zur Navigation zum Inhalt
 
19. Dezember 2005

250 Jahre Unterricht am Krankenbett (Altes Medizinisches Wien 39)

Gerard van Swieten (1700 bis 1772) und Anton de Haen (1704 bis 1776) gelten als die Begründer der Ersten Wiener Medizinischen Schule, die Wien vor 250 Jahren zum medizinischen Zentrum Europas machte. Ebenso absolutistisch wie seine Monarchin Maria Theresia reorganisierte van Swieten das österreichische Gesundheitswesen. Und er führte, damals revolutionär, den Unterricht am Krankenbett ein.

Auf dem Platz zwischen dem Kunsthistorischen und dem Naturhistorischen Museum in Wien steht das imposante Denkmal der Kaiserin Maria Theresia von Kaspar von Zumbusch. Umgeben ist die Regentin von ihren engsten Beratern. Links neben der Kaiserin - "weil er unter allen ihren Beratern ihrem Herzen am nächsten stand" - Gerard van Swieten, Leibarzt der Kaiserin und Begründer der Ersten Wiener Medizinischen Schule, vor einer Nische, in der Gluck, Haydn und Mozart dargestellt sind.
Als Maria Theresia 1740 an die Regierung gelangte, erkannte sie bald, dass es um die medizinische Fakultät in Wien schlecht bestellt war. Alle etwa 70 in Wien praktizierenden Ärzte gehörten ihr an, aber lehrende Ärzte gab es nur drei. Die Vorlesungen waren schlecht besucht und es gab kaum Promotionen in Wien. Die Wiener Universität wurde von den Studenten geradezu gemieden. Dies schade ihrer Ehre und sei auch für die staatlichen Finanzen kein Vorteil, befand die Kaiserin. Eine gründliche Reformierung des medizinischen Unterrichts schien ihr daher dringend nötig. 1745 berief die Kaiserin Gerard van Swieten aus der angesehenen Leidener Klinik in den Niederlanden als ersten Leibarzt und Präfekten der Hofbibliothek nach Wien.
Van Swieten war der Lieblingsschüler des Niederländers Hermann Boerhaave (1668 bis 1738), der die Ausbildung der Mediziner an der Leidener Universität revolutioniert hatte. Boerhaave unterrichtete am Krankenbett - "weg vom Buch, hin zum Objekt" -, ging mit seinen Schülern in botanische Gärten und führte die Arbeit in chemischen Laboratorien in den Unterricht ein. Durch seine Schüler verbreitete sich die Leidener Schule über ganz Europa und Nordamerika.

Vollmacht für Reformen

Nachdem van Swieten sich über die Verhältnisse an der Medizinischen Fakultät in Wien informiert hatte, legte er 1749 der Kaiserin
seine Reformpläne vor. Die Monarchin billigte seine Pläne, bestellte ihn zum Direktor und Präses der
Fakultät und stattete ihn mit allen nötigen Vollmachten aus. Alle Widerstände der heimischen
Professoren gegen den Fremdling waren vergebens. Van Swieten genoss das unumschränkte Vertrauen der Kaiserin.
Im Zuge seiner Tätigkeit brachte er eine Reihe von bedeutenden Ärzten und Naturwissenschaftlern nach Wien. Hier ist besonders sein Studienkollege Anton de Haen (1704 bis 1776) zu nennen, der als erster Leiter der Wiener Medizinischen Klinik den Unterricht am Krankenbett in Wien einführte. Er ließ die Kranken von den Studenten untersuchen und sich dann das Ergebnis ins Ohr flüstern, um den Studierenden im Falle einer Fehldiagnose vor dem Patienten nicht zu blamieren. Neu war auch, neben der Lehre die Forschung zur Pflicht der Klinik zu machen.
Die Arbeit der Schüler van Swietens erlangte große Bedeutung für die Therapie. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang besonders Nicolaus Joseph Jaquin (1727 bis 1817) als Direktor des Botanischen Gartens am Rennweg (Serie Teil 2, ÄRZTE WOCHE 4, September 2002) und Anton von Stoerk (1731 bis 1803), der die Wirkung von Pflanzen an Tier und Mensch experimentell untersuchte.

Neues Universitätsgebäude

1756, zwei Jahre nach de Haens Berufung nach Wien, wurde das neu errichtete Universitätsgebäude, heute Akademie der Wissenschaften am Dr. Ignaz-Seipel-Platz in der Innenstadt (vormals Universitätsplatz), eröffnet. Den Neubau hatte van Swieten angeregt, der in seinem Bereich ebenso absolut regierte wie die Herrscherin. Es gelang ihm in kurzer Zeit, nicht nur die medizinische Fakultät, sondern das gesamte österreichische Medizinalwesen zu reorganisieren. Seine sozialmedizinischen Ideen von Krankenkassen - Finanzierungsmodelle dazu hatte er bereits selbst durchgerechnet -, Findelhäusern und Altersheimen konnten allerdings erst Generationen später verwirklicht werden.

Drastische Mittel

De Haens Klinik und Unterricht lockte viele Studenten und Ärzte nach Wien, ihm gebührt daher wohl das Hauptverdienst am Aufstieg der Wiener Medizin. Hingegen lagen Van Swietens überragende Fähigkeiten in erster Linie im Organisatorischen. Als Arzt vertrat er die Lehre Boerhaaves. Als Therapeut war er vor allem Diätetiker, der als Leibarzt der Kaiserin auch manchmal zu drastischen Mitteln griff:
Bei einer Festtafel befahl er einem Lakaien, einen Eimer neben seinen Platz zu stellen. Die Kaiserin fragte erstaunt, was das zu bedeuten hätte. Van Swieten bat um Geduld. Während des Speisens entnahm er den Schüsseln ungefähr die gleiche Menge, die sich Maria Theresia selbst vorgelegt hatte, und warf sie in das Gefäß. Die Kaiserin fragte verdutzt: "Aber hör er, van Swieten, was soll denn das?" Daraufhin bat er sie, in den Kübel mit dem unappetitlichen Durcheinander der verschiedensten Speisen zu blicken: "So sieht es jetzt in Eurer Majestät Magen aus!" Diese drastische Vorführung soll die Kaiserin stärker beeindruckt haben als alle anderen Mahnungen zu gemäßigter Diät.
Zusammen mit de Haen wurde van Swieten zum Begründer der so genannten Ersten Wiener Medizinischen Schule, die Wien zum medizinischen Zentrum Europas machte. Mit Leopold Auenbrugger (Serie Teil 30, ÄRZTE WOCHE Nr. 17 vom 7. Mai 2003), Maximilian Stoll, als Nachfolger de Haens und Johann Peter Frank, Direktor des Allgemeinen Krankenhauses (Serie Teil 18, ÄRZTE WOCHE Nr. 2 vom 22. Jänner 2003) erreichte diese Schule schließlich ihren Höhepunkt.
Am 18. Juni 1772 starb van Swieten im Schloss Schönbrunn. Er konnte nicht verhindern, dass die Trauerrede in der Universitätsaula von einem Ordensvertreter der Jesuiten gehalten wurde, deren Einfluss an der Universität er zeitlebens heftigst bekämpft hatte. Aus Dankbarkeit ließ Maria Theresia eine Medaille zu seinem Andenken prägen und widmete ihm in der Augustinerkirche ein Grabmal mit Marmorbüste. Mehrere Denkmäler und Büsten erinnern in Wien an Gerard van Swieten. Das prächtigste Denkmal seiner Universitätsreform ist aber das Universitätspalais, heute Akademie der Wissenschaften, Dr. Ignaz-Seipel-Platz 2 im 1. Wiener Gemeindebezirk (Serie Teil 16, ÄRZTE WOCHE Nr. 44 vom 11.
Dezember 2002). Ein weiteres Denkmal hat ihm der Internist Karl Fellinger gesetzt, indem er, fast so autoritär wie van Swieten selbst, der gesamtösterrreichischen Ärztevereinigung den Namen "Van Swieten Gesellschaft" gegeben hat.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 27/2003

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben