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19. Dezember 2005

Die Kliniken am Südgarten (Altes Medizinisches Wien 45)

Fast 20 Jahre vor der Eröffnung der beiden Bettentürme des neuen Allgemeinen Krankenhauses nahmen die so genannten Kliniken am Südgarten ihren Betrieb auf. Vier Denkmäler erinnern hier an Ärzte dieser Fachgebiete, deren Arbeit bedeutende Impulse für die Medizin der ganzen Welt brachte.

Der Komplex, der heute die Universitätskliniken für Kinder- und Jugendheilkunde, Neurochirurgie, Psychiatrie und Tiefenpsychologie beherbergt, wurde bereits in den Jahren 1974 und 1975 eröffnet.

Julius Wagner-Jauregg

Vor der Psychiatrischen Klinik erinnert ein Denkmal an einen der drei Nobelpreisträger aus dem Allgemeinen Krankenhaus in Wien: Julius Wagner-Jauregg (1857 bis 1940), der Bezwinger der progressiven Paralyse. Für seine Entdeckung der Malaria-Fiebertherapie bei progressiver Paralyse (Dementia paralytica) erhielt er 1927 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Die progressive Paralyse, ein Spätstadium der Syphilis, die damals unheilbar war und unter anderem zur kompletten Verblödung und nach wenigen Jahren zum Tod führte, war in der vor-antibiotischen Ära ein häufiges Krankheitsbild in psychiatrischen Anstalten.
Bereits 1883 beobachtete Wagner-Jauregg, dass sich während hochfieberhafter Infektionskrankheiten manche psychischen Erkrankungen besserten. 1887 veröffentlichte er eine Arbeit über Einwirkung fieberhafter Erkrankungen auf Psychosen. Konsequent verfolgte er seine Idee weiter. Er konzentrierte seine Forschungen immer mehr auf die progressive Paralyse und experimentierte jahrelang mit "künstlichem Fieber", das er mit Tuberkulin, Typhusvaccine oder Rotlauf-Streptokokken zu erzeugen versuchte.
1917 wagte er es, zehn Paralytiker mit dem Blut eines Malariakranken zu impfen und hatte Erfolg damit. In den folgenden Jahren entwickelte er die Malaria-Fiebertherapie zu einem Routineverfahren. Zahlreiche Paralytiker konnten so geheilt werden. Die gefürchtete progressive Paralyse war zu einer heilbaren Krankheit geworden. Durch die Entdeckung des Penicillins in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurde die Malariatherapie überflüssig.
Nach wie vor aktuell ist aber die von Wagner-Jauregg angeregte Kropfprophylaxe durch Zusatz von Jod zum Kochsalz. In seinen Studien über Kretinismus hatte er bereits 1889 auf den Zusammenhang zwischen Jodmangel und Kropfbildung hingewiesen. Aber erst 1923 entschloss man sich, diese Art der Kropfprophylaxe in Österreich einzuführen.
Den Vorraum zum Hörsaal der Psychiatrischen Universitätsklinik schmücken Porträtbüsten von zwei Psychiatern, die geradezu diametral entgegengesetzte Schulen vertraten. Die Reliefbüste von Theodor Meynert (1833 bis 1892) und die Büste von Hans Strotzka (1917 bis 1994).

Theodor Meynert

Wie viele Psychiater seiner Zeit versuchte Theodor Meynert, das Rätsel psychiatrischer Krankheiten mit der Erforschung der Leitungsbahnen im Gehirn zu lösen. Obwohl sich dieser Weg in der Psychiatrie bald als nicht zielführend erwies, hat Meynert durch die Erforschung der Hirnanatomie die Psychiatrie in Österreich erst hoffähig, das heißt universitätsfähig gemacht. Seine Erkenntnisse über die Architektonik der Großhirnrinde und der Leitungsbahnen haben heute noch Gültigkeit. In die Medizingeschichte eingegangen ist auch sein Konflikt mit Sigmund Freud (1856 bis 1939), der ebenfalls in seinem Labor arbeitete. Neben sachlichen Gründen - Meynert lehnte die Hypnose als therapeutische Methode ab - dürften aber auch persönliche Motive eine Rolle gespielt haben. Sicher ist, dass sich Freud seinem Lehrer Meynert gegenüber etwas im Ton vergriffen hatte, als er ihn in einem Aufsatz als einen völligen Ignoranten auf dem Gebiet der neuesten Forschungen bezeichnete. So etwas vertragen medizinische Größen nun einmal nicht. Durch die Ablehnung Meynerts und auch anderer Professoren fiel Freud bei der Wiener Fakultät in Ungnade.

Hans Strotzka

Im Gegensatz zu Meynert, der psychische Erscheinungen aus dem Verlauf von Nervenfasern und Nervenbahnen zu erklären versuchte, war Hans Strotzka ein Pionier der psychosomatischen Medizin, die psychische Einflüsse auf pathologisch-anatomische Veränderungen untersucht.
Strotzka, von der Ausbildung her orthodoxer Psychoanalytiker, aber auch anderen psychotherapeutischen Schulen gegenüber durchaus offen, übernahm im Oktober 1971 den neu geschaffenen Lehrstuhl für Tiefenpsychologie und Psychotherapie an der Universität Wien. Unter ihm wurde die Psychotherapie zu einem Pflichtpraktikum für Medizinstudenten. Weiters wurde das Spektrum verschiedener Kliniken der Wiener Medizinischen Fakultät in Richtung Psychosomatik und psychosoziale Medizin erweitert.
Durch die Gründung von Balintgruppen versuchte Srotzka, psychotherapeutisches Wissen auch nicht psychotherapeutisch tätigen Ärzten zu vermitteln. Sein Lebenswerk war aber die Anwendung der Psychoanalyse auf die Sozialwissenschaften. Hans Strotzkas Arbeiten über Sozialpsychiatrie - er beschäftigte sich vor allem mit der Flüchtlingsproblematik - waren die ersten deutschsprachigen Veröffentlichungen in dieser neuen Disziplin.

Clemens von Pirquet

Vor dem Eingang zur Kinderklinik steht die Büste des Kinderarztes, dem die Welt den Begriff "Allergie" verdankt: Clemens von Pirquet (1874 bis 1929). Als Pirquet 1906 den heute auch in der Alltagssprache viel verwendeten Begriff "Allergie" prägte, war er Assistent des international bekannten Theodor Escherich (1857 bis 1911) an der Universitäts-Kinderklinik, die damals noch im St.-Anna-Kinderspital untergebracht war.
Bereits im Dezember 1902 machte Pirquet eine klinische Beobachtung, die eigentlich jeder in der Klinik hätte machen können. An Scharlach erkrankte Kinder bekamen damals hohe Dosen eines Streptokokkenpferdeserums injiziert. Die Erfolge waren verblüffend. Die schwerst kranken Kinder erholten sich ungemein rasch.
Aber noch etwas war überraschend: Nach einer neuerlichen Injektion von Pferdeserum traten die Serumnebenwirkungen, die so genannte Serumkrankheit, die Pirquet erstmals beschrieben hatte, nicht wie bei der ersten Gabe nach zehn Tagen, sondern sofort auf. Auf Grund seiner Beobachtungen entwickelte Pirquet eine neue Infektionslehre: Demnach bestimmte nicht nur die Vermehrung der in den Körper eingedrungenen Krankheitserreger den Krankheitsbeginn, sondern auch eine aktive Wechselwirkung zwischen Organismus und Erreger. Für den veränderten Zustand, in den der Körper nach Kontakt mit fremden Eindringlingen - Bakterien oder artfremdes Eiweiß - versetzt wird, verwendete er in einer Publikation in der "Münchener Medizinischen Wochenschrift" den Ausdruck "Allergie". Er wollte den Begriff als "veränderte Reaktionsfähigkeit" verstanden wissen. Mit dieser genialen Erkenntnis begründete Pirquet die Allergieforschung. Heute wird der Ausdruck "allergisch" etwas anders, eher im Sinne einer allgemeinen Überempfindlichkeitsreaktion verwendet.
Eine weitere medizinische Großtat, die Pirquet auf der ganzen Welt bekannt machte, war die 1907 von ihm beschriebene Tubekulinprobe. "Sehen wir einfach mit bloßem Auge zu, was auf der Haut des ‚Immunen’ vor sich geht, wenn man ihr den Infektionskeim einimpft, mit dem der Organismus schon einmal gekämpft hat." Diese genial einfache Methode, bei der einige Tropfen Tuberkulin auf die mit dem Pirquet-Bohrer geritzte Haut aufgetragen und die Rötung der Hautstelle nach 24 und 48 Stunden beurteilt wurde, erlaubte erstmals ohne Röntgen eine Frühdiagnose der Tuberkulose. Diese Entdeckung ermöglichte erst die gesamte Tuberkulosefürsorge. Die kutane Tuberkulinprobe betrachtete Pirquet selbst als das wichtigste Resultat seiner Forschungen.
Bevor Clemens von Pirquet im Jahre 1911 die Nachfolge seines Lehrers Theodor Escherich antrat, arbeitete er zwei Jahre als Professor für Kinderheilkunde an der berühmten Johns Hopkins University in Baltimore, USA. Aufgrund seiner guten Beziehungen zu Amerika konnte er nach dem Ersten Weltkrieg die amerikanische Kinderhilfsaktion organisieren, bei der täglich bis zu 400.000 unterernährte Kinder in ganz Österreich ausgespeist wurden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 33/2003

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