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19. Dezember 2005

Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder (Altes Medizinisches Wien 36)

Von der Wiege bis zur Bahre versuchte der Anatom Julius Tandler (1869 bis 1936) im so genannten "Roten Wien" seine Wohlfahrtspflege zu verwirklichen. Von der ersten Eheberatungsstelle der Welt im Jahre 1922 bis zum Bau des Krematoriums erstreckte sich sein Wirken als Stadtrat für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen in Wien.

Die Anatomie und die Anatomen sind bis heute bei Autoren von Grusel- und Horrorgeschichten sehr beliebt. Waren es früher gruselige Kellergewölbe, in denen die Autoren die schrulligen Anatomen ihr Gewerbe an verwesenden Leichen ausüben ließen, so sind es heute glänzende, an Hygiene kaum zu überbietende Nirosta-Seziersäle, die die Kulisse für die sinistren Machenschaften der zumeist verbrecherischen oder zumindest wahnsinnigen Anatomen abgeben. Und wenn sie schon keine Bösewichte sind, so werden sie doch vielfach als ein bisschen weltfremde Forscher angesehen, die entzückt an Leichen herumschnipseln und an Lebenden im Allgemeinen nicht viel Interesse zeigen.

Wesentlich besser als ihr Image

Dabei waren es oft gerade die Anatomen, die zu Sozialreformern wurden und damit mehr Menschen halfen, als es je ein praktischer Mediziner vermocht hätte. In Deutschland war für den berühmten Pathologen Rudolf Virchow "Politik nichts anderes als Medizin im Großen". Sein Einsatz für soziale Fragen brachte ihn in gröbere Schwierigkeiten mit der Obrigkeit, die bis zu einer Duelldrohung mit Bismarck führten.
In Österreich war dem Professor für Anatomie und Chirurgie Ferdinand Leber (1727 bis 1808) zu verdanken, dass die Folter, die "verschärfte Tortur", 1776 in Österreichs Gefängnissen verboten wurde. Der große Anatom Joseph Hyrtl (1810 bis 1894) wiederum stellte große Summen seines Vermögens und sein gesamtes Erbe karitativen Zwecken zur Verfügung.

Anatom und Politiker

Würdig ordnet sich in diese Reihe der Anatom Julius Tandler (1869 bis 1936) ein, der 1910 als Nachfolger von Emil Zuckerkandel (1849 bis 1910) die Anatomische Lehrkanzel der Universität Wien übernahm. Neben seiner umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit, in der er anatomische Forschungsergebnisse für die Klinik verwendbar zu machen versuchte und mit berühmten Klinikern neue Wege der Chirurgie erschloss, begann er sich unter dem Eindruck und den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs als Politiker zu betätigen.
Seine Aufgabe als Anatom sah Tandler darin, "nicht den toten Menschen, sondern den Menschen überhaupt zum Objekt der wissenschaftlichen Untersuchung" zu machen. Sein Vortrag vor der Gesellschaft der Ärzte in Wien am 24. März 1916 über "Krieg und Bevölkerung", in dem er die Folgeschäden des Krieges - erhöhte Kindersterblichkeit, Anstieg der Geschlechtskrankheiten, Tuberkulose, Alkoholismus, ganz zu Schweigen von den moralischen Folgen - für die Zukunft des "Bevölkerungskörpers" hochrechnete, erregte großes Aufsehen und monatelange Diskussionen. Man meinte, ein Anatom solle nicht über Dinge außerhalb seines Arbeitsgebietes sprechen und warf ihm vor, den Soldaten an der Front in den Rücken zu fallen. Erst nach dem Krieg, in der jungen Republik, konnte er beginnen, seine Ideen der Sozialhygiene zu verwirklichen.
Als Unterstaatssekretär für Volksgesundheit schuf Tandler 1920 das Krankenanstaltengesetz und sicherte damit den österreichischen Krankenhäusern, die bis dahin durch wohltätige Fonds finanziert wurden, die Übernahme der Kosten durch Bund, Länder und Gemeinden. Als Stadtrat für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen der Gemeinde Wien konnte Tandler dann seine sozialpolitischen Vorstellungen verwirklichen. Nach der Trennung Wiens von Niederösterreich 1921 hatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Wien eine solide Mehrheit und Tandler, der "Gefühlssozialist", damit die Möglichkeit, im so genannten "Roten Wien" seine Grundsätze der Volksfürsorge umzusetzen.
Als einer der Ersten erkannte er, wie wichtig die soziale Komponente im Gesundheitswesen ist. Er baute in Wien ein Sozialsystem auf, das in der ganzen Welt Bewunderung erweckte. Durch die Besteuerung von Bars, Nachtlokalen, Weinkellern, Stundenhotels und Pferderennen finanzierte er Entbindungsheime, Schülerausspeisungen und Schulzahnkliniken. Soziale Hilfen, die auch heute noch bestehen, wie Mutterberatung, das Säuglingswäschepaket und die Tuberkulosefürsorge gehen auf seine Initiativen zurück. In seiner Amtszeit wurden das Zentralkinderheim, die Kinderübernahmestelle, der Tbc-Pavillon im Krankenhaus Lainz, aber auch das Wiener Praterstadion gebaut. Gemeinsam mit dem Chirurgen Leopold Schönbauer (1888 bis 1963) errichtete er die erste Krebsberatungsstelle in Wien und als dritte Stadt der Welt kaufte Wien fünf Gramm Radium zur Bestrahlung von Krebspatienten im Krankenhaus Lainz. Mit hervorragenden Medizinern besetzt, entwickelte sich das Krankenhaus Lainz in seiner Amtszeit zu einer Art Gegenuniversität und gleichzeitig entstand hier das größte Alterspflegeheim Europas.

Umstrittenes Kriegerdenkmal

Zur Kunst und zu Künstlern hatte Tandler auf Grund seiner Vorlesung "Anatomie für Künstler" immer eine gute Beziehung. Zu seinen Bekannten zählten die Maler Carl Moll, Mitbegründer der Secession, Herbert Boeckl und Gustav Klimt. Besonders schätzte er aber den Bildhauer Anton Hanak (1875 bis 1934), der im Auftrag Tandlers mehrere hervorragende Denkmäler für die Gemeinde Wien schuf. Das größte und umstrittenste war sicherlich das Kriegerdenkmal auf dem Wiener Zentralfriedhof. Tandler hat die Gestaltung des Denkmals gegen alle Widersprüche und Proteste der Rathausopposition mit Gewalt durchgedrückt. Ein Kriegerdenkmal mit einer Mutterfigur und nicht wie üblich einem Soldaten mit Pickelhaube, der an der Front "Blut und Leben geopfert hat", stieß auf heftigste Ablehnung. Die Idee, das Gefühl der Trauer für 30 Millionen im Krieg zugrunde gegangene Menschen durch die Mutter zu symbolisieren, hatten Tandler und Hanak gemeinsam erarbeitet, und Tandler ließ das Denkmal trotz aller Proteste ohne Ausschreibung bauen, weil er Hanak einfach für den richtigen Mann hielt.

Soziales Netz für alle Bedürfnisse

Die Verpflichtung der Gesellschaft, allen Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren, war der erste Grundsatz der Fürsorge, den sich die Stadt Wien damals selbst auferlegte. Ganz Wien war von einem Netz von Beratungs- und Fürsorgestellen überzogen. Von der Eheberatung bis zum Friedhofswesen lag alles in den Händen Julius Tandlers. Auch der Bau des Krematoriums 1922 am Wiener Zentralfriedhof fiel in seine Amtszeit.
In diesem Krematorium wurde auch Tandler am 8. September 1936 eingeäschert. 1950 erhielt er eine Ehrennische im Urnenhain des Krematoriums. Auf einer Gedenktafel für Tandler an der ehemaligen Kinderübernahmestelle, Ecke Lustkandelgasse/Ayrenhoffgasse im 9. Bezirk, steht der Satz: "Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder". Dieser Satz Tandlers dokumentiert den Grundgedanken seines gesamten Fürsorgesystems. Eine Gedenktafel befindet sich auch an seinem Wohnhaus in der Beethovengasse 8 hinter dem Anatomischen Institut. 1956 wurde im Arkadenhof der Universität Wien ein Denkmal für Julius Tandler enthüllt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 22/2003

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