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19. Dezember 2005

Politik ist Medizin im Großen (Altes Medizinisches Wien 46)

"Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen”. Dieser Satz des deutschen Pathologen Rudolf Virchow charakterisiert wie kaum ein anderer das Leben Victor Adlers.

Victor Adler, der Sohn eines erfolg-reichen, wohlhabenden Kaufmanns, studierte an der Wiener Universität Medizin und ließ sich nach Abschluss seines Studiums zuerst als praktischer Arzt, später dann als Psychiater in Wien nieder. Seine Ordination eröffnete er zunächst in Oberdöbling, dann im Haus Berggasse 19, das er von seinem Vater geerbt hatte. Berggasse 19 ist sicherlich eine der berühmtesten Adressen der Welt. Aber nicht weil Adler hier einst ordinierte. Sigmund Freud übernahm 1892 die Ordination und lebte und arbeitete hier bis zu seiner Emigration nach London.
Adler, finanziell unabhängig, ordinierte hier als Armenarzt. Er konnte es sich leisten, ohne Honorare zu behandeln, und versorgte sogar seine ärmsten Patienten mit Medikamenten und Lebensmitteln. Als "Armeleut-Doktor” sah Adler das furchtbare soziale Elend der Arbeiter: die überfüllten Wohnräume in den Zinskasernen, die katastrophalen sanitären Verhältnisse, die Hungerlöhne und die kranken, rachitischen Kinder.

Zeitschrift als Sprachrohr gegen soziale Missstände

In seiner Studentenzeit Burschenschafter, trennte er sich schließlich wegen dem zunehmenden Antisemitismus von den Deutschnationalen und schloss sich 1884 der Sozialdemokratie an. Mit eigenen Mitteln gründete er die Zeitschrift "Gleichheit”, mit der er unter anderem die zerstrittene sozialdemokratische Bewegung zu einen versuchte.
Im Dezember 1888 erschien in der "Gleichheit” ein Aufsehen erregender Artikel. Adler hatte von den menschenunwürdigen Bedingungen erfahren, unter denen die "Ziegelböhm”, die Ziegelarbeiter der Wienerberger Ziegelfabrik, lebten und arbeiteten. Er schlich sich in die Ziegelwerke ein, sammelte Material und veröffentlichte es in seiner Zeitung. Adler prangerte das Elend in den Wohnquartieren der Arbeiter an und berichtete über das so genannte "Trucksystem”: Die Arbeiter bekamen ihren Lohn nicht in normalem Geld, sondern in Blechmarken, mit denen sie nur in den Geschäften oder Wirtshäusern der Gesellschaft einkaufen konnten. Durch die stark überhöhten Preise sorgte die Gesellschaft dafür, dass die Arbeiter aus ihren Schulden nicht herauskamen. Wollte jemand aus dem System aussteigen, so konnte es durchaus vorkommen, "dass er mit dem Ochsenziemer höflich zum Bleiben überredet wurde".

Einsatz für die "Ziegelböhm" am Wienerberg

"Kaufen also können und dürfen die Arbeiter nicht auswärts. Aber zu betteln ist ihnen erlaubt. Da laufen sie zur Konservenfabrik in Inzersdorf, welche gegen Abend von den armen Teufeln umlagert ist, und wo sie um ‚Gollaschsaft’, eine unappetitliche Brühe, bitten gehen. Und kann sich einer frei machen, so läuft er anderthalb Stunden nach Neudorf zum Scharfrichter von Wien, Herrn von Seyfried, der, wie wir hören, täglich 80 Portionen Suppe und Gemüse, nebst einigen Brocken Fleisch austheilt. Beim Henker ist mehr Mitleid als bei der Aktien-Gesellschaft und den von ihr besoldeten Antreibern..."
Die Behörden und die Aktien-Gesellschaft reagierten sofort. Die Arbeiter, die die "Gleichheit” verteilt hatten, wurden verhaftet, Adlers Informanten und einige Arbeiter, die das Blechgeld verweigerten, gefeuert. Er erreichte aber schließlich doch, dass das Gewerbeinspektorat auf die Zustände aufmerksam wurde und die ohnehin verbotene Blechgeldwirtschaft abstellte.

Unterstützung der Pferdebahnkutscher

Einen weiteren Erfolg erzielte Victor Adler beim Streik der Wiener Pferdebahnkutscher 1889. Die Bediensteten forderten eine Herabsetzung ihrer Dienstzeit auf zwölf Stunden - eine bescheidene Anpassung ihrer Arbeitszeit an die der Pferde, die nur vier Stunden pro Tag eingesetzt werden durften. Die Regierung setzte daraufhin bewaffnete Gewalt zum Schutz der Streikbrecher ein.
Adler prangerte in einer Artikelserie in der "Gleichheit” die Ausbeutung der Straßenbahner an: "Menschenfleisch ist spottbillig in unserer Gesellschaft, Pferde aber kosten schweres Geld". Nach wilden Straßenkämpfen zwang schließlich die Stadtverwaltung die Tramwaygesellschaft, die Forderungen der "Weißen Sklaven”, so wurden die Bediensteten der Tramwaygesellschaft genannt, zu erfüllen. Die Straßenbahner hatten gesiegt. Victor Adler wurde wegen "Schmähung und Verhöhnung der Behörden und der Armee” eingesperrt, die "Gleichheit” verboten.
Geduldig kämpfte Adler weiter für den demokratischen Fortschritt. Als "Gemäßigter" von rechts und links heftig angegriffen, blieb er aber in seiner Führungsrolle unumstritten. Als Abgeordneter im österreichisch-ungarischen Parlament war er maßgeblich daran beteiligt, dass 1907 das allgemeine Wahlrecht, vorerst allerdings nur für Männer, beschlossen wurde.
Sein Kurs vor dem Ersten Weltkrieg - er sah Österreich-Ungarn in einen Verteidigungskrieg verwickelt und setzte in der Partei die Unterstützung der Kriegskredite durch - brachte ihn in Konflikt mit dem linken Parteiflügel. Im Oktober 1918, kurz vor dem Zusammenbruch der Monarchie, trat der bereits schwerkranke Adler als Staatssekretär des Äußeren in der Provisorischen Regierung Renner für den Anschluss "Deutsch-Österreich" an das Deutsche Reich ein.
Am 11. November 1918, einen Tag vor der Ausrufung der Republik, für die er sein Leben lang gekämpft hatte, starb Victor Adler.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 34/2003

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