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19. Dezember 2005

Organisierte Hilfe für Verwundete und Kranke (Altes Medizinisches Wien 40)

Jaromir Mundy (1722 bis 1894) gründete die Wiener Rettung und setzte die Ideen Henry Dunants unmittelbar in die Praxis um. Er lebte den von Virchow formulierten Satz, dass der Arzt der natürliche Anwalt der Armen sei. Von Zeitgenossen als der größte praktische Humanist des Jahrhunderts bezeichnet, erschoss sich Mundy im Jahr 1894 in einer depressiven Phase.

Der Sohn eines reichen Tuchfabrikanten begann das Medizinstudium erst mit 33 Jahren, nach einer vom Vater erzwungenen Karriere beim Militär. Es war gewiss kein Zufall, dass er sich gerade Würzburg als Universitätsstadt aussuchte. Lehrte doch hier Rudolf Virchow (1821 bis 1902), der weltberühmte Pathologe und Sozialreformer. Virchows Satz "der Arzt ist der natürliche Anwalt der Armen" bestimmte Mundys gesamtes weiteres Leben.
Nach Abschluss des Studiums bemühte sich Mundy zunächst intensiv um die Verbesserung der Behandlung von Geisteskranken, die damals kaum besser als Gefängnis- insassen behandelt wurden. Obwohl er mit seinen Vorstellungen bei den zuständigen Behörden wenig Erfolg hatte, verschwanden dennoch allmählich die Zwangsmittel aus der Irrenpflege.

Dunant gründete das Rote Kreuz

Mundy besaß die Gabe, die brennendsten medizinischen Probleme zu erkennen und danach mit ungeheurem Einsatz praktische Lösungen zu erarbeiten. Als Arzt betätigte er sich auf den verschiedensten Kriegsschauplätzen. So auch in der Schlacht bei Solferino am 24. Juni 1859, wo er den Journalisten Henri Dunant kennen lernte.
Unter dem Eindruck der Schlacht von Solferino organisierte Henri Dunant 1863 die erste internationale Konferenz in Genf, die eine Verbesserung der medizinischen Erstversorgung von Verletzten im Krieg bringen sollte. In der so genannten "Genfer Konvention” wurde das Sanitätspersonal im Kriegsfall für "neutral” erklärt und bindend festgelegt, dass verwundete Militärangehörige ohne Unterschied der Nationalität medizinisch zu betreuen sind. In der Folge kam es zur Gründung der internationalen Organisation des Roten Kreuzes.

Auf internationalem Parkett

Bei der ersten internationalen Konferenz der Gesellschaft vom Roten Kreuz nahm als österreichischer Delegierter Jaromir Mundy teil, der Dunants Vorstellungen unmittelbar in die Praxis umsetzte. Durch seine Erfahrungen im Krieg kannte er das furchtbare Schicksal der Verwundeten, die praktisch ohne Hilfe auf den Schlachtfeldern liegen blieben. Mundy, technisch sehr versiert, konstruierte verschiedene Tragbahren, Ambulanzwagen und ganze Sanitätszüge, um den sachgemäßen Transport der Verwundeten sicherzustellen. Als "Generalchefarzt des Souveränen Malteserordens" entwickelte er gemeinsam mit Ingenieur Zipperling die Ausrüstung der Sanitätszüge. Praktisch in jedem Eisenbahnwaggon wird man heute an Mundy erinnert: Seine Idee war es, die Waggons mit einem Mittelgang zu versehen und zur einfacheren Betreuung der Verletzten die Waggons mit einem Trittbrett zu verbinden. So konnte mit wenig Sanitätspersonal eine große Patientenzahl versorgt werden.
Im deutsch-französischen Krieg 1870 organisierte er als "neutraler" Arzt die Verwundetenpflege im belagerten Paris. Auf diese Zeit geht auch seine Freundschaft mit der Schauspielerin Sarah Bernard zurück, die ihn damals als Krankenschwester tatkräftig unterstützte. Für seine Tätigkeit wurde er mit der, sonst niemals an Ausländer verliehenen, französischen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet.

Gründer der Wiener Rettung

Nach unzähligen Schwierigkeiten konnte er erst unter dem allgemeinen Schock des Ringtheaterbrandes am 8. Dezember 1881 einen lang gehegten Plan realisieren. Einen Tag nach der Katastrophe, bei der 386 Menschen ums Leben kamen, gründete er gemeinsam mit Graf Hans Wilcek (1837 bis 1922) und Graf Eduard Lamezan (1835 bis 1903) die "Wiener freiwillige Rettungsgesellschaft". Unterstützt vom Chirurgen Theodor Billroth (1829 bis 1894), baute er zunächst eine Organisation mit freiwilligen Helfern auf. Mundy legte besonderen Wert auf die Schulung des Sanitätspersonals, das in der Anfangszeit vorwiegend aus Medizinstudenten bestand. So wurden die beiden bekannten Anatomen Julius Tandler (1869 bis 1936) und Emil Zuckerkandl (1849 bis 1910) als Medizinstudenten von Mundy für den Erste Hilfe-Dienst ausgebildet.
Bis ins hohe Alter war Mundy praktisch Tag und Nacht in "seiner Rettung". Obwohl der Herr Baron viele Titel und Orden besaß, scheute er keine noch so niedrige Arbeit und übernahm jederzeit jeden Dienst. Als ein betrunkener Kutscher bei seiner Entlassung höhnisch fragte, wer denn jetzt die Nacht über fahren werde, antwortete Mundy: "Ich!"

Zeitlebens ein Zerrissener

Jaromir Mundy, den Billroth als einen der größten praktischen Humanisten unseres Jahrhunderts bezeichnete, war zeit seines Lebens ein Zerrissener. Seine Krankheit würde heute als manisch-depressives Kranksein bezeichnet werden. In seinen manischen Phasen war er von unglaublichen Energien getrieben und höchst erfolgreich. In einer depressiven Phase erschoss er sich 23. August 1894 unterhalb der Sophienbrücke, heute Rotundenbrücke genannt, am Wiener Donaukanal.
Bei seinem Begräbnis brachte eine den hohen Trauergästen unbekannte einfache Frau einen Veilchenstrauß, der in einem Zettel steckte, auf dem geschrieben stand: "Millionen Vergelts-Gott erwarten dich oben"" Der Zettel wird heute noch im Archiv des Wiener Städtischen Rettungsdienstes aufbewahrt und bei besonderen Anlässen ausgestellt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 28/2003

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