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19. Dezember 2005

Kleines Denkmal für einen großen Traum (Altes Medizinisches Wien 48)

Der 24. Juli 1895 ist nicht ein, sondern der Meilenstein in der Geschichte der Psychoanalyse. An diesem Tag gelang es Sigmund Freud erstmals, einen eigenen Traum vollständig zu analysieren. Es ist der Traum von "Irmas Injektion", den er in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli im Kurhotel "Bellevue", am Ende der Himmelstraße im 19. Bezirk in Wien, hatte.

Fünf Jahre später veröffentlichte Freud diesen Traum in einem Buch, das sein Hauptwerk sein wird: "Die Traumdeutung". Mehr im Scherz schreibt Freud am 12. Juni 1900 an seinen langjährigen Freund und Kollegen Wilhelm Fließ in Berlin: "Glaubst Du eigentlich, daß an diesem Haus dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird: ,Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traumes’. Die Aussichten sind bis jetzt hiefür gering."

Prachtvoller Ausblick

Eine Marmortafel am Haus "Bellevue" ist es zwar nicht geworden - das Bellevue wurde nach dem zweiten Weltkrieg abgerissen, vom ehemaligen Schloss ist bis auf die schöne Aussicht nichts mehr geblieben. Aber an der Stelle vor jenem Haus, in dem Freud diesen folgenschweren Traum gehabt hatte, findet sich heute am Ende eines kurzen Steinplattenweges eine Marmorstele mit einer Bronzetafel, auf der das Faksimile dieses Zitats aus dem Brief eingraviert ist. Zur Enthüllung dieses Denkmals an der "Wiege der Psychoanalyse" am 6. Mai 1977 kam Freuds Tochter Anna eigens nach Wien.
Freud verbrachte mehrere Sommer in dem zur Jahrhundertwende beliebten Ausflugsziel und Hotel "Schloss Bellevue" am Ende der Himmelstraße, die von Grinzing aus steil in den Wienerwald führt. Hier verbrachte er seine Ferien mit der Familie, wenn "Ebbe" in der Familienkassa war und weite Reisen zu kostspielig gewesen wären. Aber nicht nur Geldmangel führte ihn hierher, Freud gefiel es hier oben sehr gut. Er liebte den prachtvollen Ausblick über Wien und das angenehme Leben in dem im 18. Jahrhundert erbauten Schoss: "Das Leben auf Belle Vue gestaltet sich für alle sehr angenehm; nach Flieder und Goldregen duften jetzt Akazien und Jasmin, die Heckenrosen blühen auf, und zwar geschieht das alles, wie ich auch sehe, plötzlich."

Beweise für die Traumtheorie

In diesem Ambiente hatte Freud also sein Schlüsselerlebnis. In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 1895 träumte er den Traum, der später in die Annalen der Psychoanalyse eingehen wird: der "Traum von Irmas Injektion". Es gelang ihm, diesen Traum "unmittelbar nach dem Erwachen" in allen Einzelheiten zu analysieren, vollständig zu entschlüsseln und damit seinen "Sinn" zu enträtseln. Für Freud war die Analyse dieses Traums der Beweis, dass Träume nicht sinnlos, sondern eine reale Wunscherfüllung sind und das Motiv jeden Traums ein Wunsch ist.
In der Folge analysierte Freud zahlreiche Träume, eigene und die seiner Patienten, und fand immer mehr Beweise für seine Traumtheorie. Er machte sich selbst zum Gegenstand seiner Untersuchungen und zu seinem "wichtigsten Studienobjekt". Durch die Erforschung der Traumsprache, der Traumdeutung, versuchte er sich einen Weg tief in die Psyche zu bahnen, um die gefundenen Erkenntnisse in der Behandlung von Neurosen zu verwerten. In dieser Zeit begann Freud auch den Ausdruck "Psychoanalyse" zu benutzen.
1897 war er von seiner Traumtheorie bereits so überzeugt, dass er an Fließ schrieb: "Ich komme mir vor wie das Rumpelstilzchen, dass niemand, niemand weiß, dass der Traum kein Unsinn ist, sondern eine Wunscherfüllung."

"Die Traumdeutung" erscheint

Ende Mai 1899 entschloss er sich "Die Traumdeutung", ein Buch an dem er schon lange gearbeitet hatte, zu veröffentlichen. Freud analysiert darin nicht nur Träume, sondern gibt auch Einblick in seine Technik der Traumanalyse. Er zerlegt die Träume in einzelne Stücke und beginnt anschließend zu jedem Teilstück des Traumes frei zu assoziieren. Nicht das logische Denken, sondern der spontane Einfall brachte ihm so das Verständnis für den Sinn des Traumes.
Im November 1899 erschien das Buch, vordatiert auf 1900, im Verlag Franz Deuticke in Wien. Als Motto wählte Freud einen Vers aus Vergils Äneis: "Wenn ich den Himmel nicht bewegen kann, will ich die Unterwelt aufrühren." Es ist dies das erste große Werk der Psychoanalyse. Das Buch verkaufte sich aber nur schleppend. Es dauerte acht Jahre, bis die 600 Exemplare der ersten Auflage verkauft waren.
Auch die allgemeine und wissenschaftliche Anerkennung blieb aus. Man verglich das Buch mit den damals so beliebten Traumbücherln, mit denen Lottospieler ihre Glücksziffern zu finden hofften.
Die "Traumdeutung" wurde in den Fachzeitschriften kaum besprochen, Wien und das Ausland nahmen das Buch so gut wie nicht zur Kenntnis. Sigmund Freuds Traum, einen Professorentitel an der Universität Wien zu bekommen, erfüllte sich ebenfalls nicht.

Unbeirrbare Überzeugung

Aber alle Ablehnung und Ignoranz konnten Freuds Überzeugung nicht beirren, etwas Weltbewegendes entdeckt zu haben. Und er hatte Recht: "Die Traumdeutung" ist sein größtes und wichtigstes Buch. Eines der wenigen Werke, die Freud bei jeder Neuauflage sorgfältig revidierte. Es ist ein Jahrhundertbuch, und das nicht nur für die Psychoanalyse, sondern für fast alle Bereiche des täglichen Lebens im 20. Jahrhundert. Freud hatte sein Rätsel gefunden und es gelöst. Ohne "Die Traumdeutung" sind viele Bereiche der Kunst, der Literatur, der Malerei und des Kinos heute nicht vorstellbar. Und auch wenn Karl Kraus spottete, die Psychoanalyse sei die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält, so wurden und werden doch praktisch alle Humanwissenschaften in irgendeiner Form von der Psychoanalyse beeinflusst.
Am Anfang dieser Entwicklung stand der "Traum von Irmas Injektion". Ein Traum, dessen Analyse 17 Seiten in der "Traumdeutung" einnimmt. Ein Traum, der heute jedem Analytiker geläufig ist und eine reiche Fundgrube für Spekulationen auch über Freuds eigenes Seelenleben geworden ist. Mit der minutiösen Analyse dieses Traumes hatte Freud jedenfalls seinen "Königsweg zum Unterbewussten" gefunden. Dieser Traum war es, der ihm den Weg zu seiner umfassenden Theorie des Unbewussten gezeigt hat.
Diesen Traum träumte Freud im Kurhotel am Bellevue. Gäbe es dieses Hotel noch, es wäre heute das Mekka der Analytiker, und das Zimmer, in dem Freud wohnte, wäre die Kaaba. Dass dieser Ort kein, wie man vielleicht erhofft hatte, geheiligter Ort wurde, liegt wohl unter anderem daran, dass er weit außerhalb der Stadt auf "einem der Hügel die sich an den Kahlenberg anschließen" liegt und für Touristen recht mühsam zu erreichen ist.
Heute erinnert eine einsame Marmorstele auf einer weiten Wiese - auf der es sich übrigens vortrefflich mit der Seele baumeln lässt - mit einem der schönsten Blicke über Wien, an diesen denkwürdigen Tag, an dem der Grundstein nicht nur für eines der revolutionärsten Bücher des 20. Jahrhunderts, sondern für die gesamte Psychoanalyse gelegt wurde.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 36/2003

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