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19. Dezember 2005

Der Tod muss ein Wiener sein (Altes Medizinisches Wien 51)

Der Tod muss ein Wiener sein, versichert schon Georg Kreisler in einem seiner bekannten Chansons. Daher erscheint es nur logisch, dass sich in Wien das weltweit einzige Museum für Bestattungswesen befindet.

Die Sammlung ist in den Räumlichkeiten der früheren Entreprise des Pompes Funebres, dem heutigen Sitz der Wiener Stadtwerke - Bestattung Wien untergebracht. Das umfangreiche Museum wurde 1967 anlässlich des 60-jährigen Firmenjubiläums der Städtischen Bestattung eröffnet und laufend erweitert. Mit seinen mehr als 600 ungemein interessanten und teilweise kuriosen Objekten und Dokumenten rund um "die Leich", wie man in Wien zu sagen pflegt, ist diese Sammlung selbst eine einzigartige Kuriosität.
1907 nahm die gemeinnützige Städtische Bestattung ihren Betrieb auf. Aufgrund unhaltbarer Zustände im Bestattungswesen und exorbitant hoher Begräbniskosten war die Leichenbestattung der privatwirtschaftlichen Tätigkeit entzogen worden. Die beiden größten Bestattungsunternehmen der Stadt, die Entreprise des Pompes Funebres und die Concordia, wurden von der Gemeinde erworben und die etwa 90 kleineren privaten Bestattungsfirmen nach und nach aufgekauft.

Der Tod als Geschäft

Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts waren die Begräbniszeremonien üblicherweise recht einfach. Mit der Auflösung der kleinen Freythöfe innerhalb der Stadt und der Errichtung von größeren kommunalen Friedhöfen außerhalb des Linienwalls wurde die Organisation der Begräbnisse zunehmend von professionellen Bestattern, meist ehemaligen Mesnern, übernommen. Mit der Kommerzialisierung und Verweltlichung der Bestattung begann sich auch der Staat mit gesetzlichen Regelungen über Totenbeschau, Bestattungsmodalitäten und Gebührenordnungen um das Bestattungswesen zu kümmern. Die so genannte Stolordnung legte bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts peinlich genau die Gebühren für die einzelnen Begräbnisklassen fest.
Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde in Wien die "Schöne Leich" modern. Das Bürgertum versuchte die prunkvollen Begräbnisse des Adels zu kopieren. Das Gewerbe der Bestattungsunternehmer begann plötzlich zu boomen.
1867 erhielt Franz Grüll, ein Trauerwarenhändler, als Erster die Bewilligung zur Ausübung des Bestattungsgewerbes. Er gründete die Entreprise des Pompes Funebres, der aber bald durch Unternehmen wie die Pietät und die Concordia große Konkurrenz erwuchs. Auf die Entreprise des Pompes Funebres geht auch die Bezeichnung Pompfüneberer für Leichenträger zurück, die heute noch in Wien gebräuchlich ist. Da das Bestattungsgewerbe als freies Gewerbe nicht an eine behördliche Konzession gebunden war, rauften sich bald an die 80 Bestattungsunternehmer um die Leichen. Wenn bekannt wurde, dass eine reiche Person im Sterben lag, umlagerten die auf Provisionsbasis arbeitenden Agenten der einzelnen Unternehmen wie Aasgeier das Sterbehaus, um den begehrten Auftrag für ein lukratives Begräbnis an Land zu ziehen.
An Hausbesorger und Portiere wurden für die Meldung von Todesfällen Prämien bezahlt. Diese Übelstände des Agentenunwesens und die für den größten Teil der Bevölkerung unerschwinglichen Kosten des Begräbnisses führten schließlich dazu, dass sogar die liberal-bürgerlichen Parteien für die Kommunalisierung dieses Gewerbezweiges eintraten. Im Bestattungsmuseum ist heute eine Fülle von kultur- und medizinhistorisch interessanten Exponaten zu sehen. Uniformen, Livreen und Schärpen der Pompfüneberer, Bahrtücher mit aufwändigen Stickereien, besonders schön das Modell "Superschwarz” für Adelige und Reiche, Trauerbekleidung mit den entsprechenden Accessoires, Trauerschmuck, prunkvolle Särge und Urnen belegen eindrucksvoll, dass der Hang der Wiener zu einem prächtigen Begräbnis kein leeres Gerede sein kann.

Die Angst vor dem Scheintod

Ein eindrucksvolles Ausstellungsstück ist der Nachbau des für den Währinger Ortsfriedhof 1828 entwickelten Rettungsweckers für Scheintote. Das Gerät wurde mit einer Schlinge am Handgelenk des Toten befestigt und hätte bei der geringsten Bewegung des Toten in der Hütte des Totengräbers Alarm geschlagen. Selbstmörder wurden an die Apparate nicht angeschlossen. Es gab auch Empfehlungen, in den Leichenkammern alles für die Wiederbelebung notwendige Material - also das gesamte intensivmedizinische Repertoire des 19. Jahrhunderts - bereitzuhalten: "Aufstellen eines galvanischen Rotationsapparates, einen auf einer Tasse sich befindlichen Schnellsieder sammt einer Flasche Wasser, Spiritus, einer gleichnamigen Lampe und Zundhölzchen, ein Kästchen mit starkem Riechmittel als Salmiakgeist, Essigäther usw., ein Kästchen mit aromatischen Tinkturen, gestoßenem Zucker und aromatischen Teesorten, Senfmehl, das in mehrere breite Leinwandstreifen eingewickelt ist, um dieselben sogleich bei der Hand zu haben, einige Bouteillen feurigen Weines und Zwieback, Klystierspritzen, Frottierbürsten, Wärmeflaschen, Flanell- und Leinwandstreifen, Aderlaßlanzetten, Blutegel, zwei Flanellmäntel, mehrere Löffel und Messer und einen bequemen Schlafsessel."
Die Angst vor dem Scheintod war damals weit verbreitet. Nicht unbedingt zu Unrecht, wenn man bedenkt, dass sich die Ärzte bei der Feststellung des Todes nur auf ihre Sinnesorgane - Auge, Ohr, Tastsinn und Wärmesinn - verlassen mussten und in Epidemie- und Seuchenzeiten sicher oft überlastet waren. Nestroy formulierte bissig: "... die medizinische Wissenschaft ist leider noch in einem Stadium, daß die Doktoren, selbst wenn sie einen umgebracht haben, nicht einmal gewiß wissen, ob er tot ist, der Patient."
Der Begriff "Scheintod" ist heute aus dem medizinischen Vokabular verschwunden. In der modernen medizinischen Terminologie werden Zustände von extrem auf Sparflamme brennenden Lebens als "vita minima" und "vita reducta" bezeichnet. Die erfolgreiche Wiederbelebung "klinisch Toter" gehört heute zum Standardrepertoire jedes Notarztes oder Intensivmediziners. Dass solche Zustände ohne technische Hilfsmittel oft nicht erkannt werden konnten, überrascht nicht.

Die "Schöne Leich” wird "in”

Die berühmten "Lebensproben" waren das Vorhalten einer Flaumfeder oder eines Spiegels vor Mund und Nasenöffnung oder das Auftropfen von heißem Siegellack auf empfindliche Hautstellen. Nach seriösen Schätzungen soll gegen Ende des vorigen Jahrhunderts der Anteil der Scheintoten bei 0,5 bis zwei Prozent aller Todesfälle gelegen sein. 100 Jahre vorher waren es möglicherweise noch deutlich mehr. Da es gegen die meisten Krankheiten keine wirksamen Therapien gab und der bereits ohnehin extrem geschwächte Körper noch zusätzlich durch Einläufe, Aderlässe, Blutegel und Schwitzkuren malträtiert wurde, scheint es durchaus vorstellbar, dass Zustände von vita minima in jenen Zeiten weitaus häufiger auftraten als heute. Eng mit der Angst vor dem Scheintod verknüpft war natürlich die Horrorvision, lebendig begraben zu werden. Durch die Verordnung aus dem Jahr 1756, "daß kein todter Mensch vor Ablauf von zweimal 24 Stunden, es wäre denn, daß selber an den schwarzen Petschen oder an der Pest gestorben," begraben werden soll, und den Bau von Leichenhäusern, in denen diese Frist abgewartet werden konnte, war die Möglichkeit, lebendig begraben zu werden, praktisch null.

Tötung durch den Arzt

Dennoch bestimmten noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Menschen, darunter auch Ärzte, testamentarisch nach der Feststellung ihres Todes die "Tötung durch den Arzt”. Die übliche Methode war der Herzstich oder das Öffnen der Pulsadern. Ein originales Herzstichstilett wird im Museum gezeigt. Das stilettartige Messer war Bestandteil jeder Arzttasche. Ausgeführt werden durfte der Herzstich erst durch den dritten Arzt am Totenbett. Nach Feststellung des Todes durch den behandelnden Arzt und durch den amtlichen Totenbeschauarzt vollzog ein dritter Arzt, natürlich gegen eine entsprechende Gebühr, den letzten Willen des Verstorbenen.
Neben Kuriosa bietet das Museum einen interessanten Überblick über die Geschichte des Bestattungswesens und Entwicklung der Bestattungsbräuche nicht nur in Wien. Die Palette der Exponate reicht vom berühmten Sparsarg Joseph II. bis zur modernen Designerurne und vom einfachen "Furgon", einer billigen Transportkutsche für Tote, bis zu Modellen der Leichentramway und Bildern des "Salonleichenwagens” der Eisenbahn, mit dem die ermordete Kaiserin Elisabeth nach Wien überführt wurde. Insgesamt eine höchst interessante Sammlung. Nicht nur für Nekrophile.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 39/2003

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