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19. Dezember 2005

Zum Abschied noch "a schöne Leich' " (Altes Medizinisches Wien 41)

Trotz - manchmal leider auch wegen - der Kunst der Medizin führt alles Leben letztendlich doch zum Tode. Diese Binsenweisheit beinhaltet jedoch ein zentrales Problem jeder menschlichen Gemeinschaft und im Besonderen jeder Großstadt: die hygienische Beseitigung der Leichen, ohne die Lebenden zu gefährden.

Das Bestatten der Toten wurde natürlich zu keiner Zeit und von keiner Kultur nur vom hygienischen Standpunkt aus betrachtet. Schon gar nicht in Wien, wo den Bewohnern seit jeher eine intime Beziehung zum Tod und zum Sterben nachgesagt wird. "A schöne Leich´" lässt sich der Wiener auch heute noch was kosten und so mancher wird "um vieles aufwändiger bestattet, als er gelebt hat".

Engpass im 18. Jahrhundert

Obwohl bereits 1732 in Wien wegen der Luftverpestung und der Gefahr der Grundwasserverseuchung die Beerdigung auf den Friedhöfen innerhalb der Stadt verboten wurde und unter Kaiser Joseph II. im Jahr 1784 alle Grüfte, Kirchhöfe oder so genannte Gottes-äcker in der Stadt geschlossen und die so genannten communalen Friedhöfe weit außerhalb des damaligen Siedlungsgebietes gegründet wurden, war es Mitte des vorigen Jahrhunderts absehbar, dass die bestehenden Friedhöfe die Toten der Hauptstadt bald nicht mehr aufnehmen konnten.
Im Jahr 1863 beschloss der Wiener Gemeinderat, das Grabstättenmonopol der Kirche aufzuheben und einen neuen großen interkonfessionellen Zentralfriedhof auf Gemeindekosten zu errichten. Vor allem wegen des geplanten interkonfessionellen Charakters sorgte der neue Friedhof bereits vor seiner Eröffnung für heftige Kontroversen. Der katholische Volksverein empörte sich darüber, dass "man uns Katholiken mit Dieben, Mördern, Selbstmördern und Konfessionslosen verscharren möchte".

Protest der Katholiken

Als dann noch bekannt wurde, dass die israelitische Kultusgemeinde eine eigene Abteilung zugewiesen bekam, erhob sich ein ungeheurer Proteststurm, und die Katholiken forderten vehement die sofortige Einweihung des Geländes. Da sich der Gemeinderat bis wenige Tage vor der Eröffnung noch immer nicht zu einer klaren Stellungnahme entschließen konnte, schritt Kardinal Rauscher mit Wissen des Bürgermeisters Kajetan Felder zur Tat.
Am 31. Oktober 1874, einen Tag vor der offiziellen Eröffnung, nahm er im Morgengrauen in aller Stille die Einweihung des Friedhofs vor. Somit wurde der Friedhof, der allen Glaubensrichtungen offen stehen sollte, zu einem rein katholischen Gottesacker mit protestantischen, jüdischen, russisch-orthodoxen, griechisch-orthodoxen und mohammedanischen Abteilungen. Während katholische Kreise mit Befriedigung reagierten, äußerte die "Neue Freie Presse" ihren Unmut über "die Engherzigkeit der Religions-Parteien", die "Scheidewände aufrichtet zwischen den Todten".
Durch die offizielle Eröffnung, die am 1. November 1784 in aller Stille, fast unbemerkt über die Bühne ging, ließen sich auch die Jäger, die auf dem benachbarten Feld Hasen jagten, nicht stören. Sogar heute noch gehen beamtete Jäger der Forstverwaltung aus Pietätsgründen im Morgengrauen zwischen den Grabsteinen auf Pirsch, um diese grabschändenden Bestien zu erledigen.

Unmut der Gazetten

So richtig geliebt wurde der Zentralfriedhof von der Wiener Bevölkerung aber auch nach seiner Eröffnung nicht. Vor allem das würde- und pietätlose Aussehen der Wartehalle, die mit einer Prater-
bude oder einem Extrazimmer bei einem Buschenschank verglichen wurde, und "die trostlose, öde Wüste ohne Baum und ohne Strauch, die unser neues Leichenfeld ist", weckten den Unmut der Gazetten.
Ein viel ernsteres Problem als die schlichte hölzerne Wartehalle und die noch fehlenden Kunstwerke, Gartenanlagen und Grabdenkmäler war aber die große Entfernung von der Stadt. Als Transportmittel gab es nur Pferdekutschen. Bei schlechtem Wetter, vor allem bei Schnee kam es regelmäßig zum Chaos, gelegentlich mussten die Särge in den umliegenden Wirtshäusern abgestellt werden.

10.000 Leichen pro Monat

Bis zu 10.000 Leichen wurden im Monat über die Simmeringer Straße zum Friedhof befördert. An kuriosen Lösungsvorschlägen fehlte es nicht. So diskutierte man 1874 sogar das Projekt einer "pneumatischen Leichenbeförderung" im Magistrat. Dabei sollten die Toten nach der Einsegnung in einen Maschinenraum im Stadtzentrum versenkt und mittels Luftdruck in den Zentralfriedhof zur Bestattung befördert werden. Doch das Magistrat lehnte das Projekt wegen sittlicher Bedenken ab.
Ebenfalls nicht verwirklicht wurde eine eigene Bahn zur Leichen-beförderung mit einer Zentralsammelstelle in der ehemaligen Großmarkthalle. Man entschied sich für den Ausbau der bereits bestehenden Simmeringer Pferdetramway, mit der allerdings keine Leichentransporte durchgeführt wurden. Erst nach dem Ersten Weltkrieg beförderte die 1901 elektrifizierte Straßenbahn in Spezialwaggons Särge zum Zentralfriedhof. Das erste Leichenautomobil in Wien gab es erst 1925. Noch bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs konnte man zwischen einer Bestattung mit Pferdewagen oder Automobil wählen.
Bis der "Zenträu" das wurde, was er heute ist - eine Sehenswürdigkeit für viele Touristen -, vergingen allerdings noch einige Jahre. Erst unter Bürgermeister Karl Lueger wurde der Friedhof repräsentativ ausgestaltet: 1898 gewann der erst 27-jährige Architekt Max Hegele den Wettbewerb für die Gestaltung des Portals, der Leichenhallen und der Kirche. Mit der Fertigstellung und Einweihung der Kirche im Jahr 1911 waren die Bauarbeiten schließlich abgeschlossen.

Lueger-Gedächtniskirche

Lueger, der ein Jahr vorher verstorben war, wurde im Gruftgewölbe der Kirche beigesetzt und die Kirche Dr. Karl Lueger-Gedächtniskirche benannt. Dieser wuchtige Bau mit der riesigen Kuppel und der prächtigen Innendekoration ist einer der bedeutendsten Jugendstilbauten Wiens.
Neben der Kirche sind die von der Gemeinde gestifteten Ehrengräber die Hauptattraktion des Friedhofs. Die österreichische Prominenz aus Kunst, Politik und Wissenschaft der letzten 200 Jahre liegt hier bestattet. In einer Verordnung, durch die der Friedhof für die Wiener Bevölkerung attraktiver gemacht werden sollte, wurde 1884 die Übertragung der Leichenreste historisch denkwürdiger Personen von den alten Friedhöfen Wiens nach dem Zentralfriedhof bestimmt und damit der Grundstein für dieses österreichische Pantheon gelegt. Eine Broschüre dazu ist beim Haupttor (II. Tor) erhältlich.

Wolfgang Regal/Michael Nanut

Medizinhistorisch interessante Gräber am Wiener Zentralfriedhof(eine Auswahl)

Ehrengräber Gruppe 0:

  • Viszanik Michael (1792-1872): Psychiater. Primararzt im Allgemeinen Krankenhaus. Reformierte die Behandlungsmethoden psychisch Kranker. 1839 ließ er die Ketten, mit denen die tobenden Irren ruhiggestellt wurden, aus dem Narrenturm entfernen.
  • Mundy Jaromir (1822-1894): Gemeinsam mit Graf Wilcek und Eduard Lamezan; Gründer und Chefarzt der Wiener freiwilligen Rettungsgesellschaft. Gilt als Pionier des modernen
    Rettungswesens und des Kranken- und Verletztentransports.
  • Wirer Franz (1771-1844): Hofmedikus. Gründer der Gesellschaft der Ärzte. Entdeckte die Heilkraft der Ischler Quellen und errichtete in Ischl die erste Solebadeanstalt in Österreich.
  • Schauta Friederich (1849-1919): Gynäkologe. Ordinarius der I. Frauenklinik im AKH. Entwickelte eine Operationsmethode, bei der auch bei Gebärmutterhalskrebs die Gebärmutter von der Scheide aus entfernt werden konnte. Die Operationsmethode von Schauta war wissenschaftlich umstritten.
  • Wertheim Ernst (1864-1920): Gynäkologe. Ordinarius der II. Frauenklinik im AKH. Entwickelte die auch heute noch angewendete abdominale Radikaloperation der Gebärmutter, mit der es möglich wurde, das Gebärmutterhalskarzinom erfolgreich zu behandeln.

Ehrengräber Gruppe 12A

  • Alte Anatomiegräber: Hier ruhen die Überreste jener aufgeklärten Männer und Frauen, die testamentarisch ihren Körper dem Anatomischen Institut der Medizinischen Fakultät zu Unterrichtszwecken zur Verfügung stellten.
  • Neue Anatomiegräber: Wurden von der Stadt Wien zur Verfügung gestellt, nachdem die alte Begräbnisstätte zu klein geworden war. Sie befinden sich in der Gruppe 26, R1.

Ehrengräber Gruppe 14A:

  • Billroth Theodor (1829-1884): Chirurg. Bedeutendster Vertreter der II. Wiener Medizinischen Schule. Führte zahlreiche Operationen weltweit als Erster durch: Oesophagusresektion 1871, erste Kehlkopfexstirpation 1873 und schließlich 1881, nach zehnjähriger Vorbereitung, die Operation, die auch heute noch seinen Namen trägt: die erste erfolgreiche Resektion des Magens.
  • Eduard von Hofmann (1837-1897): Begründer der modernen wissenschaftlichen Gerichtsmedizin in Wien. Bekannt wurde Hofmann durch die Obduktion der 200 Leichen des Ringtheaterbrandes 1881 und sein Gutachten über den Tod des Kronprinzen Rudolf in Mayerling 1889.

Ehrengräber Gruppe 32A:

  • Frank Peter (1745-1821): Von 1795 bis 1804 Direktor des Allgemeinen Krankenhauses. Hervorragender Organisator und Lehrer. Seine Vorlesungen lockten Studenten aus ganz Europa nach Wien. Gilt heute als Begründer der Sozialmedizin, der Gerichtsmedizin und der Hygiene.

Ehrengräber Gruppe 32C:

  • Pirquet Clemens (1874-1929): Kinderarzt. Schöpfer des Begriffs der Allergie und Begründer der Allergieforschung. Beschrieb 1907 die Tuberkulinprobe, mit der es möglich wurde, ohne Röntgen eine Frühdiagnose der Tuberkulose zu stellen. Organisierte nach dem Ersten Weltkrieg die amerikanische Kinderhilfsaktion, bei der täglich bis zu 400.000 Kinder ausgespeist wurden.
  • Wagner Jauregg Julius (1857-1940): Psychiater. Erhielt 1927 den Nobelpreis für Medizin für die Entdeckung der therapeutischen Bedeutung der Malariaimpfung bei der progressiven Paralyse, einer Geisteskrankheit, die im Spätstadium der Syphilis auftrat und nach wenigen Jahren zum Tod führte. Wagner Jauregg ist weltweit der einzige Psychiater, der diese höchste wissenschaftliche Auszeichnung erhielt. Nach der Entdeckung des Penicillins wurde seine Malariatherapie aber überflüssig. Die von ihm angeregte Jodierung des Kochsalzes zur Kropfprophylaxe ist allerdings noch immer aktuell.
  • Schönbauer Leopold (1888-1963): Chirurg. Direktor des Allgemeinen Krankenhauses. Bewahrte das Allgemeine Krankenhaus und seine Patienten gegen Kriegsende durch seine Courage und seine Umsicht vor größeren Kriegsschäden. Errichtete mit Julius Tandler die erste Krebsberatungsstelle in Wien.

Israelitische Abteilung, Tor 1:

  • Politzer Adam (1835-1920): Begründer der Ohrenheilkunde. Entwickelte ein Verfahren, um die Tubendurchgängigkeit zu prüfen. Der Ausdruck "politzern" ist auch heute noch ein Begriff in der Ohrenheilkunde. Grabstelle 8-1-45.
  • Stoerk Karl (1832-1899): Laryngologe. Wagte als erster einen Eingriff am Kehlkopf, der komplikationslos verlief. Ein bis dahin bestehendes Dogma der Medizin, das jede Manipulation am Kehlkopf wegen des gefürchteten Glottiskrampfes mit folgendem Erstickungstod untersagte, war gefallen. Grabstelle 8-62-43.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 29/2003

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