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19. Dezember 2005

Reinlichkeit bis zur Ausschweifung (Altes Medizinisches Wien 38)

Theodor Billroth (1829 bis 1894) war wohl einer der bedeutendsten Ärzte der Medizingeschichte. Er führte die weltweit erste Magenresektion durch, gründete die Pflegerinnenschule im "Rudolfinerhaus", gab den Streptokokken ihren Namen und legte den Grundstein für eine genaue statistische Erfassung der Krankengeschichten.

Unmittelbar hinter dem Durchgang durch das Haupttor des Alten Allgemeinen Krankenhauses in der Alser Straße 2 in Wien, steht die mächtige Statue eines der wohl bedeutendsten Ärzte der Medizingeschichte: Theodor Billroth (1829 bis 1894). Bereits 1942 hatten die Chirurgen Wiens den Plan gefasst, zum 50. Todestag Billroths, am 6. Februar 1944, ein Marmordenkmal im 1. Hof zu errichten. Mit der Ausführung des Denkmals wurde der Bildhauer Prof. Drobil beauftragt. Die finanziellen Mittel waren zwar vorhanden, kriegsbedingt war Marmor jedoch nicht erhältlich. Das Denkmal konnte also nur in Gips ausgeführt werden. Erst nach dem Krieg konnte auf Initiative des Chirurgen Schönbauer das ursprüngliche Vorhaben ausgeführt und das Standbild, diesmal in Marmor, zum 120. Geburtstag Billroths am 26. April 1949 im 1. Hof enthüllt werden.

Billroths Bestellung

Als die Medizinische Fakultät einen Vorschlag für die freigewordene Lehrkanzel der II. Chirurgischen Klinik erstellen sollte, wünschte man sich "jenen Professor der Chirurgie zu wählen, von welchem die größte Förderung der Wissenschaft zu erwarten steht, der nicht nur in der praktischen Chirurgie, sondern auch in physiologischen und pathologischen Forschungen einen großen Ruf genießt, der als Lehrer, Operateur und Schriftsteller durch besondere Genialität sich schon ausgezeichnet hat, der in voller Manneskraft noch steht und erwarten läßt, die moderne Richtung der Chirurgie in ihren Beziehungen zur Physiologie und pathologischen Anatomie glänzend zu vertreten, und geeignet ist, eine chirurgische Schule hier zu gründen, welche der Universität zum Ruhme und dem Lande zum größten Nutzen gereichen soll." Man wünschte sich schlicht und einfach ein Genie.
Viele Bewerber konnte es bei solchen Forderungen naturgemäß nicht geben.
In der Gunst des Kaisers stand der Leiter der Lehrkanzel für Chirurgie am Josephinum, Franz von Pitha. Und nun geschah etwas, was sicherlich nicht nur unter Medizinern eine Rarität ist. Pitha plädierte in der Fakultät für Theodor Billroth und erklärte dem Kaiser, dass der um 19 Jahre jüngere Kollege ihn hundertmal überflügeln werde. Die Regierung entsprach schließlich dem Wunsch der Fakultät und berief den "Preußen" Billroth nach Wien. 
1867 zog Billroth in den 1. Hof des Allgemeinen Krankenhauses ein. Hier - der Hörsaal und die Klinik befanden sich in der nordwestlichen Ecke, vor dem Durchgang zum 4. Hof - hat Billroth Medizingeschichte geschrieben: Erste Oesophagusresektion 1871, erste Kehlkopfexstirpation 1873 und schließlich 1881, nach zehnjähriger Vorbereitung, die Operation, die auch heute noch seinen Namen trägt: die erste erfolgreiche Resektion eines Magenausgangskrebses. Nachdem alle technischen Details der Operation im Tierversuch geklärt waren, durchforsteten er und seine Mitarbeiter noch 61.287 Obduktionsbefunde, um zu ermitteln, wie viele Patienten mit Pyloruskarzinom ohne Metastasen gestorben waren. Als sich hier 41,1 Prozent fanden, entschloss sich Billroth, den Eingriff zu wagen.

Erste erfolgreiche Magenresektion

Nach fünfjähriger Wartezeit kam die erste zur Resektion geeignete Patientin, die 43-jährige Therese Heller, an die Klinik. Am 29. Jänner 1881 führte Billroth an ihr die erste erfolgreiche Magenresektion der Welt durch. 1885 beschrieb er noch eine zweite Methode der Magenresektion, die heute allgemein als "B II", Billroth II, bekannt ist.
Neben seiner operativen Tätigkeit betrieb Billroth bakteriologische Studien über Wundfieber und Wundkrankheiten, ein der Chirurgie damals unter den Fingern brennendes Problem. Eine Statistik aus der Züricher Zeit Billroths weist beispielsweise eine Sterblichkeit von 46 Prozent bei Amputationen aus. Mit einfachsten Mitteln, ohne Nährböden und Farben, entdeckte und isolierte er eine Bakterienart, der er den noch heute gültigen Namen Streptokokken gab. Der Nachweis, dass Mikroorganismen Wundinfektionen verursachen, gelang ihm aber nicht. Auch wie die Keime in die Wunden gelangen, war ihm unbekannt. Unbewusst nahm er jedoch mit seiner Forderung "Reinlichkeit bis zur Ausschweifung" die aseptische, keimfreie Methode des Operierens vorweg.
Erst Pasteur (1822-1895) und Robert Koch (1843-1910) konnten nachweisen, dass Keime die Ursache für Infektionen sind und vor allem durch Berührung und nicht durch die Luft, wie man anfänglich annahm, in die Wunden gelangen. Auf Grund dieses Wissens lernte man allmählich, aseptisch zu operieren. Fast wehmütig klingen Billroths Äußerungen einige Jahre vor seinem Tod: Alle Chirurgen tragen jetzt die antiseptische Uniform, das Individuelle tritt gewaltig in den Hintergrund. Und: Mit reinen Händen und reinem Gewissen wird der Ungeübteste jetzt weit bessere Resultate erzielen als früher der berühmteste Professor der Chirurgie.
Auch die Einführung der Statistik mit schonungsloser Angabe aller Misserfolge ist ein weiterer Verdienst Billroths. Er sagte die Zeit voraus, in der man jeden Arzt für einen Scharlatan halten würde, der nicht imstande ist, seine Erfahrungen in Zahlen auszudrücken.

Gründung einer Pflegerinnenschule

Ein besonderes Anliegen war ihm die Reform der Ausbildung des Krankenpflegepersonals. Da das im Allgemeinen Krankenhaus nicht möglich war, erbettelte er sich Geld zur Gründung der interkonfessionellen Pflegerinnenschule "Rudolfinerhaus" samt eines dazugehörigen kleinen Musterspitals zusammen (Serie Teil 5, ÄRZTE WOCHE, 18. September 2002). Für die Schwestern dieses Spitals schrieb er das Buch "Die Krankenpflege im Hause und im Hospitale". Dieser Klassiker der Krankenpflegeliteratur beginnt mit dem Satz: Wer anderen hilft, verhilft sich selbst zum Glück. Erst Jahrzehnte später entstand auch im Allgemeinen Krankenhaus eine Schwesternschule. Während seiner gesamten Amtszeit bemühte sich Billroth ständig um den Um- und Neubau seiner Klinik. Mit dem Bau des von Billroth ersehnten neuen Allgemeinen Krankenhauses (Serie Teil 34, ÄRZTE WOCHE 21/03, 4. Juni 2003) wurde aber erst zehn Jahre nach seinem Tod begonnen.

Freundschaft mit Johannes Brahms

Das Musikleben Wiens hat Billroth stets in vollen Zügen genossen. Seine Freundschaft mit Johannes Brahms ist legendär. In Billroths Haus wurden Kammermusikwerke Brahms in einem ausgewählten Kreis uraufgeführt und Brahms widmete ihm 1873 sogar sein a-Moll-Streichquartett op. 51/2. Billroth starb am 6. Februar 1894. Über sein fürstliches Begräbnis schrieb Brahms noch am selben Abend in einem Brief: "Ich wünschte, Sie könnten sehen, was es heißt, hier in Wien geliebt zu sein."

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 25/2003

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