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19. Dezember 2005

Secessionistische Spitalsarchitektur vom Feinsten (Altes Medizinisches Wien 35)

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war man sich darüber einig, dass ein zeitgemäßer Spitalsbetrieb im Alten Allgemeinen Krankenhaus nicht gewährleistet werden konnte. Die Grundsteinlegung für die so genannten Neuen Kliniken erfolgte durch Kaiser Franz Josef I im Jahre 1904. Sie stellen ein eindrucksvolles Beispiel secessionistischer Zweckarchitektur dar.

"Seit 20 Jahren arbeite ich für den Umbau und Neubau unserer Kliniken und unseres großen Krankenhauses, das zur Zeit Josephs II. ein Musterspital war, jetzt aber, noch in gleichem Zustande bestehend, ganz antiquirt ist”, schrieb Theodor Billroth, damals schon weltbekannter, gefeierter Chirurg im Dezember 1888 in einem Brief an Frau von Schmeling in Berlin. "Ich habe durch verschiedene Zeitungsartikel unsere Minister und Behörden so wütend gemacht, daß sie mich gern des Amtes entsetzen möchten, wenn nicht das Abgeordnetenhaus und die gesamte Bevölkerung auf meiner Seite wäre, und wenn nicht alles wahr wäre, was ich über die verrotteten Verhältnisse in unserem Krankenhause und über die Indolenz und Stupidität unserer höheren und niederen Beamten sage und schreibe. Unser Unterrichtsminister, der mich hoch verehrte und meine Berufung ins Herrenhaus dem Kaiser vorschlug, möchte mich jetzt gern vergiften. Doch das ist mir alles Wurst!”
Den Bau der heiß ersehnten Neuen Kliniken sollte Billroth nicht mehr erleben. Erst zehn Jahre nach seinem Tode wurde mit dem Bau des "Neuen Allgemeinen Krankenhauses” begonnen. Das "Alte Allgemeine Krankenhaus” und Billroths Klinik bestanden noch mehr als 100 Jahre fast unverändert.

Ambitioniertes Projekt

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war man sich darüber einig, dass auch mit noch so großen Umgestaltungen und Modernisierungen ein zeitgemäßer Spitalsbetrieb im Alten Allgemeinen Krankenhaus nicht gewährleistet werden konnte. Ein Neubau musste errichtet werden. Anfangs wollte man das neue Krankenhaus in der Nähe des Wilhelminenspitals bauen. Aber die Medizinische Fakultät entschloss sich zu einem Neubau auf dem Gelände zwischen Spitalgasse und Gürtel, wo damals die 1853 errichtete Landesirrenanstalt und das 1865 gebaute Versorgungshaus der Stadt Wien standen. Das Projekt sah 20 große Pavillons für Kliniken und Verwaltungsabteilungen auf dem 145.000 Quadratmeter großen Areal vor.

Grundsteinlegung durch Kaiser Franz Joseph I.

Am 21. Juni 1904 fand die feierliche Grundsteinlegung für die Neuen Kliniken durch Kaiser Franz Joseph I. statt. In der ersten Bauphase 1904 bis 1908 wurden auf dem Gelände des Versorgungshauses die Geburtshilflichen und Gynäkologischen Kliniken und die Isolierstation errichtet. Bereits am 21. Oktober 1908 konnten die Kliniken eröffnet werden.
Die Ordinarien der beiden Gynäkologischen Abteilungen, Friedrich Schauta (1849 bis 1919) und Rudolf Chrobak (1843 bis 1910), hatten praktisch jedes Detail des Baus festgelegt. Die beiden Wiener Frauenkliniken waren 1908 die modernsten und größten der Welt.
"Die Beleuchtung ist im allgemeinen elektrisch, und zwar mit Wolframlampen, System Kuzel. Nur in den Korridoren und Stiegenhäusern findet sich Gasbeleuchtung mit Auerlampen; doch ist auch hier überall Draht eingezogen und sind die Einschaltvorrichtungen bereits vorhanden, um eventuell später im Falle der Verbilligung des elektrischen Lichtes die Gasbeleuchtung durch die elektrische ersetzen zu können. Außerdem besitzen wir drei Stationen des Staatstelephons zur Verbindung nach außen”, heißt es in einem Bericht.
Die Eröffnungsfeier war mit der Enthüllung des Denkmals für Ignaz Philipp Semmelweis (1818 bis 1865) im Garten zwischen den beiden Frauenkliniken verbunden (Serie Teil 33, ÄRZTE WOCHE 20/03, 28. Mai 2003). Semmelweis starb in geistiger Umnachtung, einige hundert Meter von diesem Denkmal entfernt, in der ehemaligen Landes-Irrenanstalt, die sich ungefähr dort befand, wo heute der Neubau des AKH steht.

Architektonische Meisterwerke

Architektonisch und kunsthistorisch interessant sind die Gebäude der ersten Bauphase im Eingangsbereich Spitalgasse 23: der umgebaute historische Mittelteil des ehemaligen Versorgungshauses, die so genannte Materialkanzlei, die als Annahmegebäude Verwendung fand und die pavillonartig angelegten Jugendstilgebäude. Beeindruckend an der Materialkanzlei sind die von mächtigen Steinpfeilern gestützte Säulenhalle mit Kreuzrippengewölben und ein glasüberdachter Innenhof im ersten Obergeschoss. Durch die Eingangshalle gelangt man auch in die direkt angebaute Kirche.
Vom Haupteingang in der Spitalgasse aus gesehen rechts befanden sich die I. Frauenklinik und später die II. Chirurgische Klinik und symmetrisch dazu links die II. Frauenklinik. Jugendstilornamente, ein umlaufender grüner Keramikstreifen und unterschiedliche Fensterformen beleben die Fassaden der Gebäude. Einzigartig sind die Schmiedeeisengitter mit Jugendstilmotiven, die die Flachdächer umgeben. Die Dachflächen konnten direkt mit dem Lift erreicht und von Kranken und dem Personal als Erholungsraum genutzt werden. In den Aufbauten befanden sich das Institut für Photographie und Röntgenverfahren und verschiedene andere Forschungseinrichtungen. Die Kliniken gelten heute als klassisches Beispiel secessionistischer Zweckarchitektur.

Wissenschaftlicher Wettkampf

An den beiden Frauenkliniken arbeiteten und forschten die beiden weltbekannten Gynäkologen Friedrich Schauta und Ernst Wertheim (1864 bis 1920). Schauta und Wertheim führten über Jahre hinweg einen erbitterten wissenschaftlichen Wettkampf. Es ging um die Operationstechnik bei Gebärmutterhalskrebs. Beide hatten bereits vor der Jahrhundertwende zwei verschiedene Methoden beschrieben: Schauta eine vaginale Operation, bei der die Gebärmutter und das krebsverdächtige Gewebe von der Scheide aus entfernt wurden, und Wertheim die abdominale Radikaloperation, bei der man nach Eröffnung der Bauchdecke die Gebärmutter, Lymphknoten und das parametrane Bindegewebe entfernte. Beide Methoden bargen gewaltige Risken. Bei der Wertheim’schen Radikaloperation starben, bedingt durch die Größe und die Dauer des Eingriffes, bis zu 74 Prozent der Patientinnen. Bei der vaginalen Operation starben zwar bedeutend weniger - etwa 32 Prozent - unmittelbar nach der Operation. Durch den schwierigen Zugang war die Operation allerdings selten radikal genug, sodass nur wenige Frauen von ihrem Krebsleiden geheilt werden konnten. Zwar gelang es beiden Gynäkologen in der Folge, ihre Ergebnisse zu verbessern, den entscheidenden Fortschritt brachte aber erst die Einführung der Radiumbestrahlung im Jahre 1913.
Vorbei am ehemaligen Isolierpavillon hinter der Kirche, der später die Strahlentherapeutische Abteilung beherbergte, und nach links gelangt man zu den Gebäuden der zweiten Bauphase, die in den Jahren 1909 bis 1911 errichtet wurden. Zwischen den Gebäuden der ehemaligen I. Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten und der Neurologischen Klinik findet sich das Denkmal eines medizinisch-wissenschaftlichen Pioniers beider Fachgebiete, dem lange Zeit die öffentliche Anerkennung versagt blieb: Ludwig Türck (1810 bis 1868) (Serie Teil 23, ÄRZTE WOCHE 7/03, 26. Februar 2003). Ein kleiner Brunnen mit einer Büste von Ottokar von Chiari (1853 bis 1918) an der Westfront der Klinik erinnert an den Vorstand der Universitätsklinik für Kehlkopf und Nasenkrankheiten.
Im Jahre 1911 wurde unter ihm die neu erbaute Klinik eröffnet, die zu den schönsten und modernsten der Welt gehörte. Ebenfalls 1911 wurde das gegenüberliegende Gebäude für die I. Medizinische Klinik errichtet. Hier arbeitete und forschte Karl Friedrich Wenckebach (1864 bis 1940), der sich vor allem mit seinen Arbeiten über Herzrhythmusstörungen einen Namen machte. Sein Buch "Die unregelmäßige Herztätigkeit” wurde zum Standardwerk der Kardiologie. Die Wenckebach-Perioden, eine typische Herzrhythmusstörung, sind heute noch jedem Arzt ein Begriff.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 21/2003

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