zur Navigation zum Inhalt
 
19. Dezember 2005

Die Werkstatt des Chirurgen um 1912 (Altes Medizinisches Wien 49)

Der Billroth-Schüler Anton von Eiselsberg gilt als einer der letzten Chirurgen, die noch das gesamte Gebiet der Chirurgie beherrschten. Aus seiner größten deutschen, möglicherweise sogar weltweit größten Chirurgenschule gingen bedeutende Chirurgen, Gynäkologen, Hals-Nasen-Ohrenärzte und Kieferchirurgen hervor.

19 Lehrkanzeln und zahlreiche leitende Stellen in ganz Europa wurden mit seinen Schülern besetzt. "Das Wort Chirurgie kommt aus dem Griechischen und heißt zu deutsch Handwerk. Die Werkstätte der Chirurgen ist keine, in welcher Neues geschaffen wird, sondern sie ist eine Reparaturwerkstätte, in welcher sich der Chirurg die Grundzüge für sein Handeln aus der großen Originalwerkstätte der Natur zu holen hat. Die großen Fortschritte der Chirurgie sind immer nur durch genaue Beobachtung der Naturvorgänge gemacht worden", schreibt Eiselsberg 1912 in seiner "Werkstatt des Chirurgen".
Geboren 1860 in Schloss Steinhaus bei Wels, studierte er Medizin in Wien, Würzburg, Zürich und Paris. 1884 promovierte er in Wien und trat bei Billroth als Operationszögling ein. Für Billroth war Eiselsberg ein "eminenter Operateur aller ersten Ranges". Er hielt ihn für den tüchtigsten Assistenten, den er je ausgebildet hatte.

Hochachtung und Liebe

Als Dreiunddreißigjähriger wurde Eiselsberg Vorstand der Chirurgischen Klinik in Utrecht. "Rede-Trainer" erzählen gerne die Anekdote über seine Antrittsvorlesung in Utrecht: Eiselsberg befragte den Dekan der medizinischen Fakultät vor seiner Antrittsrede, wie lange die Rede beiläufig dauern solle. Der Dekan gab ihm folgenden Rat: "Wenn Sie sich die Hochachtung der Zuhörer erwerben wollen, dann sprechen Sie eine Stunde. Wenn Sie ihre Liebe gewinnen wollen, nicht länger als eine halbe." Im Originaltext seiner Autobiografie "Lebensweg eines Chirurgen" heißt es aber "nur dreiviertel Stunden".
Wie lange Eiselsberg tatsächlich gesprochen hat, verschweigt er. Der Text seiner Rede, in der er auf viele, auch heute noch brandaktuelle, schwierige Fragen eingeht, wie die Aufklärung des Patienten, Indikationsstellung zum Eingriff bei Aussichtslosigkeit einer Heilung und vieles mehr, umfasst jedenfalls neun eng gedruckte Seiten.
Er scheint sich aber die Liebe der Utrechter Studenten erworben zu haben. Als er trotz "glänzender finanzieller Bedingungen" eine Berufung nach Chicago ablehnte, um in Utrecht zu bleiben, dankten ihm dies die Studenten mit einem Fackelzug - "nebstbei sei bemerkt, dass die Indikation für Fackelzüge in Holland leichter gestellt wird als anderswo". 1896 konnte er sich einer Berufung nach Königsberg, damals im Vergleich zu Wien und Utrecht eine hochmoderne, bestens ausgestattete Klinik, nicht entziehen. Nach dem Tod Eduard Alberts (1841 bis 1900) übernahm er schließlich 1901 die Leitung der 1. Chirurgischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien.
Als die ihm vor seiner Berufung versprochene neue Ambulanz bei seinem Amtsantritt nicht nur nicht gebaut, sondern die Verhandlungen im Ministerium nicht einmal abgeschlossen waren, überlegte er laut, sich um die Chirurgische Klinik in Amsterdam zu bewerben. Kurz danach war die Sache mit der Geldbeschaffung erledigt und einige Wochen später stand die Ambulanz fertig da. Am 6. Mai 1901 hielt er seine Antrittsvorlesung.

Umfangreiches wissenschaftliches Schaffen

Für heutige Begriffe ist es fast unglaublich, wie umfangreich und vielfältig die wissenschaftliche und chirurgische Arbeit dieses Arztes war. Ein Kollege Eiselsbergs, ebenfalls Assistent Billroths, Anton Löffler, beschrieb als Erster die postoperative Tetanie nach totaler Entfernung der Schilddrüse. Eiselsberg fand 1884 als Erster die Möglichkeit, durch Autotransplantation der Nebenschilddrüse in einen Muskel diese postoperative Tetanie zu verhindern. Neben seinen grundlegenden Versuchen zur Funktion der Schilddrüse, deren Einfluss auf Stoffwechsel, Wachstum und Entwicklung, war er auch einer der Ersten, die Bakterien im Blut und Schweiß nachwiesen. Er beschäftigte sich mit dem Bakteriengehalt von Seifen und Verbandmaterialien und entwickelte eine Methode der Röntgendiagnose von Magenkrankheiten. 1907 entfernte er als Erster einen im Rückenmark gelegenen Tumor. Durch seine Forschungen über die Chirurgie des Rückenmarks und des Gehirns wurde er zum Begründer der Neurochirurgie.
Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit war die Magen-Darm-Chirurgie. Nur mehr historische Bedeutung hat die von Eiselsberg-Operation, eine Modifikation der berühmten Billroth II-Operation. Auch das Eiselsberg Phänomen - in die Schulter ausstrahlende Schmerzen durch Phrenikusreizung bei Erkrankungen der Leber, Gallenblase und Bauchspeicheldrüse - ist zwar bekannt, wird aber heute mit seinem Namen nicht mehr in Verbindung gebracht. Gemeinsam mit Julius v. Hochenegg (1859 bis 1940) schuf er im Allgemeinen Krankenhaus in Wien zwei Unfallstationen - die ersten in Europa. Diese brachten bedeutende Fortschritte für die Unfallchirurgie. Um die Jahrhundertwende gab es für Unfallverletzte noch keine speziellen Einrichtungen, wo diese sofort behandelt werden konnten. Diese Stationen wurden zum Vorbild für die ganze Welt. Wenige Jahre später konnte er die Erfahrungen dieser Unfallstationen als Admiralsarzt bei den Verwundeten des Ersten Weltkrieges nutzen.

Mitbegründer der Krebsgesellschaft

1910 war er einer der Gründer der Österreichischen Krebsgesellschaft. Dieser ursprünglich gemeinsam mit Julius von Hochenegg unter dem Protektorat Kaiser Franz Josef I. als rein wissenschaftliche Institution gegründete Verein entwickelte sich in der Folge zu einer umfassenden Krebshilfe für die Bevölkerung. Der gemeinnützige Verein hatte sich drei Zielsetzungen zur Aufgabe gemacht: Information der Bevölkerung, Betreuung und aktive Hilfe von Betroffenen und deren Familien, und die Krebsforschung.
Das Krebsforschungsinstitut, das aus der Krebsgesellschaft hervorging und in den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in den Besitz der Universität kam, ist heute das Forschungsinstitut für angewandte und experimentelle Onkologie der Universität Wien. 1988 vereinigten sich drei Organisationen mit ähnlichen Zielsetzungen unter dem Namen "Österreichische Krebshilfe".
Eiselsberg leitete die Wiener Klinik durch 30 Jahre. Für Leopold Schönbauer, selbst ein Eiselsberg-Schüler, war es kein Zufall, dass während Eiselsbergs Amtszeit als Ordinarius in Wien die Angst der Bevölkerung vor dem Spital allmählich schwand. Früher hatten ja nur die Ärmsten Spitäler aufgesucht. Wer es sich nur irgendwie leisten konnte, wollte zu Hause behandelt und manchmal sogar operiert werden. Unter Eiselsberg gab es immer zu wenig Betten auf der Klinik. Arm und Reich kamen in seine Klinik, in der nur die Schwere des Leidens und nicht der Stand oder der Reichtum den Grad seiner Zuwendung bestimmte. Reichtümer konnte er mit dieser Einstellung naturgemäß keine anhäufen.
Am 25. Oktober 1939 kam er bei einem Eisenbahnunglück in Niederösterreich ums Leben. Der Schnellzug nach Wien entgleiste im Bahnhof von St. Valentin. Eiselsberg starb noch an der Unfallstelle. Aus Anlass seines 100. Geburtstags enthüllte der Wiener Bürgermeister Franz Jonas am 23.6.1960 am Haus Mölkerbastei 5 im ersten Wiener Gemeindebezirk eine von seinen Schülern gestiftete Gedenktafel. In diesem Haus lebte Eiselsberg von 1903 bis 1936. Die Van-Swieten-Gesellschaft stiftet einen Anton-von-Eiselsberg-Preis zur Förderung des österreichischen medizinisch-wissenschaftlichen Nachwuchses.
Eine Büste Anton von Eiselsbergs, die anlässlich seiner Rücktrittsfeier von der Wiener Chirurgischen Klinik 1930 enthüllt wurde, befindet sich im Hörsaal der 1. Chirurgischen Universitätsklinik im 1. Hof im Alten Allgemeinen Krankenhaus in Wien.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 37/2003

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben