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19. Dezember 2005

Ornamente statt Pornographie (Altes Medizinisches Wien 44)

1884 wurde das Neue Universitätshauptgebäude am heutigen Dr. Karl Lueger-Ring in Wien eröffnet. Es wäre jedoch nicht Wien, hätte die künstlerische Ausgestaltung für keinen Eklat gesorgt.

Damals "erwischte" es Gustav Klimt. Entnervt warf er 1905 das Handtuch und gab den Auftrag zurück. Niemals wieder nahm er einen Auftrag aus öffentlicher Hand an. Anstelle seiner Fresken wurden im Festsaal des Gebäudes Ornamente angebracht.
Nach der Niederschlagung des Studentenaufstandes 1848 in Wien besetzte das Militär das Alte Universitätsgebäude am Dr. Ignaz Seipel-Platz 2. Die Universität wurde zur Kaserne degradiert. Die Studenten waren gezwungen, die Vorlesungen in verschiedenen, weit auseinander liegenden Stadtteilen Wiens zu besuchen.

Hoher Aufwand für fleißige Studenten

Das Professorenkollegium wandte sich mit der Bitte um Wiedervereinigung des Vorlesungsbetriebes mehrmals an das Unterrichtsministerium: "(…) dass vor Allem eine Concentrirung der verschiedenen zu Universitätszwecken dienenden Räume (…) im Interesse der Gesundheit der Studierenden dringend nothwendig sei, da sich statistisch nachweisen lasse, dass bei vielen Studierenden durch das, namentlich im ersten Jahrgange der Medicin nothwendige Besuchen der Vorlesungen in den verschiedenen Stadttheilen, der Keim zu gefährlichen Krankheiten gelegt wird, wie ganz begreiflich, wenn man bedenkt, dass z.B. der Mediciner im ersten Jahrgange von 6 - 7 Uhr Morgens die Vorträge über Botanik am Rennweg, von 8 - 9 die Chemie im Theresianum, von 9 - 10 die Vorlesungen über Anatomie in der Gewehrfabrik in der Währingerstrasse, von 11 - 12 die Vorlesungen über Mineralogie, und von 12 - 1 Uhr über Zoologie in der Stadt anzuhören hat, abgesehen davon, dass er nun am Nachmittag eine ähnliche Lauftour durchmachen soll, um die verschiedenen Secirübungen, zootomischen, chemischen Uebungen u.s.w. vorzunehmen.
Da jeder Mediciner, wenn er fleissig ist, diesen Cyclus der Vorträge durchmachen muss, so ist es begreiflich, dass gerade die fleissigsten Studierenden in ihrer Gesundheit bei solcher Lage der Dinge am meisten gefährdet erscheinen."
Trotz dieser eindringlichen Appelle des Professorenkollegiums teilte das Unterrichtsministerium der Universität erst 1854 eine Allerhöchste Entschließung mit, wonach in Wien ein neues Universitätsgebäude errichtet werden sollte. Nachdem mehrere Projekte verworfen wurden, entschied man sich schließlich im Jahr 1867 dafür, das Areal hinter und zu beiden Seiten der Votivkirche, die ja ursprünglich Universitätskirche werden sollte, für den Universitätsneubau und für mehrere Institute zu verwenden.

Chronischer Geldmangel

1869 bis 1871 baute Heinrich von Ferstel als erstes Institutsgebäude das Chemische Institut am Beginn der Währinger Straße. 1873 wurde nach seinen Plänen mit dem Bau des Universitätshauptgebäudes im Bereich des ehemaligen Paradeplatzes begonnen. Auf Grund der Knappheit der vom Parlament genehmigten Geldmittel schritten die Bauarbeiten aber nur langsam voran und waren bei Ferstels Tod 1883 immer noch nicht abgeschlossen. Sein Schwager Karl Köchlin beendete schließlich das Werk.
Am 11. Oktober 1884 eröffnete Kaiser Franz Joseph feierlich das neue Universitätshauptgebäude. Ferstels Programm für die künstlerische Innenausstattung konnte aber aus Geldmangel nicht mehr ausgeführt werden.
Erst 1893 begann man mit der Ausschmückung des großen Festsaals, dessen rohe Ziegelwände während der Eröffnung der Universität mit Gobelins aus der kaiserlichen Sammlung verdeckt waren. Wie in der Alten Universität sollten prächtige Deckenfresken mit der Darstellung der vier Fakultäten den Festsaal krönen.
Die Artistische Kommission der Universität entschied sich für die Entwürfe des Malers Franz Matsch. Mit der Ausführung betraut wurden Matsch und Gustav Klimt: Das große Deckenbild und eines der vier Seitenbilder - die Theologie - sollte Matsch, die restlichen drei Seitenbilder - die Jurisprudenz, die Medizin und die Philosophie - Klimt ausarbeiten.

Heftige Diskussionen

Als Klimt seine "Philosophie" im Jahr 1900 in der Wiener Secession ausstellte, kam es zum Eklat. 87 Mitglieder des Professorenkollegiums der Universität protestierten beim zuständigen Ministerium gegen das Gemälde. "(…) an der Decke der Aula möchten wir ein solches Bild nicht sehen, das uns nach seiner Art und nach dem Orte nicht zu entsprechen scheint (…)." Ein Teil des Kollegiums ergriff aber für Klimt Partei und verfasste ebenfalls ein Protestschreiben, in dem den Verfassern der Petition Inkompetenz vorgeworfen wurde.
Zur Gruppe der Befürworter des Gemäldes gehörte neben vielen Persönlichkeiten des Kulturlebens auch der Anatom Emil Zuckerkandl (1849 - 1910). Bei der Weltausstellung in Paris, wo Klimts Gemälde nach der Ausstellung in der Secession gezeigt wurde, erhielt es die große goldene Medaille.
Die nächste Diskussion entflammte, als Klimt 1901 die "Medizin" vollendet hatte und ebenfalls in der Secession ausstellte. Stein des Anstoßes war diesmal eine nackte, schwebende Frauengestalt! Die Feinde Klimts bliesen zum Sturm, und sogar der Reichsrat wurde mit diesem Thema befasst. Die Staatsanwaltschaft wollte sogar die Nummer von "VER SACRVM", die Skizzen zu dem Gemälde enthielt, wegen Pornographie beschlagnahmen. Von Klimt wurde verlangt, dass "entweder ein Mann hingemalt oder der Frau eine Bekleidung gegeben wird".

Internationale Fürsprecher

Inzwischen setzte sich die internationale Kunstkritik für Klimt ein, und die Ausstellung seines dritten Bildes, die "Jurisprudenz", rief 1903 kaum mehr Widerstand hervor.
Anlässlich der Fertigstellung des großen Deckenbildes durch Matsch 1905 entschloss man sich aber aus Angst vor weiteren Protesten, auf die Seitenbilder überhaupt zu verzichten und die ausgesparten Flächen nur mit Ornamenten zu versehen.
Klimt trat daraufhin von seinem Vertrag zurück. Sein Mäzen August Lederer zahlte für ihn die enorme Summe von 30.000 Kronen zurück und erhielt dafür die "Philosophie". Koloman Moser kaufte später die beiden anderen Bilder. Klimt nahm nie mehr einen Staatsauftrag an.
Die drei Fakultätsbilder Klimts wurden mehrmals in Europa ausgestellt. Durch die "Affaire Klimt" war er zum freien Künstler geworden, der von nun an fremde Wünsche und kommerzielle Interessen ignorierte. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges verbrannten die Bilder zusammen mit 200 Zeichnungen des Künstlers in Schloss Immendorf in der Nähe von Hollabrunn.
Im Ersten Weltkrieg war die Universität Lazarett und Quarantänestation für rund 1.000 Patienten. Der große Festsaal diente als Speisesaal und Aufenthaltsraum für Verwundete, der kleine Festsaal als Operationssaal.

Kommunikationszentrum Arkadenhof

Architektonisches und räumliches Zentrum des annähernd quadratischen Monumentalbaues ist der Arkadenhof, der von Ferstel nach dem Vorbild des Universitätspalais in Padua als Ruhmeshalle geplant war. Der große Zentralhof mit dem Kastalia-Brunnen ist an drei Seiten von einem Arkadengang begrenzt, in dem Büsten und Reliefs an berühmte Lehrer der Universität erinnern.
In den parkähnlich gestalteten Arkadenhof, der den fehlenden Universitätsplatz ersetzen soll, münden alle Treppen des Hauses und machen ihn zu einem Kommunikationszentrum der Universität. Über die Treppe rechts am Ende des Medizinerganges gelangt man zur Universitätsbibliothek, die die gesamte Rückfront des Gebäudes einnimmt.
Aus der bereits 1365 im Stiftungsbrief der Universität Wien vorgesehenen "gemainen Puechkammer und Liberey", wie es im deutschen Text der Urkunde heißt, entwickelte sich im Lauf der Jahrhunderte die heutige Universitätsbibliothek. Bei der Eröffnung der Neuen Universität besaß die Bibliothek 300.000 Bände. Hundert Jahre später waren es bereits 4,2 Millionen. Die Besichtigung des prachtvollen alten Lesesaals ist für Freunde alter Bibliotheken ein absolutes Muss.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 32/2003

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