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19. Dezember 2005

Frauentod aus Männerhand (Altes Medizinisches Wien 34)

Als "Retter der Mütter" wurde Ignaz Philipp Semmelweis (1818 bis 1865) weltweit bekannt. Er entdeckte die Bedeutung der hygienischen Händedesinfektion.
Ironie des Schicksals: Er verstarb gerade an jener Krankheit, vor der er unzählige Gebärende bewahrte.

Semmelweis begann 1844 seine Ausbildung an der Geburtshilflichen Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Zu jener Zeit gab es im "Allgemeinen" zwei voneinander getrennte Gebärkliniken: die Hebammenklinik, an der Hebammen ausgebildet wurden, und die Ärzteklinik, an der auch Medizinstudenten praktizierten. Die Abteilungen lagen in unmittelbarer Nachbarschaft im Bereich des 8. und 9. Hofes. Semmelweis fiel auf, dass die Sterblichkeit der Wöchnerinnen am Kindbettfieber, einer damals gefürchteten Geburtskomplikation, an der Hebammenklinik weit geringer war als an der Ärzteklinik.

Irrationale Hypothesen

Die gängigen Hypothesen über die Entstehung des Kindbettfiebers - kosmisch-tellurische Faktoren, Miasmen oder Witterungsbedingungen - überzeugten Semmelweis nicht. Die beiden Kliniken waren ja räumlich unmittelbar nebeneinander, die Patientinnen wurden gleich behandelt, erhielten das gleiche Essen und auch die gleiche Wäsche. Zwei Dinge fielen ihm auf: An der Hebammenklinik erkrankten die Frauen nur sporadisch, während an seiner Abteilung die Frauen gleich reihenweise erkrankten. Wöchnerinnen mit verzögerter Geburt erkrankten weit häufiger als solche, die kurz nach der Einlieferung gebaren.
Als Schüler von Rokitansky und Skoda versuchte er durch tägliche Sektionen die Ursache dieses rätselhaften Massensterbens pathologisch-anatomisch zu ergründen.
Die Veränderungen an den Leichen waren immer dieselben: Lymphangitis, Phlebitis, Pyämie und Metastasen.

Hilfreicher Zufall

Und dann kam ihm ein Zufall zu Hilfe. Sein Freund, der Gerichtsmediziner Jakob Kolletschka (1803 bis 1847), verstarb, nachdem ihn ein ungeschickter Student mit einem mit "Cadavertheilen inficirten Messer" verletzt hatte. Das Obduktionsprotokoll des verstorbenen Freundes brachte Semmelweis auf die richtige Spur: Kolletschka verstarb an Pyämie mit Lymphangitis, Phlebitis und Pleuritis. Im Auge fand man auch eine pyämische Metastase. Schlagartig war es Semmelweis klar: Das Kindbettfieber und die Krankheit Kolletschkas, die so genannte Leicheninfektion, sind idente Krankheiten: "Wenn nun - so schloß ich weiter - die Pyaemie bei Professor Kolletschka in Folge der Einimpfung von Cadavertheilen entstanden ist, so muß auch das Puerperalfieber aus nämlicher Quelle herrühren. Es war noch zu entscheiden: woher? und wie? die zersetzten Cadavertheile den Wöchnerinnen eingeimpft werden."
Auch dieses Rätsel konnte Semmelweis bald lösen. Die Finger der Studenten und Ärzte, die nach den Sezierübungen die Wöchnerinnen untersuchten, verbreiteten den Tod.
Wenn dieses Raisonnement richtig war, so musste durch die Beseitigung der Ursache notwendigerweise auch die Folge, d.h. die Sterblichkeit beseitigt werden. Aus diesem Grund, um die an der Hand klebenden Cadaverteile zu zerstören, wurde das Waschen der Hände mit Chlor verordnet.
Der Erfolg war verblüffend. Die Sterblichkeit, die bis dahin 18 Prozent betragen hatte, sank nach Einführung der Chlorwaschungen in den nächsten Monaten auf 2,45 Prozent. Und jetzt war auch klar, wieso die zweite Geburtshilfliche Abteilung weniger von der Krankheit heimgesucht wurde: Die Hebammenschülerinnen hatten ja mit Sektionen nichts zu tun, und auch die Ärzte dieser Abteilung gingen nur selten in den Seziersaal. Da diese Schlussfolgerung in geradezu klassischer Weise der Schule Rokitanskys und Skodas entsprach, ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die bedeutendsten Repräsentanten der Zweiten Wiener Medizinischen Schule Rokitansky, Skoda und Hebra sofort für die Lehre des Ignaz Semmelweis einsetzten.
Bereits 1847 im Dezemberheft der "Zeitschrift der k.k. Gesellschaft der Ärzte zu Wien" berichtete Hebra von dieser höchst wichtigen Entdeckung seines Freundes. In zwei Notizen publizierte Hebra die Thesen von Semmelweis über die Übertragung des Kindbettfiebers und wies auf die Erfolge der von Semmelweis vorgeschlagenen prophylaktischen Chlorwaschungen hin. Der zurückhaltende und publikumsscheue Semmelweis konnte erst drei Jahre später, am 15. Mai 1850, zu einem Vortrag über das Kindbettfieber in der Gesellschaft der Ärzte überredet werden.

Absurde Diskussionen

Ein Rattenschwanz von zum Teil absurden Diskussionen war die Folge. Viele seiner Kollegen und auch sein Vorgesetzter sträubten sich, die neue Lehre anzuerkennen. Den wahrscheinlichsten Grund dafür hat Semmelweis in seinem Hauptwerk "die Aethiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers" selbst formuliert: "Consequent meiner Überzeugung muß ich hier Bekenntnis ablegen, daß nur Gott die Anzahl derjenigen kennt, welche wegen mir frühzeitig ins Grab gestiegen."
Statt mit wissenschaftlichen Argumenten versuchte Semmelweis nun seine Lehre mit leidenschaftlichen, fanatischen Angriffen gegen seine Kollegen durchzusetzen. Obwohl er sich in Wien habilitieren konnte und sein weiterer wissenschaftlicher Weg trotz allen Streites durchaus Erfolg versprechend war, verließ Semmelweis 1851 Wien ganz plötzlich, um in Budapest einen unbezahlten Posten als Oberarzt einer geburtshilflichen Abteilung anzunehmen. 1855 wurde Semmelweis zum Professor für Geburtshilfe an die Budapester Universität berufen. Seine Theorie war aber noch keineswegs anerkannt und sein Kampf gegen seine Widersacher wurde immer maßloser. Nichts konnte ihn so sehr aus der Fassung bringen wie das Unverständnis seiner Kollegen.

Erste Anzeichen von Geisteskrankheit

In dieser Zeit zeigten sich auch die ersten Symptome seiner Geisteskrankheit, die in der "Hebam-meneid-Szene" ihren Höhepunkt erreicht. In einer Sitzung des Professorenkollegiums sollte Semmelweis dem Kollegium einen Vorschlag zur Besetzung eines Assistentenpostens unterbreiten. Stattdessen zog er aus der Tasche seines Anzugs die Eidesformel für Hebammen und las diese zur großen Überraschung aller Anwesenden von Anfang bis zum Ende vor. Nach einem Konsilium im Kollegenkreis brachte man Semmelweis, der vermutlich an Progressiver Paralyse - eine Spätform der Lues im ZNS - erkrankt war, am 31. Juli 1865 zuerst in das Haus seines Freundes Hebra nach Wien, von dort aber bald in die Irrenanstalt in der Lazarettgasse.
Im Aufnahmestatus, der über hundert Jahre lang verschollen war, ist neben dem Verwirrtheitszustand eine gangränöse Wunde am Finger, deren Ursache ungeklärt ist, Fieber und eine Pulsfrequenz von 120 Schlägen pro Minute festgehalten. Am 13. August 1865 starb Ignaz Semmelweis, wie das Obduktionsprotokoll zeigt, an Pyämie. An der gleichen Krankheit - heute würde man das Krankheitsbild Sepsis nennen - wie sein Freund Jakob Kolletschka, dessen tragischer Tod ihn die Ursache des Kindbettfiebers erkennen ließ.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 20/2003

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