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19. Dezember 2005

Die Wasserdoktoren - der Arzt als Droge (Altes Medizinisches Wien 52)

Kneippkuren kennt jeder - nur: Kneipp hatte seine Ideen, gelinde gesagt, ausgeborgt. Ein schlesischer Bauer war es, der die Hydrotherapie bekannt machte, und Wilhelm Winternitz in Wien habilitierte sich als Erster auf dem Gebiet der Hydrotherapie. Seine Kuranstalt machte aus dem verschlafenen Kaltenleutgeben vor den Toren Wiens einen mondänen Kurort.

Neben dem Wasser wirkte aber vielfach auch die Droge Arzt. Viele Ärzte aus Wasserkuranstalten waren Teilnehmer der legendären "Mittwochsrunde" Sigmund Freuds.
Den Begriff "Wasserdoktor" verbindet heute fast jeder mit Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 bis 1897), der für viele der Inbegriff des Naturheilkundigen ist. Kaum jemand weiß aber, dass Kneipps 1886 erschienenes Buch "Meine Wasserkur" das "fast schamlos zu nennende Plagiat" eines Buches aus dem Jahr 1838 ist. Es stammt von J. H. Rausse und beschäftigt sich mit den Grundlagen der Wasserheilkunde, wie sie Vinzenz Prießnitz (1799 bis 1851) betrieben hat. Als das Plagiat 1899 entdeckt wurde, hatte Kneipps Buch schon die 60. Auflage erreicht.

Ein Analphabet als Pionier

Vinzenz Prießnitz im schlesischen Gräfenberg war es aber, der aufgrund seiner Heilerfolge die Kaltwasserkuren nicht nur weltweit bekannt, sondern auch die Schulmedizin auf die Wasserbehandlung aufmerksam machte und damit den Grundstein für die moderne Hydrotherapie legte.
Wirklich verwunderlich ist es nicht, dass die studierten Ärzte den "Wasserdoktor" Prießnitz zunächst einmal als Scharlatan heftigst bekämpften. Es war ja auch schwer vorstellbar, dass ein einfacher Bauer aus Schlesien, der weder lesen noch schreiben konnte, nur mit kaltem Wasser und einem Schwamm Heilerfolge bei Patienten erzielte, denen die damalige Schulmedizin hilflos gegenüberstand. Noch dazu brüskierte er die Ärzte mit Therapien, die den damaligen Regeln der Schulmedizin diametral gegenüberstanden, wie etwa "niemals Kaltwasseranwendungen bei Fieber".
Lesen und schreiben konnte Prießnitz zwar nicht, aber er war ein scharfer Beobachter. So sah er - das berichtet zumindest die Fama - wie ein Reh einige Tage an eine Quelle kam, um seinen verletzten Lauf ins kalte Wasser zu tauchen. Nach einigen Tagen kam es nicht mehr. Es hatte sich offenbar mit kaltem Wasser geheilt. Nach diesem Vorbild soll Prießnitz sich selbst nach einem schweren Unfall mit einem Pferdewagen nur mit kaltem Wasser und Umschlägen kuriert haben. Die Wundärzte hatten ihn schon als hoffnungslos aufgegeben. Kaum 19 Jahre alt, hatte Prießnitz bereits einen Ruf als Wunderheiler, zu dem Patienten aus den entferntesten Gegenden pilgerten. Erfunden hat allerdings auch Prießnitz die Wasserheilkunde nicht.
Bereits um 1700 betrieb der englische Arzt John Foyer (1649 bis 1743) eine systematische Therapie mit Wasser. Auch die schlesischen Ärzte Vater und Sohn Hahn, im Volksmund die "Wasserhähne" genannt, berichteten in ihrem 1737 erschienenen Buch "die wunderbare Heilkraft des frischen Wassers bei dessen innerlichem und äußerlichem Gebrauch durch die Erfahrung bestätigt" über ein System der Wasserkuren. Obwohl ihr Buch in sechs Auflagen erschien, setzte sich ihre Methode nicht durch. Erst durch Prießnitz, fast ein Jahrhundert später, erreichte die Wasserheilkunde einen großen Bekanntheitsgrad. Viel dazu beigetragen hat, neben seinen Heilerfolgen, sicher eine Anzeige wegen Kurpfuscherei, in der er als "Hexenmeister und Wundermann" bezeichnet wurde. Bei Gericht zerschnitt man sogar seinen Schwamm, da man geheimnisvolle Substanzen in dessen Innerem vermutete. Prießnitz hatte aber bereits prominente Patienten, die für ihn eintraten: "Ich habe fünfzehn Jahre mediziniert und wurde immer kränker; ein halbes Jahr bei Herrn Prießnitz hat mich geheilt", so etwa der Domdechant von Regensburg. Das Gerichtsverfahren endete mit einem Freispruch.
Prießnitz erhielt 1831 die Genehmigung, eine "Kaltwasserheilanstalt" zu führen. Er durfte allerdings weder Medikamente verabreichen, noch chirurgische Eingriffe vornehmen. Wegen neuerlicher Anzeigen und Beschwerden gegen Prießnitz musste sich 1836 eine Hofkommission aus Wien, der auch der "Vicedirektor des medizinischen Studiums" angehörte, mit der Anstalt beschäftigen. Sie kam zu dem Schluss: "Es sind die Ärzte und Wundärzte aus der Umgebung, die ihn aus Brodneid anfeinden und gegen ihn Beschwerde führen. Mag seine Anstalt an Mängel leiden, mag er Wenige oder Viele geheilt haben; mögen die Krankheiten der Entlassenen nach längeren oder kürzeren Zwischenräumen wiederkehren; immer bleibt seine Kurmethode in ihren Details eine neue, beachtenswerthe Erscheinung im Gebiete der heilenden Kunst." Seine Therapien waren damit offiziell anerkannt.
Waren es 1831 noch 64 Patienten, die sich in Gräfenberg behandeln ließen, so kamen 1839 bereits 1.700 Kurgäste. Fast aus der ganzen Welt strömten Patienten, auch "aus höchsten und allerhöchsten Kreisen" in die Kaltwasserheilanstalt.

Kurbetrieb für bessere Leute

Seine Kurmethode, die er anfangs auf Umschläge und Waschungen mit kaltem Wasser beschränkt hatte, umfasste 1835 zusätzlich kalte Vollbäder, Schwitzpackungen, verschiedene Teilbäder - Genitalpackungen waren sehr beliebt -, Duschen, Wassertrinken, feuchte Umschläge, gesunde Nahrung und Bewegung. Auch körperliche Arbeit wie Holzhacken, Sägen und Getreidedreschen in frischer Luft diente zur Erwärmung und Kräftigung. So konnte man noble Herrschaften sehen, denen von ihren Dienern Hacken, Sägen und Dreschflegel nachgetragen wurden. Es kamen auch viele Ärzte, die sich von Prießnitz ausbilden ließen und dann selbst nach dem Muster der Prießnitz-Anstalt Kaltwasserheilanstalten in der ganzen Welt eröffneten.
Wilhelm Winternitz (1834 bis 1917) von der Wiener Universität habilitierte sich 1864 auf Basis der Prießnitzschen Praktiken als Erster im deutschsprachigen Raum für Hydrotherapie. Er gilt heute als Begründer der wissenschaftlichen Wasserheilkunde. In der Wiener Allgemeinen Poliklinik richtete er eine kleine Hydrotherapeutische Station ein, die bald Ärzte aus der ganzen Welt anzog. Seine Hydrotherapeutische Klinik in Kaltenleutgeben bei Wien machte den kleinen Ort zu einem der mondänsten Kurorte der Welt. Künstler, Diplomaten, Aristokraten - sogar die Kaiserin Sisi -, wirkliche Kranke und solche, die es sich nur einbildeten, tummelten sich in Kaltenleutgeben. Prominenz aus der ganzen Welt weilte hier zur Kur. Henryk Sienkyewitsch, Nobelpreisträger und Autor des weltberühmten Romans "Quo vadis", kurte hier ebenso wie der Schriftsteller Samuel L. Clemens, besser bekannt unter dem Pseudonym Mark Twain.

Lehrkanzel für Hydrotherapie

Neben der Winternitz-Klinik bestand die drei Jahrzehnte zuvor gegründete Kaltwasserheilanstalt des Wundarztes Johann Emmel, der diese nach dem Muster seines Lehrers Prießnitz führte. Bei Emmel kurten eher die Wiener Bürger, bei Professor Winternitz die große Welt. Dessen 1877 veröffentlichtes Buch "Die Hydrotherapie auf physiologischer und klinischer Grundlage" fand weltweit Verbreitung. 1899 übernahm er die erste Lehrkanzel für Hydrotherapie in Wien. Nach Winternitz’ Tod bestand die Wasserheilanstalt noch bis 1938.
Vom mondänen Kurort ist Kaltenleutgeben nichts geblieben. Einige wenige Gebäude erinnern den aufmerksamen Spaziergänger noch an die vergangene Pracht. Das größte ist ein revitalisiertes Gebäude der ehemaligen Kuranstalt Emmel, direkt an der Hauptstraße. Die Winternitz Klinik wurde im 2. Weltkrieg fast völlig zerstört. In der ehemaligen Professorenvilla logiert heute der Pensionistenverein.
Die unglaubliche Popularität der Wasserheilkunde im 19. Jahrhundert ebbte im 20. Jahrhundert etwas ab. Das mag wohl daran liegen, dass viele der "Wasserdoktoren" charismatische Persönlichkeiten und Heiler im besten Sinn des Wortes waren. Der "Arzt als Pille" mag wohl oft eine Rolle gespielt haben. Einige Mitglieder der berühmten "Mittwochsrunde" von Sigmund Freud waren Besitzer oder Ärzte von Wasserheilanstalten, Kurkliniken oder physikalischen Heilinstituten. Ob Placebo, Psychotherapie oder Psychosomatik ändert aber nichts an den oft erstaunlichen Erfolgen der Prießnitz-Kuren. Einige Methoden sind heute, nicht nur in der Naturheilkunde, sondern auch in der Schulmedizin nicht mehr wegzudenken. Als Beispiel mögen die berühmten "Essigpatscherl" dienen: kalte Wadenwickel, die auch ohne Essig Fieber senken. Sie werden heute nicht nur als Hausmittel eingesetzt, "bevor man mit Kanonen auf Spatzen schießt", sondern auch routinemäßig in der Pädiatrie und sogar in der hochtechnisierten Intensivmedizin.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 40/2003

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