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19. Dezember 2005

Minderwertigkeitskomplex und Machtstreben (Altes Medizinisches Wien 42)

Der Begründer der "Individualpsychologie" und Entdecker des Minderwertigkeitskomplexes, Alfred Adler (1870 bis 1937), ist zwar heute weit weniger bekannt als Sigmund Freud, gilt aber dennoch als einer der bedeutendsten Tiefenpsychologen der Geschichte. Er bemühte sich nicht nur um Heilung, sondern auch um die Verhinderung psychischer Krankheiten.

In seinen Anfängen war Alfred Adler eng mit der Psychoanalyse und mit Sigmund Freud verbunden. Er zählte nicht nur jahrelang zum engsten Kreis der "Mittwochgesellschaft" um Sigmund Freud, sondern war sogar viele Jahre Chefredakteur der psychoanalytischen Zeitschrift "Imago".
Adlers Zerwürfnis mit Freud und sein Bruch mit der Psychoanalyse scheint aber weit mehr als eine wissenschaftliche Kontroverse gewesen zu sein. Glaubt man Freuds wichtigstem Biographen Ernest Jones, so soll Freud über den Tod von Alfred Adler in Aberdeen an den Schriftsteller Arnold Zweig geschrieben haben: "Für einen Judenbuben aus der Wiener Vorstadt ist ein Tod in Aberdeen schon an sich eine unerhörte Karriere und ein Beweis dafür, wie weit er es gebracht hat. Tatsächlich hat ihn die Welt reich dafür belohnt, dass er sich der Psychoanalyse entgegengestellt hat."

Unüberbrückbare Differenzen mit Sigmund Freud

Bei einer derartigen Aussage braucht man kein tiefenpsychologisch geschulter Fachmann zu sein, um hier mehr als eine wissenschaftliche Meinungsverschiedenheit zweier großer Männer zu erkennen. Und selbst heute, nach über 90 Jahren, begegnen sich Freudianer und Adlerianer noch immer mit gemischten Gefühlen.
Im 15. Wiener Gemeindebezirk, Mariahilfer Straße 208, in einem nicht gerade vornehmen Haus, in einem damals wie heute nicht gerade vornehmen Viertel, kam Alfred Adler am 7. Februar 1870 auf die Welt. Sein Vater war ein kleiner Getreidehändler und Adler wuchs, anders als für "bessere" Kinder damals üblich, ohne Gouvernante auf. Er litt an Rachitis, überlebte nur knapp eine Lungenentzündung und, als typischer "Gassenbub", zwei Unfälle mit Pferdefuhrwerken. Sein kleiner Bruder starb neben ihm im Bett. Diese Erlebnisse prägten ihn nach eigenen Angaben so stark, dass er beschloss, Medizin zu studieren. 1895 promovierte er an der Medizinischen Fakultät Wien.
Nach der Ausbildung im Allgemeinen Krankenhaus und in der Poliklinik in Wien ließ er sich zunächst als Augenarzt, dann als Allgemeinmediziner nieder. 1898 veröffentlichte Adler eine Broschüre innerhalb der Reihe "Wegweiser der Gewerbehygiene", das "Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe". Es ist seine erste sozialmedizinische Arbeit.
Im Vorwort schrieb er, er sei bemüht, den "Zusammenhang von ökonomischer Lage und Krankheiten eines Gewerbes zu schildern". In dieser Arbeit und in weiteren Artikeln zeigt sich Adler als sozial engagierter Arzt, "der den Menschen mit seinen körperlichen Leiden nicht als Einzel- sondern als Gesellschaftsprodukt untersucht". Warum er sich in der Folge von sozialmedizinischen Fragen abwandte und verstärkt der Psychologie und Psychiatrie zuwandte, ist unklar. Etwa um 1902 besuchte er Vorträge von Freud und war fasziniert von dem Mann, der gerade seine "Traumdeutung" veröffentlicht hatte. Auch Freud wurde auf ihn aufmerksam und lud ihn zu seinen Diskussionsrunden ein. Adler gehörte damit zu den ersten vier Mitgliedern der "Mittwochsgesellschaft", aus der später die Psychoanalytische Vereinigung hervorging.
Fünf Jahre später, 1907, veröffentlichte Adler seine "Studie über die Minderwertigkeit von Organen". In diesem Werk wurden seine grundlegenden Differenzen zu Freud offensichtlich. Nicht verdrängte sexuelle Komplexe wie bei Freud, sondern Minderwertigkeitskomplexe und Machtstreben - beides Begriffe, die Adler geprägt hat - sind aus seiner Sicht die Grundkonflikte des Menschen. Adlers Thesen: Gelingt es nicht, den Minderwertigkeitskomplex infolge einer bei jedem Menschen tatsächlich oder nur eingebildet vorhandenen Minderwertigkeit zu kompensieren, entstehen Neurosen.

Der Mensch soll zum "Mit”-Menschen werden

Organische Minderwertigkeiten führen nicht nur zu positiven, manchmal außergewöhnlichen Überkompensationen, sondern auch zu Machtstreben und Machtmissbrauch. Eine Heilung kann nach Adler durch Einbindung in soziale und kulturelle Aufgaben gelingen. Ziel ist es, das jedem Individuum angeborene Gemeinschaftsgefühl zu fördern und den Menschen zum "Mit"-Menschen zu machen.
1910 eröffnet Adler in der Innenstadt an der Dominikanerbastei eine Praxis als Psychiater. Diese Adresse dokumentiert wohl am besten seinen gesellschaftlichen Aufstieg.
In der Folge greift Adler Freud wegen seiner einseitigen Fixierung auf die Sexualität öffentlich an und lehnt auch Freuds patriarchalische Auffassung ab. Nach längeren, zum Teil unschönen Diskussionen trennt sich Adler 1911 vom Freud-Kreis und gründet mit acht Anhängern den "Individualpsychologischen Verein". Freud und Adler trafen sich danach nie wieder.
Adler gelang es in seinem 1912 publizierten Buch "Über den nervösen Charakter", seine Ideen und Erkenntnisse zu einer einheitlichen Lehre, der "Individualpsychologie" zu verarbeiten. Der oft missverstandene Ausdruck "Individualpsychologie" bezieht sich auf die Tatsache, dass für Adler die Ursachen für Verhaltenstörungen und Krankheiten in der individuellen Lebensgeschichte des Menschen liegen. "Jede Neurose kann als kulturell verfehlter Versuch verstanden werden, sich aus einem Gefühl der Minderwertigkeit zu befreien, um ein Gefühl der Überlegenheit zu gewinnen."

Soziales und pädagogisches Engagement

Adler bemühte sich nicht nur um Heilung, sondern auch um die Verhinderung psychischer Krankheiten. Das war der Grund, warum er sich nicht nur sozial, sondern auch pädagogisch engagierte. Seine enge Verbindung mit der sozialdemokratischen Wiener Stadtverwaltung ermöglichte es ihm, seine Lehre in Schulen, Kindergärten und in der Sozialarbeit praktisch anzuwenden. In der Hauptschule Staudingergasse im 20. Wiener Gemeindebezirk gelang es ihm, eine individualpsychologische Versuchsschule einzurichten.
Grundgedanke dieses Schulversuches war es, "normal" entwickelte, psychisch gesunde Kinder zu Miterziehern, Mithelfern, gleichsam Co-Therapeuten für ihre verhaltensgestörten Klassenkameraden zu machen. Der Erfolg gab ihm Recht. Adler glaubte an die Gleichwertigkeit aller Menschen. Viele verwahrloste Kinder, Neurotiker und Außenseiter konnten in dieser Schule resozialisiert werden. Erziehung durch Liebe, ohne Drill und Bestrafung, lange bevor das Schlagwort "Antiautoritäre Erziehung" die Welt in Unruhe versetzte, war das Credo seiner Pädagogik. Seine revolutionäre Idee, Krankenhauspatienten umfassend psychologisch zu betreuen, ist auch heute noch kaum verwirklicht.

Berufung nach Amerika

Ab 1926 reiste Adler regelmäßig nach Amerika, wo er an zwei Universitäten lehrte. Obwohl Adlers "Individualpsychologie" auch international zunehmend an Ansehen gewann, versagte ihm die österreichische Schulmedizin die Anerkennung. Der Psychiater Julius Wagner-Jauregg verhinderte seine Habilitation. Enttäuscht nahm Adler 1932 eine Berufung nach Amerika an. Nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 und den folgenden politischen Umwälzungen wurde die Arbeit in Wien immer schwieriger, da viele Individualpsychologen dem "roten" Wien nahe standen. 1935 übersiedelte Adler mit seiner ganzen Familie in die USA. Einen Teil des Jahres verbrachte er allerdings weiterhin auf Vortragsreisen in Europa, wo sich in fast allen großen Städten Gruppen von Individualpsychologen etabliert hatten. Am 28. Mai 1937 starb Adler auf einer belebten Straße in Aberdeen an akutem Herzversagen.
In Wien ist die Schule Adlers heute durch den "Österreichischen Verein für Individualpsychologie (ÖVIP)" vertreten. Gegründet 1912, ist er eine der ältesten Tiefenpsychologischen Vereinigungen Österreichs. Eine Anlaufstelle für Hilfesuchende bietet das seit 2001 bestehende Individualpsychologische Zentrum (IPZ). Individualpsychologisch ausgebildete Psychotherapeuten bieten hier ein breites Spektrum an Hilfestellungen an. Ganz im Geiste Adlers bemüht sich das Ambulatorium "die Boje" um Akuthilfe für Kinder und Jugendliche nach traumatischen Ereignissen und in Krisen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 30/2003

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