Gebäude großen Stils in Wien für die Irrsinnigen gebaut worden ist?"

Äußerste Zweckmäßigkeit

Der Kuppelbau ist mit äußerster Zweckmäßigkeit geplant und bis ins kleinste Detail in reinstem Jugendstil ausgeführt. Tabernakel, Altäre, Weihwasserspender, Beleuchtungskörper, Beichtstühle und sogar die liturgischen Gerätschaften und Messgewänder wurden nach Entwürfen Wagners hergestellt. Wegen der weit sichtbaren leuchtenden "Goldenen Kuppel" wurde die Anstalt bei den Wienern der "Lemoniberg" genannt. Die Begriffe "Steinhof", "Lemoniberg" und "Gugelhupf", nach der Zylinderform des Narrenturms im Alten AKH, wurden und werden in Wien als Synonym für Psychiatrische Anstalten verwendet.
Die Fassade der Kirche ist mit weißen Marmorplatten aus Carrara verkleidet, die mit sichtbaren Kupfernägeln an den Ziegelmauern befestigt sind. Außen und auch im Inneren der Kirche werden klare Proportionen gewahrt. Die grandiose Wirkung des Innenraums entsteht auch durch die Glasmosaikfenster von Koloman Moser (1868-1918). Mosers Riesenfenster gelten als der Höhepunkt der im Jugendstil neu belebten Glasfensterkunst.

Praktische Einrichtungen

Aber nicht nur in künstlerischer Hinsicht, sondern auch in Hinblick auf die spezielle Verwendung der Kirche für Geisteskranke wurde jedes kleinste Detail durchgeplant. Die drei Portale ermöglichten den getrennten Zugang für weibliche und männliche Patienten und das Pflegepersonal. Durch die kurzen Bankreihen war ein schnelles Eingreifen in Notfällen durch die Pfleger möglich. Die Kirchenstühle sind ohne scharfe Ecken verarbeitet und wegen der einfacheren Reinigung am Boden mit Kupferbeschlägen versehen. Wegen besserer Sicht und vermutlich auch wegen der leichteren Reinigung fällt der Fußboden zum Altar hin leicht ab. Die besondere Konstruktion der Weihwasserbecken - sie sind als Wassertropfer ausgeführt - sollte Infektionen und "Wasserpritscheln" verhindern. Arztzimmer, Erste-Hilfe-Raum und Toiletten waren ebenfalls vorhanden. Auf der nur von außen erreichbaren Empore konnten Angehörige und Anstaltspersonal dem Gottesdienst beiwohnen.

Feste und Theater

Heute kommen Kunsthistoriker und Kunstliebhaber aus der ganzen Welt in das Psychiatrische Krankenhaus, das zwar offiziell "OttoWagner-Spital" heißt, aber noch immer "Steinhof" genannt wird, um das größte sakrale Gesamtkunstwerk des Jugendstils zu bewundern und zu studieren.
In den letzten Jahren entwickelte sich die Kirche auch zu einer beliebten Hochzeitskirche. Feste und Theater gab es für Patienten seit Bestehen des Krankenhauses. Seit einigen Jahren werden die kulturellen Tätigkeiten in der Anstalt stark ausgeweitet. So werden im Jugendstiltheatersaal Uraufführungen junger Künstler ermöglicht. Im Sinne der Reintegration von Patienten ist es heute das Ziel der Anstaltsleitung, Besucher von außerhalb in die Anstalt zu bringen und ihnen die Scheu und Angst vor psychisch Kranken zu nehmen.

Finsteres Kapitel der Geschichte

Ein finsteres Kapitel in der Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof", eigentlich der gesamten Medizin, dokumentiert die permanente Ausstellung "Der Krieg gegen die Minderwertigen" in der Gedenkstätte im Pavillon V. Nach dem Anschluss 1938 entwickelte sich der "Steinhof" zum Zentrum der NS-Tötungsmedizin in der "Ostmark". Mehr als 7.500 Pfleglingen der Anstalt kostete die so genannte "Rassenhygiene" das Leben. Darunter waren nicht nur "Fremde" - Juden, Slawen, Roma und Sinti -, sondern auch Träger "minderwertigen" Erbgutes des "eigenen" Volkes - Behinderte, Geisteskranke, soziale Randgruppen oder einfach Unangepasste.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 18/2003

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