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19. Dezember 2005

Das Haus der Ärzte im Wandel der Zeit (Altes Medizinisches Wien 50)

Die wechselhafte Geschichte des Hauses Weihburggasse 10-12 im ersten Wiener Gemeindebezirk ist seit Beginn des 15. Jahrhunderts eng mit der Wiener Medizin verknüpft. Nicht zuletzt wurden darin die erste urkundliche Sektion und der erste Kaiserschnitt an einer lebenden Frau durchgeführt.

Das Gebäude befindet sich heute nach wechselhafter Geschichte im Besitz der Ärztekammer für Wien und ist als Sitz der Ärztekammer ein für die Ärzteschaft wichtiges Haus. In der engen Weihburggasse fällt aber kaum auf, dass dieses Bauwerk eines der schönsten Jugendstilgebäude der Innenstadt ist.
Nach der Gründung der Wiener Universität im Jahre 1365 entwickelte sich die medizinische Fakultät zunächst recht bescheiden. Dominant und den wissenschaftlichen Rang der Universität bestimmend waren die theologische und die artistische Fakultät, wobei bei den Artisten die "artes liberales" - also jene Künste, die man aus Büchern lernen konnte - vermittelt wurden: neben Grammatik, Rhetorik und Dialektik auch Physik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie. Erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts wuchsen das Ansehen und die wissenschaftliche Bedeutung der medizinischen Fakultät.

Erste Leichenzergliederung nördlich der Alpen

Der aus Italien berufene Galeazzo di Santa Sofia führte die Anatomie und Chirurgie als Lehrfach in die medizinischen Studien ein und ließ 1404 in Wien die erste Zergliederung einer Leiche nördlich der Alpen zu Unterrichtszwecken durchführen. Seit damals gehörten Anatomie und Chirurgie zu den Vorlesungen für Mediziner.
Die Universität besaß Häuser in der Schönlaterngasse und der Schulerstraße, in denen es Hörsäle für Theologen, Juristen und Mediziner gab. Durch das wachsende Ansehen des Medizinstudiums in Wien und die steigenden Studentenzahlen wurde die Raumnot immer drückender. Gesuche der medizinischen Fakultät um mehr Raum blieben jedoch ohne Erfolg. Ein eigenes Haus erhielt die Fakultät erst, als eine Pestepidemie im Jahr 1419 den Doktor Nikolaus von Hebersdorf dahinraffte.
Hebersdorf, genannt "Niclas der Buchartzt", vermachte sein Haus "in der Weihenburg", heute Weihburggasse, und seine Bibliothek testamentarisch der medizinischen Fakultät. Um sich von den Badern und Quacksalbern abzuheben, nannten sich Ärzte, die nicht aus dem Klerus stammten, "Buchartzt". Wobei nicht ganz sicher ist, ob sich der Titel "Buchartzt" darauf bezieht, dass er aus Büchern gelernt, also studiert hat, oder ob er als Arzt für den Bauch zuständig, also Internist war. "Buchartzt" war lange Zeit hindurch ein gebräuchlicher Titel. Erst zwischen 1413 und 1417 tauchte die Bezeichnung "doctor medicinae" auf. Daneben gab es aber auch Heilspersonen, die sich einfach als "Artzt" bezeichneten.

Urkundlich nachgewiesene Sektion im Bibliotheksraum

Von Niclas, dem Buchartzt, erbte die medizinische Fakultät 1421 nicht nur sein Haus in der Weihburggasse, sondern auch seine Bibliothek. Bücher waren im Mittelalter ein höchst wertvoller Besitz. Im Stiftungsbrief der Universität Wien von 1365 wird das Buch als das kostbarste Gut, noch vor Gold und Silber, angeführt. Die Fakultät nutzte einen Teil des Hauses als Bibliothek, deren Buchbestand durch Erbschaften ständig wuchs.
Im Jahr 1452 ist in diesem Bibliotheksraum sogar eine Sektion urkundlich nachgewiesen. Warum man ausnahmsweise im Fakultätshaus und nicht im Heiligengeistspital sezierte, ist nicht ganz sicher. Möglicherweise befürchtete man Unruhen, denn es handelte sich bei dieser Obduktion um die erste Zergliederung einer weiblichen Leiche. Seziert wurde die "Golinin", eine "stadtbekannte Weibsperson", die in der Donau ertränkt worden war. Damals durften ja nur die Leichen von Hingerichteten seziert werden.
Wegen der großen Entfernung von der Universität wollte die Fakultät das Haus 1453 verkaufen und ein Gebäude näher beim Kolleg erwerben. Dazu kam es aber nicht. Im Grundbuch ist "Der Ärzte Haus" noch 1518 als Eigentum der medizinischen Fakultät ausgewiesen. Beim großen Stadtbrand vom 18. Juli 1525 wurde das Arzthaus in der großen "Prunst verprunnen und verdorben". Die Brandruine kaufte für 150 Pfund der Mediziner Johann Enzianer. Nach dem Wiederaufbau überließ er es 1546 seiner Tochter Radegund als Mitgift bei ihrer Hochzeit mit dem Mediziner Mathias Cornax.

Erster dokumentierter Kaiserschnitt an einer lebenden Frau

Und dieser Doktor Mathias Cornaxist ist in die Medizingeschichte eingegangen. Er berichtete über eine spektakuläre Operation: "Ein seltzam warhaftig geschicht, von einer Mitbürgerin zu wienn, welche bey vier jaren ein todt Kind im leib tragen, das nachmals 1549. jar den 10. Novembris von ir durch den leib geschnitten worden." Es ist dies der erste schriftlich belegte Kaiserschnitt an einer lebenden Frau.
Durchgeführt wurde die Operation vom Stadtchirurgen Paul Dirlewang unter der Anleitung von Cornax. Die Patientin, Margarete Wolczer, war bereits 1545 schwanger geworden. Vermutlich kam es durch ein Geburtshindernis zum intrauterinen Fruchttod. Nach vier Jahren öffnete sich unter dem Nabel eine Fistel, in der man einen Kindsteil sah und aus der übel riechender Eiter austrat. Am 10. November 1549 entschloss man sich zur Operation. Betäubt wurde die Patientin vermutlich mit einem Narkoseschwamm. Die Schwämme waren mit einer Essenz aus Opium, Alraunblättern, Schierling und anderen Pflanzen getränkt und wurden den Patienten vor Mund und Nase gehalten. Durch das Einatmen der Dämpfe versetzte man die Patienten in einen Rauschzustand, der die Schmerzen etwas linderte.
Margarete Wolczer überlebte den Eingriff und wurde sogar noch ein zweites Mal schwanger. Während der Geburt traten allerdings neuerlich Komplikationen auf. Cornax empfahl eine Schnittentbindung, zu der man sich allerdings nicht entschließen konnte. Die Patientin verstarb bei der Geburt.
Der große Verdienst des Dr. Mathias Cornax ist es, nicht nur diesen ersten Kaiserschnitt an einer lebenden Frau geleitet, sondern ihn auch schriftlich und bildlich dokumentiert zu haben. Cornax war mehrmals Dekan der medizinischen Fakultät und kaiserlicher Leibarzt. Er starb am 29. November 1564. Sein Grabstein aus dem Stephansdom befindet sich heute im Historischen Museum der Stadt Wien.
Nach wechselnden Besitzverhältnissen ist das Haus, das sich heute auf dieser Parzelle in der Weihburggasse befindet, wieder ein wichtiges Haus für die Ärzteschaft. Erworben hat das 1911 von Guido Gröger im Jugendstil errichtete Gebäude die "Wirtschaftliche Organisation der Ärzte Wiens" im Jahr 1932. Sie musste es aber 1934 auf Grund einer Widmung der "Alterswohlfahrtsstiftung der Wiener Ärzte" überlassen. 1939 übernahm die Reichsärztekammer München das Gebäude. Nach einem Rückstellungsverfahren befindet es sich seit 1956 wieder im Besitz der Ärztekammer für Wien.
Das 1979 bis ins kleinste Detail stilgerecht renovierte Haus zählt zu den schönsten Jugendstilgebäuden der Innenstadt. Die Gedenktafel im Eingangsbereich des Hauses, die anlässlich der Fertigstellung der Renovierungsarbeiten enthüllt wurde, erzählt kurz die Historie dieses für die Ärzteschaft so geschichtsträchtigen Hauses.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 38/2003

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