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19. Dezember 2005

Magier, Alchemist und Arzt (Altes Medizinisches Wien 47)

Theophrastus Bombastus von Hohenheim, der sich später Paracelsus nannte, war eine der schillerndsten Arztpersönlichkeiten am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Eine seiner Thesen ist heute wie damals gültig und wird weder von der Schulmedizin noch von den Esoterikern angezweifelt: "Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist."

Geboren 1493 in Einsiedeln in der Schweiz, kam Paracelsus als Knabe mit seinem Vater nach Villach. Sein Vater, ein Arzt, der sich hervorragend auf die Kräuterheilkunde verstand, war auch sein erster Lehrer.
In Wien und in Ferrara studierte Teophrastus Medizin und promovierte, wie er eidesstattlich erklärte, 1516 in Ferrara zum "Doctor beyder arzneyen", der Chirurgie und der Inneren Medizin. Von da an sagte er der damaligen Schulmedizin, die nur die Bücher der antiken Lehrer herunterbetete, den Kampf an. Ruhelos zog er durch ganz Europa, kam bis Russland, Konstantinopel und sogar bis Ägypten. Auf der Suche nach einer "wahrhaften Medizin" lernte er sein Handwerk auf Jahrmärkten, in Hospitälern und im Krieg. Nach eigenen Worten holte er sich sein Wissen nicht nur von "gelerten erzten", sondern auch von "badern, schwarzkünstlern, weibern und alchimisten”.

Kurzes Wirken in Salzburg

1524 tauchte er in Salzburg auf und praktizierte dort als Arzt. Es wird vermutet, dass er sich kurz danach für die Sache der aufständischen Bauern einsetzte und deshalb fluchtartig Salzburg verlassen musste. Zwei Jahre später kam er nach Straßburg, wo er bereits wichtige und angesehene Bürger behandelte. Eine Aufsehen erregende Behandlung gelang ihm mit der Heilung des "Königs der Buchdrucker" Johannes Frobel aus Basel, dem wegen einer nicht heilenden Wunde am Bein von den gelehrten Ärzten zur Amputation geraten wurde. Paracelsus konnte den Fuß retten, und sogar Erasmus von Rotterdam beschrieb diese Heilung in einem Brief. Paracelsus bekam eine Stadtarztstelle in Basel und die Berechtigung, an der Universität Vorlesungen zu halten.

Vorlesungen in Deutsch

Es dauerte aber auch hier nicht lange, bis er alle gegen sich aufgebracht hatte: die gelehrten Herren von der Universität, den Stadtrat und selbst seine Hörer. Er lehnte die medizinischen Autoritäten Galen und Hippokrates kurzweg ab und verbrannte angeblich sogar ihre Bücher bei einer Sonnwendfeier. Er bezeichnete alle Ärzte und Apotheker als "Friedhofslieferanten", Quacksalber und Sudelköche. Und noch etwas Unerhörtes tat er, was ihm später die Bezeichnung "Luther der Medizin" einbrachte: Er hielt seine Vorlesungen nicht wie üblich in Latein, sondern auf Deutsch.
Seine Abende verbrachte er bevorzugt mit Saufkumpanen im Wirtshaus. Schlussendlich musste er auch Basel, verspottet und verlacht, Hals über Kopf verlassen. Paracelsus begann wieder ein unstetes Wanderleben, schrieb Bücher in deutscher Sprache und erwarb sich mittlerweile einen Ruf als Wunderheiler. Kranke strömten ihm zu. Er verdiente viel Geld. In seiner Schrift "Paragranum" stellte er die vier Säulen seiner Heilkunst vor: die Astronomie, die Philosophie, die Alchemie und die Tugend. In Ulm gelang es ihm 1536, seine "Grosse Wundarznei" drucken zu lassen.
Ein Jahr später war Paracelsus in Wien. Wie groß sein Ansehen bereits war, lässt sich an der historisch belegten Tatsache erkennen, dass er Kaiser Ferdinand I., damals bereits König von Böhmen und Ungarn, behandelte und zweimal in Audienz empfangen wurde.

Paracelsus als Sagengestalt

Paracelsus hat auch für eine Sage Modell gestanden. Im "Haus Küss den Pfennig", einem Wirtshaus in der Gegend Griechengasse, Rothenturmstraße, soll er einen Pfennig in Gold verwandelt haben, um einen Wirt, der ihm wegen seines armseligen, zerlumpten Aussehens nichts mehr ausschenken wollte, zufrieden zu stellen. Diese alte Wiener Sage dokumentiert recht schön, dass Paracelsus im Volk auch den Ruf als Magier und Alchemist, der Gold machen könne, gehabt hat.
Von Wien aus besuchte er die Kurstadt Baden im Süden von Wien, wo er die Quellen chemisch untersuchte, den Schwefelgehalt des Wassers zwar feststellte, die heilende Wirkung aber dem Goldgehalt zuschrieb. Sein weiteres Leben blieb er rast- und ruhelos auf Wanderschaft.
Am 24. September 1541 starb Paracelsus - wo sollte es anders sein, im Wirtshaus "Zum weißen Roß" in Salzburg, vermutlich an einem Leberleiden. Begraben wurde er auf dem Armenfriedhof von St. Sebastian. Seinen sterblichen Überresten erging es letztendlich wie ihm: sie fanden keine Ruhe. Mehrfach exhumiert und umgebettet, nach dem zweiten Weltkrieg zufällig auf einem Schutthaufen gefunden, fanden sie im Jahr 1950 ihre vorläufig letzte Ruhestätte in der St. Sebastiankirche in Salzburg.

Revolutionäre Thesen - was ist davon geblieben?

Was waren eigentlich die revolutionären Thesen des Paracelsus? Als Kind seiner Zeit war sein Krankheitsbegriff natürlich noch immer von Astronomie und Alchemie bestimmt. Den blinden Autoritätsglauben und die heiligen Glaubenssätze der mittelalterlichen Wissenschaft lehnte er aber ab. Aufgabe des Arztes sei es, die Heilungskräfte des Körpers zu wecken und zu unterstützen. Naturbeobachtung, eigene Anschauung und Experiment waren die Basis seiner Heilkunde. Er war der Erste, der systematisch Krankheiten beschrieb und auch volkstümliche Heilmittel anerkannte. Seine Ansätze einer Neurosentherapie ähnelten stark der Psychotherapie. "Was er genau darunter verstand, weiß ich nicht, aber daran, dass er Recht hatte, besteht kein Zweifel", bekannte Sigmund Freud.
Nieren- und Blasensteine erkannte er bereits als Ablagerungen. Mit seiner Idee, dass Krankheiten nicht durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfte entstehen, sondern von außen den Körper angreifen, ahnte er vielleicht schon den Mechanismus der Infektionskrankheiten und den Vorgang der Wundinfektion. Neben Kräutern verwendete er als Alchemist auch Mineralien wie Schwefel, Eisen, Silber, Blei und Quecksilber zur Behandlung. Er gilt daher heute als Begründer der "Iatrochemie", einer Vorstufe der klinischen Chemie und damit als Wegbereiter der Chemotherapie und Pharmazie. Die von ihm begründete Signaturenlehre "Ähnliches mit Ähnlichem" - also etwa Krankheiten der Leber mit Leberblümchen, weil die Blätter leberähnlich sind - zu behandeln, spielt bis heute in weiterentwickelter Form eine Rolle in der Naturheilkunde und Homöopathie. Sein berühmtestes Medikament, das er im hohlen Knauf seines Schwertes ständig mit sich führte, war aber das "Laudanum". Wie gut dieses Medikament sei, erklärte Paracelsus, könne man schon daran sehen, dass es den Menschen furchtbar schlecht gehe, wenn sie es nicht mehr nehmen... Der Hauptbestandteil dieses "Arcanums" war Opium. Die ersten Hinweise auf die Sucht erregende Eigenschaft des Opiums gab es allerdings erst im 17. Jahrhundert.
Lange Zeit von der Schulmedizin verteufelt und als Quacksalber und Scharlatan abgetan, von der alternativen Medizin und Esoterik dafür als Heiliger verehrt, gilt Paracelsus heute als wichtiger Reformator der Medizin, als Pionier der Chemie und Impulsgeber für die Entwicklung der gesamten europäischen Wissenschaftsentwicklung. Vom einfachen Volk wurde Paracelsus immer verehrt. Noch im 19. Jahrhundert pilgerten Kranke an sein Grab in Salzburg, um von ihm, wie von einem Heiligen, Hilfe zu erbitten. Bis heute wird sein Name für viele Produkte verwendet, darunter auch solche, die nur im Entferntesten etwas mit Medizin zu tun haben. Die Stadt Villach vergibt als höchste wissenschaftliche Auszeichnung den Paracelsusring.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 35/2003

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