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19. Dezember 2005

Die Nekropolen im Herzen Wiens (Altes Medizinisches Wien 33)

Kaum jemand, der heute über den Stephansplatz geht, weiß, dass er auf einem der ältesten Friedhöfe Wiens flaniert. Höchst wahrscheinlich wurde der Friedhof bereits nach der Einweihung der romanischen Stephanskirche im Jahre 1147 angelegt. Bis zu seiner endgültigen Schließung - das letzte Begräbnis fand am 10. Mai 1732 statt - war der Stephansfreythof der beliebteste und vornehmste Gottesacker Wiens.

Auf alten Plänen ist der Dom von mehreren durch breite Wege getrennte Gräberfelder umgeben. Einige dieser Gräberfelder hatten eigene Namen, wie Fürstenbühel, Studentenbühel oder Palmbühel. Das größte Gräberfeld lag um die Maria-Magdalena-Kapelle, deren Grundriss heute am Straßenpflaster rechts vom Hauptportal des Domes markiert ist. Die Überreste der 1781 abgebrannten Kapelle wurden beim Bau der U-Bahn-Station Stephansplatz gefunden.
Im Laufe der Zeit rückten die Häuser an den Friedhof und den Dom heran. Dicht vor der Westfassade des Doms stand eine schmale Häuserzeile für den Mesner, den Bahrleiher, den Kirchenschließer und die Sänger. Im Süden schlossen die Häuser direkt an die Kapelle Maria Magdalena an. An den Häusern waren kleine Buden und Hütten angebaut, die wahrscheinlich als Verkaufstände für Kerzen, Blumen, Heiligenbilder, aber auch für Speisen und Getränke dienten. Durch diese Häuserzeile, die erst 1792 abgerissen wurde, gab es vor dem Riesentor des Domes keinen weitläufigen Platz, sondern nur eine eher schmale Gasse. Die heutige Rotenturmstraße und die Kärntnerstraße gingen damals praktisch direkt ineinander über. Der Friedhof konnte nur durch vier Tore betreten werden, die in der Nacht abgeschlossen wurden.

Hygienische Missstände

Wegen der für heutige Begriffe unfassbaren hygienischen Zustände auf dem Friedhof und in den Grüften von St. Stephan gab es bereits seit 1529 Bestrebungen, den Friedhof aufzulassen. Die Toten wurden in viel zu seichten Erdgräbern beigesetzt und mussten aus Platzgründen zu früh exhumiert werden. Die halbverwesten Leichen wurden dann in mangelhaft geschlossenen Grüften unter dem Dom gelagert, der Fäulnisgeruch verpestete in der warmen Jahreszeit die Luft im und um den Dom.
Mehrmals wurden Begräbnisse auf dem Stephansfreythof aus sanitären Gründen verboten. Die Verbote blieben aber nie lange aufrecht. Zum einen, weil die neuen Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern während der Türkenbelagerung verwüstet wurden, und zum anderen, weil sowohl die Kirche als auch die Bevölkerung der Auflassung des Stephansfreythofs heftigsten Widerstand entgegensetzten. Der Stephansfreythof blieb eine von der Bürgerschaft Wiens und den Mitgliedern der Universität bevorzugte Begräbnisstätte.
Da aber die Missstände im Begräbniswesen und die sanitären Verhältnisse im wahrsten Sinn des Wortes immer heftiger zum Himmel stanken, ließ Kaiser Karl VI. im Jahr 1732 den Stephansfreythof endgültig sperren. Ab diesem Zeitpunkt gab es keine Erdbestattungen mehr. Bis zur endgültigen Auflösung des Friedhofs 1783 fanden Bestattungen nur mehr in den Grüften von St. Stephan statt. Da nach der Sperre des Friedhofs die Gruftanlagen bald vollständig überfüllt waren, mussten die "Crufften" bald systematisch erweitert werden.

Die Katakomben

Die "Crufften" von Stephan sind die größten und sagenumwobensten Gruftanlagen Wiens. Der Name Katakomben wurde erst am Beginn des vorigen Jahrhunderts gebräuchlich. Eine Unzahl von Sagen, Schauermärchen und Gruselgeschichten existiert bis heute über diese größte Totenstadt Wiens. Banknotenfälscher, Geheimbündler, Freimaurer, Jesuiten und anderes lichtscheues Gesindel bevölkern in den meist grauenvollen und oft makabren Erzählungen die Katakomben.
Die Vorstellung von der ungeheuren Ausdehnung und Tiefe der Katakomben hält sich bis in die heutige Zeit. Aktuellen Plänen zufolge nehmen die Katakomben aber nur einen kleinen Teil der Fläche des Doms und des Stephansplatzes ein. Auch die bodenlose, unermessliche Tiefe übersteigt in der Wirklichkeit kaum die Tiefe eines normalen Kellergeschosses.
Die unterirdische Nekropole, die teils im Spätmittelalter, größtenteils aber im Spätbarock angelegt wurde, erfüllte zwei Funktionen: Begräbnisstätte wohlhabender Wiener Bürger und Endlager für die aus Platzgründen am Stephansfreithof exhumierten Toten. Nach der Schließung des oberirdischen Friedhofs 1735 wurden bis 1783 über 10.000 Leichen in den Katakomben beigesetzt. Durch die Art der Bestattung - die Särge wurden in den Hallen und Krypten gestapelt, bis kein Platz mehr war und erst dann erfolgte die Abmauerung der relativ großen Hallen - verging bis zum endgültigen Verschluss der Gewölbe meist geraume Zeit, oft auch ein Jahr.

Unbedenklichkeitsgutachten van Swietens

Der Verwesungsgeruch dieser Massengräber mitten in der Stadt war zeitweise so arg, dass der Dom nicht benutzt werden konnte. Gegen den üblen "Geschmach" halfen auch Luftschläuche und fest verschließbare Särge nichts. Erst durch ein Machtwort Josephs II. wurde 1783 die Bestattung in den Katakomben endgültig verboten. Trotz dieser widerwärtigen Zustände versuchte die Kirche die Rücknahme der Sperre zu erreichen, da durch dieses Verbot die Einnahmen der Stadtpfarre empfindlich zurückgingen. Aber selbst ein "Unbedenklichkeitsgutachten" van Swietens, auf das sich die Kirche berief, half nichts: Die Katakomben blieben geschlossen.
Nach der endgültigen Begräbnissperre wurden die Katakomben im vorigen Jahrhundert eine Art Schreckenskammer, in der fallweise Führungen für Touristen veranstaltet wurden. Der älteste Bericht über eine derartige Führung stammt von der englischen Reisenden Trollope, die im Dezember 1836 die Katakomben besuchte: "Wir erreichten eine große viereckige Gruft, wo unser Führer Halt machte und uns, indem er das Licht niedrig hielt, auf dem Boden, der von ungeheuren Massen widerlichen Moders hügelig war, eine Menge ganz nackter Leichen, ohne Särge und in jeder Stellung, zeigte, wie sie der Zufall nur hatte bewirken können ... Nachdem unser Führer uns Zeit gelassen hatte, uns umzusehen und die ganze abscheuliche Szene zu überblicken, fasste er einen dieser kläglichen Überreste eines menschlichen Wesens an der Gurgel, hob die Leiche vor unseren Augen empor, ließ sie vor uns aufrecht stehen, schwenkte dabei seine Fackel so, dass wir sie in ihrer ganzen Hässlichkeit sehen konnten, und verbreitete sich dabei über ihre Höhe und guten Proportionen, dann ließ er die rasselnde Leiche vor unseren Augen hinfallen, hob eine andere auf, sagte, dass sie ein Frauenzimmer wäre, erhob dann eine dritte, stützte sie mit der Hand, womit er das Licht hielt, gegen seinen Körper und riss mit der anderen lange Streifen der vertrockneten Haut auf, um zu zeigen, wie zäh sie sei."
Als Adalbert Stifter mit fünf Freunden 1841 die Katakomben besuchte und ... "bis ins Innerste erschüttert war, weil das Höchste und Heiligste dieser Erde, die menschliche Gestalt, ein wertloses Ding wird, hingeworfen in das Kehricht, dass es liege, wie ein anderer Unrat... gab es noch mumifizierte Leichen in den Katakomben." Da die Brunnen in der Stadt durch den Bau der Wiener Hochquellwasserleitung 1873 nicht mehr genutzt wurden, stieg der Grundwasserspiegel in Wien allmählich an. Die Feuchtigkeit in den Grüften zerstörte die Mumien vollständig und die vermoderten Leichen mussten schließlich aus den Katakomben entfernt werden. Heute sind die Katakomben bis auf einige, mit Knochen voll gestopfte Räume leer und bieten kaum noch Gänsehaut oder schauriges Gruseln. Die Anlage an sich ist allerdings Sehenswürdigkeit genug.

Michaelergruft für Adelige

Wesentlich kleiner, aber dafür eindrucksvoller und schöner ist die Gruftanlage unter der Michaelerkirche. Für Adelige und Bedienstete am kaiserlichen Hof, die auch im Tode nahe dem Haus Habsburg sein wollten, war die Michaelergruft bevorzugte Begräbnisstätte. Etwa 4.000 Tote wurden zwischen 1631 und 1784 hier bestattet. Aus Platzgründen musste die Gruft mehrmals geräumt werden. Dabei gingen die Kirchendiener nicht unbedingt pietätvoll vor. Die alten Holzsärge wurden verbrannt, der Inhalt der Särge, Knochenreste und Kleider mit Lehm und Sand vermischt und in den Gruftboden eingestampft. Diese Schicht, auf der man heute geht, hat eine Dicke von etwa 1,5 Meter.
Seit 1977 ist die Gruftanlage wieder öffentlich zugänglich. Etwa 250 erhaltene Särge, zum Teil wie Bauernmöbel mit Blumen und Totenköpfen bemalt, sind hier in langen Reihen aufgestellt. In einigen offenen Särgen liegen, in Hobelscharten eingebettet, wunderschön erhaltene mumifizierte Leichen. Stets gleich bleibende Temperatur und ein feiner Luftzug haben die Toten und zum Teil auch die prunkvollen Gewänder hervorragend erhalten. Berührend ist die Mumie einer pausbäckigen jungen Frau, die während einer Schwangerschaft gestorben ist. Unter der eingefallenen Bauchdecke zeichnen sich deutlich die Umrisse des Kindes ab. Der bekannteste Tote in dieser Gruft ist der Hofdichter Maria Theresias, Pietro Metastasio, der die Libretti zu den Opern Mozarts schrieb. Die Michaelergruft ist sicherlich die schönste und interessanteste Gruftanlage Wiens. Dennoch ist sie nicht so überlaufen wie die Katakomben von St. Stephan und die Kapuzinergruft, wo in der Hauptsaison bis zu 2.000 Touristen täglich durchgeschleust werden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 19/2003

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