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19. Dezember 2005

Die Perle des Wiener Jugendstils (Altes Medizinisches Wien 43)

Am 28. Mai 2003 öffnete die Seniorenpflegeresidenz Hoffmann-Park am Stadtrand von Wien unter beträchtlichem medialen Interesse ihre Pforten.

Die Eröffnung eines Seniorenheims in Purkersdorf ist nicht unbedingt ein Ereignis, das Rundfunk, Fernsehen und überregionale Tageszeitungen auf den Plan ruft. In diesem Fall allerdings sehr wohl. Denn nach Jahrzehnten des Verfalls wurde hier das renovierte Sanatorium Purkersdorf, das Hauptwerk des Wiener Jugendstils, wieder eröffnet. Ein Bauwerk von Weltruf, das in keiner Architekturgeschichte fehlt und geradezu als Leitfossil des Wiener Jugendstils gilt.

Das Quadrat als Grundform

Gebaut hat dieses Juwel des Sezessionstils, die Wiener Spielart des Jugendstils, der berühmte Architekt Josef Hoffmann (1870 bis 1956). Hoffmann, Lieblingsschüler Otto Wagners, gründete 1903 gemeinsam mit Koloman Moser die Wiener Werkstätten und, wie bereits sein Lehrer Wagner, ersetzte er die ausufernde und wuchernde Phantasie und Ornamentik des internationalen Jugendstils durch strenge geometrische Formen. Seine Grundfigur war das Quadrat - es hat ihm auch den Spitznamen "Quadratl-Hoffmann” eingebracht.
Das Sanatorium Purkersdorf baute Hoffmann in den Jahren 1904 bis 1905 für den Industriellen Victor Zuckerkandl. In der Medizingeschichte bekannt ist dessen Bruder, der Anatom Emil Zuckerkandl, der als Erster die Nasennebenhöhlen wissenschaftlich erforschte. Die Gattin des Anatomen, die Journalistin und Kunstkritikerin Berta Zuckerkandl, eine begeisterte Anhängerin des Secessionstils, hatte ihren Schwager Josef Hoffmann als Architekten für den Neubau der "Wasserheilanstalt samt Kurpark" in Purkersdorf empfohlen. Die Kuranstalt war für einen reichen Patientenkreis gedacht und sollte in Bezug auf Luxus und Komfort keine Wünsche offen lassen.

Exklusive Klientel

Mit Badekuren, physikalischen Therapien und dem neuesten Heilverfahren der Mechanotherapie - Heilmassage und Heilgymnastik - behandelte man Rekonvaleszenzfälle und Nervenkrankheiten der besseren und vor allem betuchten Schichten. Ruhe, Licht und Luft, die Rationalität der Anlage und das auf ein Minimum reduzierte Ornament sollten zur Heilung der neuen Modekrankheiten "Nervosität" und "Hysterie" beitragen.
Exzentrische Millionäre, Aristokraten, Maharadschas und orientalische Damen zählten ebenso zur exklusiven Klientel des Sanatoriums wie der Wiener Geldadel. Intellektuelle und Künstler wie Arthur Schnitzler, Egon Friedell, Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Hugo von Hoffmannstal und Kolo Moser waren häufige Gäste des Hauses.
Mehr Hotel als Spital, avancierte das Sanatorium zum gesellschaftlichen und künstlerischen Treffpunkt der Schickeria von Wien. Der gesamte erste Stock war neben einem großen Speisezimmer, in dem die Damen natürlich in großer Toilette speisten, nur der Unterhaltung gewidmet. Lesezimmer, Spielzimmer für Kartenspiele, Tischtennis und Billard und auch ein Musikzimmer sollten den Damen und Herren den Aufenthalt im Sanatorium so kurzweilig wie möglich gestalten. Die Behandlungsräume, die Bäder und der Turnsaal befanden sich im Erdgeschoss.
"Der neue Begriff des Zweckbaues fand im Sanatorium Purkersdorf seine vollendete Ausprägung", schreibt der Architekt Günther Feuerstein in einer Hoffmann-Biographie. "Die hygienische Nüchternheit der Architektur entspricht hier in grandioser Weise seiner einstigen Nutzung."

Legendäre Inneneinrichtung

Gemeinsam mit seinem Partner Kolo Moser (1868 bis 1918) entwarf Hoffmann sämtliche Einrichtungsgegenstände des Hauses. Die Einrichtung des Sanatoriums war einer der ersten großen Aufträge, die die damals junge Wiener Werkstätte erhielt. Selbst für einen Bösendorferflügel entwarf Hoffmann ein eigenes Gehäuse. Die legendäre Inneneinrichtung, durch die das Sanatorium zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk wurde, verschwand im Zuge der "Arisierung” 1938. Einzelstücke der Inneneinrichtung zählen heute zu den bedeutendsten Möbelentwürfen dieser Periode. Einige wenige Stücke des Interieurs und Fotos des komplett eingerichteten Sanatoriums befinden sich im Purkersdorfer Heimatmuseum.

Originalgetreuer Umbau

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Kurhaus zu einem Spital umgebaut, ein Teil der Anlage als Pflegeheim genutzt. 1984 wurde der gesamte Betrieb eingestellt. Nach vielen Jahren des langsamen Verfalles begann 1991 der Augsburger Architekt und Baumeister Klaus mit finanzieller Hilfe von Bund und Land mit der Renovierung des Hoffmann-Baus. 1998 übernahm die BUWOG, eines der größten österreichischen Wohnungsunternehmen, das Areal. In Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt renovierte in den letzten drei Jahren eine private Investorgruppe den Hoffmann-Bau in den wesentlichen architekturhistorischen Bereichen bis ins Detail originalgetreu. Wichtige Teile der historischen Anlage konnten getreu ihrer ursprünglichen Bestimmung weiterverwendet werden. Im Mai erfolgte die Eröffnung der Anlage als privat finanzierte Seniorenpflegeresidenz. Nach den Preisen für den Aufenthalt - inklusive Pflege und Animation, vom Tai Chi bis zum Tanzen - zu schließen, zielt man auch heute eher auf "betuchte" Gäste ab.
Es ist zu hoffen, dass im "Sanatorium Purkersdorf", in dem neben der berühmten Alma Mahler-Inszenierung viele Feste in einzigartiger Atmosphäre stattfanden, weiterhin kulturelle Aktivitäten gesetzt werden und dieses bahnbrechende Bauwerk auch als Pflegeresidenz Kunst- und Architekturinteressierten offen steht.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 31/2003

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