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19. Dezember 2005

Das neue Pathologisch-Anatomische Institut (Altes Medizinisches Wien 37)

Rund um das 1862 erbaute neue Pathologisch-Anatomische Institut erlebte Wien als Zentrum der Weltmedizin zwei Sternstunden der besonderen Art: Karl von Rokitansky gründete die pathologische Anatomie und legte damit das naturwissenschaftliche Fundament für die klinische Medizin. Karl Landsteiner wiederum entdeckte die humanen Blutgruppen und den Rhesusfaktor.

Das Zentrum der weltberühmten Zweiten Wiener Medizinischen Schule hatte seinen Ursprung im Leichenhof des Alten Allgemeinen Krankenhauses. Eine armselige Baracke, die bereits unter Johann Peter Frank (Spurensuche Teil 18) errichtet wurde. Obwohl ein "Elendsgebäude", wurde der Leichenhof unter Karl von Rokitansky (1804 bis 1878) zur Geburtsstätte der pathologischen Anatomie. Täglich obduzierte man dort 20 bis 30 Leichen in den drei zugigen Kammern des Leichenhauses.
Viele Besucher waren entsetzt, dass die Leichen einfach nackt am Boden lagen, aber gerade in der Menge des "Obduktionsgutes", das täglich vom "Allgemeinen" angeliefert wurde, lag der große Vorteil des Zentralspitals. Während in Paris in verschiedenen, verstreuten Spitälern jeder Kliniker sein eigener Obduzent war, gingen in Wien praktisch alle Leichen durch eine Hand. Das erste von Rokitansky geschriebene Obduktionsprotokoll trägt die Fallnummer 1.827. Bei seinem Austritt aus dem Institut im Jahre 1875 war er bei Nummer 64.567 angelangt. Dazu kommen noch an die 25.000 gerichtliche Sektionen.

Bildhafte Sprache

Rokitanskys Ziel war es, Ursache und Wesen der Krankheit durch anatomische Untersuchungen zu klären. Aus den Tausenden von Befunden, die er am Seziertisch erhob und in einer neuen, bildhaften Sprache - kirschgroß, himbeergeleeartig, kaffeesatzartig - beschrieb, gelang es ihm, das Gesetzmäßige eines Krankheitsprozesses zu erkennen. Sein 1841 bis 1846 erschienenes dreibändiges Lehrbuch der pathologischen Anatomie war ein Neuanfang für die gesamte Medizin. Der bekannte Pathologe Rudolf Virchow (1821 bis 1902) bezeichnete es am Ende des 19. Jahrhunderts als das Fundament der praktischen Medizin.
Rokitanskys zweites Ziel, zu zeigen, dass und wie die "Thatsachen für die Diagnose am Lebenden zu verwerthen seien", erreichte er durch seine Zusammenarbeit mit dem Internisten Joseph Skoda. Skoda verglich die Befunde, die er durch Beklopfen und Abhorchen an den Lebenden erhoben hatte, mit denjenigen an der Leiche. Dadurch konnte er den Zusammenhang zwischen klinischer Beobachtung und anatomischem Befund herstellen. Symptome waren nun nicht mehr Zufälle, sondern äußerlich erkennbare Zeichen eines inneren Organgeschehens.
Aber nicht nur die innere Medizin, auch die Chirurgie, die Dermatologie und die Geburtshilfe profitierten von dem gigantischen Material, das Rokitansky zusammentrug. Seine Arbeit führte die klinische Medizin auf eine feste physikalische und anatomische Grundlage zurück.

Wien als Zentrum der Weltmedizin

Unter dem "Dreigestirn" Rokitansky, Skoda und Hebra wurde Wien wieder zum Zentrum der Weltmedizin. Ärzte aus allen Ländern kamen nach Wien. Hier gab es wieder etwas zu lernen, hier gab es wieder etwas zu sehen: Medizin, die man an anderen Orten vergeblich suchte. Rokitansky war längst eine europäische Berühmtheit, als ihm 1862 ein neues Institutsgebäude gebaut wurde.
Das neue Pathologisch-Anatomische Institut im 10. Hof des Alten Allgemeinen Krankenhauses wurde großzügig und modern geplant. In einem Orientierungsplan von 1886 wird auf einen Gasmotor mit acht Pferdekräften für die elektrische Beleuchtung der vier Hörsäle, elektrische Überwachungsapparate in den Beisetzkammern, um Scheintote rechtzeitig zu erkennen, und für zwei Sprachrohre und mehrere Telegraphen zur Verständigung im Haus hingewiesen.
Rokitansky eröffnete den Bau mit den Worten: "Wir sind an einer Stelle versammelt, an welcher ein Phönix aus seiner Asche entstand." Auf sein neues Institutsgebäude ließ er die Worte "Indagandis sedibus et causis morborum" (Untersuchungen über Sitz und Ursache der Krankheiten) schreiben. Das ist der etwas abgewandelte Titel des berühmten Hauptwerkes von Giovanni Battista Morgagni aus Padua, der als Begründer der modernen pathologischen Anatomie gilt. Rokitansky starb am 23. Juli 1878. Der Meister der Autopsie wurde selbst jedoch nicht obduziert.
Ein Gedenkraum im Pathologisch-Anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm und ein Ehrengrab am Hernalser Friedhof in Wien erinnern heute an diesen großen Pathologen, der die naturwissenschaftliche Grundlage für die klinische Medizin bereitete.

Nobelpreis für Entdeckung der Blutgruppen

An eine andere medizinische Großtat in diesem Institutsgebäude in der Spitalgasse erinnert eine Gedenktafel an der Westfront des Hauses: Karl Landsteiner (1868 bis 1943) entdeckte in diesem Institut die klassischen Blutgruppen. Im Jahre 1900 veröffentlichte Landsteiner eine Arbeit, in der er in einer Fußnote (!!) anmerkte, dass die Agglutination (Verklumpung der Blutkörperchen) beim Mischen von Blutproben verschiedener Individuen möglicherweise physiologisch sei. Bis dahin war Lehrmeinung, dass die Ursache der Agglutination eine krankhafte Veränderung des Blutes sei.
Bereits 1901 konnte Landsteiner seine Vermutung beweisen. In der Wiener klinischen Wochenschrift vom 14. November 1901 publizierte er in einer knappen Abhandlung - "Über Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes" - die Entdeckung der menschlichen Blutgruppen. Die Arbeit endet mit dem Satz: "Endlich sei noch erwähnt, dass die angeführten Beobachtungen die wechselnden Folgen therapeutischer Menschenbluttransfusionen zu erklären gestatten."
Für diese bahnbrechende Entdeckung, durch die die Bluttransfusion von Mensch zu Mensch überhaupt erst möglich wurde, erhielt Karl Landsteiner 1930 den Nobelpreis. Wegen schlechter Bezahlung und den äußerst bescheidenen Mitteln für seine Forschungen hatte er aber damals Wien schon längst verlassen und war einer Berufung an das Rockefeller-Institut in New York gefolgt. Als Krönung seines Lebenswerks gelang ihm 1941 noch die Entdeckung des Rhesusfaktors.
Millionen von Menschen verdanken Karl Landsteiner ihr Leben und ihre Heilung, so steht es auf der Gedenktafel, die 1990 vom Institut für Blutgruppenserologie der Universität Wien am Pathologischen Institut angebracht wurde.
Bis 1991 war in diesem Gebäude das pathologisch-anatomische Institut der Universität Wien untergebracht. Im schön renovierten Bau ist seit dem Jahr 2000 das Zentrum für Hirnforschung beheimatet.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 24/2003

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