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19. Dezember 2005

Der Trompeterldoktor (Altes Medizinisches Wien 53)

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war Wien - neben London, Paris und Dublin - eines der weltweit führenden Zentren der Medizin. Eine der Leitfiguren war der geniale Diagnostiker Joseph Skoda (1805 bis 1881), der durch Abhorchen und Beklopfen innere Erkrankungen zu erkennen versuchte.

Leitfiguren der medizinischen Schule, die später die "Zweite" genannt wurde, waren der Pathologe Karl von Rokitansky, der Internist Joseph Skoda, der Dermatologe Ferdinand von Hebra und der Chirurg Franz Schuh. Letzterer legte durch die klinische Verbindung der Chirurgie mit der Inneren Medizin und der pathologischen Anatomie die Basis für die wissenschaftliche Chirurgie. Vor allem aber war es Joseph Skoda (1805 bis 1881), der durch die Verfeinerung der Methoden der physikalischen Krankenuntersuchung und der Verknüpfung der erhobenen Befunde mit der pathologischen Anatomie wesentlich zum Ruhm diese Schule beitrug.

Anfängliche Skepsis

Wie skeptisch die alten Kliniker anfangs den diagnostischen Methoden Skodas gegenüberstanden, zeigt ein Ausspruch des Internisten Franz Xaver Hildebrand, immerhin Inhaber des Lehrstuhls für Innere Medizin an der Wiener Universität von 1830 bis1841: "Ich bin ein ausgezeichneter Musiker und habe ein feines Gehör, aber eine Pneumonie habe ich noch nie geigen gehört." Und auch später scheint er Skoda nicht geschätzt zu haben. Er war der Meinung, Skoda "tauge nicht zum Kliniker". Er hat sich wohl geirrt. Jahre später wurde Skoda sein Nachfolger, und aus der ganzen Welt strömten Ärzte und Studenten nach Wien, um von Skoda in die Geheimnisse des Abklopfens und Abhorchens eingeweiht zu werden. Geboren 1805 als zweiter Sohn eines Schlossers in Pilsen, wuchs Joseph Skoda in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater war zwar arm, aber aus allen seinen Söhnen "wurde etwas": Aus dem ältesten Bruder Franz wurde ebenfalls ein Arzt: Der Landes-Sanitätsreferent von Böhmen und angesehene Hygieniker in Wien wirkte bei der Beratung der Wasserversorgung Wiens mit. Und aus dem jüngeren Bruder Johann wurde ein Schlosser, der die väterliche Werkstatt in Pilsen zu den bekannten Skoda-Werken ausbaute.
Joseph Skoda sollte zunächst Geistlicher werden. Erst als eine Seidenfabrikantin in Wien, bei der sein älterer Bruder Nachhilfe gab, ihm die Möglichkeit bot, in ihrem Haushalt als Werkstudent zu wohnen, konnte er sich 1825 an der Universität Wien immatrikulieren. Nach der Promotion zum Doctor medicinae 1831 ging er zunächst als Choleraarzt nach Böhmen und trat dann 1832 als unbesoldeter Sekundararzt in das Allgemeine Krankenhaus in Wien ein.

Strafweise Versetzung

Bereits damals versuchte er durch Beklopfen und Abhorchen Krankheiten des Herzens und der Lunge zu erkennen. Gerne sahen das seine Vorgesetzten nicht. Versuche mit dem Hörrohr trugen ihm den Spottnamen "Trompeterldoktor" ein. Dazu kam noch, dass sich Patienten über die häufig wiederholten Untersuchungen durch Skoda beschwerten. Als er zusammen mit dem Chirurgen Schuh bei einem Patienten, der zu ersticken drohte, einen Luftröhrenschnitt durchführte, ohne das Konsilium mit seinem Primararzt abzuwarten, wurde er strafweise in eine Abteilung für "stille Irre" versetzt. Seine Untersuchungen führte er aber fort und demonstrierte sie zunächst nur seinen Kollegen am Krankenbett.
Auf Grund des regen Interesses hielt er später Privatkurse ab, die 1838 sogar von der Spitalsdirektion geduldet wurden. Da seine Dienstzeit im Allgemeinen Krankenhaus zeitlich beschränkt war, musste Skoda die Klinik 1839 verlassen und sich als Armenarzt in der Vorstadt durchbringen. Daneben betrieb er weiter seine Studien und veröffentlichte im selben Jahr seine später so berühmte "Abhandlung über Percussion und Auscultation".

Tod bestätigte Diagnose

Aber erst durch eine richtige Diagnose, die er beim Herzog von Blacas stellte, erlangte er die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen des Vizedirektors der medizinisch-chirurgischen Studien, Ludwig von Türkheim. Skoda diagnostizierte ein großes Aneurysma der Bauchaorta, während die anerkannten Autoritäten ein Leberleiden vermuteten und den Kranken nach Karlsbad schicken wollten. Als der von Skoda vorhergesagte baldige Tod tatsächlich eintraf und er noch vor der Obduktion die genaue Größe und Lage des Aneurysmas richtig angab, war "sein Sieg ein vollständiger".
Türkheim, beeindruckt von dem jungen Arzt, verfügte per Hofdekret 1840 eine neu einzurichtende Abteilung für Brustkranke im Allgemeinen Krankenhaus und berief Skoda zum ordinierenden, aber weiterhin unbesoldeten Arzt. Erst ein Jahr später erhielt Skoda die Besoldung eines Primararztes. 1846 erfolgte endlich die Ernennung zum Professor und Vorstand der Klinik für innere Krankheiten im Allgemeinen Krankenhaus.

Für seine "Blitzdiagnosen" berühmt

Joseph Skoda war vor allem ein genialer Diagnostiker. Seine Methode, die "Diagnose per exclusionem", also durch das Ausschlussverfahren, erforderte höchste Genauigkeit bei der Untersuchung, enormes Sachwissen, Erfahrung und die Fähigkeit, zu kombinieren und logische Schlüsse zu ziehen. Er musste alle Organveränderungen durchgehen, alles ausschließen, was nicht zu seinen erhobenen Befunden passte, um schließlich die Diagnose zu finden, die sowohl seinem physikalischen Befund als auch den Symptomen entsprach. Röntgen gab es ja damals noch nicht. Da dies bei ihm alles sehr rasch ablief, kam es oft, auch in komplizierten Fällen, zu seinen berühmten "Blitzdiagnosen".
Wesentlich zurückhaltender als bei der Befunderhebung waren Skoda und seine Schüler bei der Therapie. Das brachte ihm und vor allem seinen Schülern den Vorwurf des "therapeutischen Nihilismus" - die Diagnose von Skoda und deren Bestätigung durch den Pathologen Rokitansky - ein. Angesichts der damals verfügbaren Arzneimittel und Behandlungsmethoden in manchen Fällen war dies durchaus erklärbar und verständlich. So war der Aderlass bei unkomplizierter Bronchitis oder Lungenentzündung die übliche Therapie. "Nichts tun ist das Beste in der inneren Medizin", soll Skoda gesagt haben.

Skeptiker und Sozialhygieniker

Aber ganz so schlimm war es nun doch nicht. Skoda war "Skeptiker", aber kein "Nihilist". Er lehnte zwar viele der damals sehr beliebten und oft kritiklos eingesetzten Behandlungen wie Schröpfköpfe, Aderlass oder Blasenpflaster ab und verwarf auch eine Reihe unwirksamer und manchmal sogar schädlicher Medikamente. Erprobte Mittel wie Digitalis, Opium und Chinin verwendete er aber selbstverständlich. Er billigte die Verwendung des 1869 in die Therapie eingeführten Chloralhydrats als Schlafmittel und verordnete bereits Salizylsäure bei akutem Gelenksrheumatismus. Die von Pravaz 1853 eingeführte Spritze für subkutane Injektionen wurde an der Klinik von Skoda bereits in großem Ausmaß benutzt.
Sein Einsatz für den Bau der Wiener Hochquellleitung, seine Beschäftigung mit der Kanalisierung Wiens, dem gesundheitsschädlichen Staub der Gehsteige, dem Impfzwang und dem Findelhauswesen weisen Skoda als Sozialhygieniker aus, der die Krankheiten bereits vor ihrem Entstehen bekämpfen wollte.
Bei seiner Abschiedsvorlesung 1871 erklärte Skoda: "Die Ausbildung der physikalischen Untersuchungsmethoden hat uns in der Erkenntnis vieler Krankheiten auf eine sichere Basis gestellt; jetzt kommen Chemie und Mikroskopie an die Reihe und so werden wir endlich eine Einsicht in die pathologischen Veränderungen unseres Organismus erreichen, dass wir eine brauchbare Krankheitslehre werden aufbauen können."
Skoda starb am 13. Juni 1881 in seinem Haus in der Reitergasse im 8. Wiener Gemeindebezirk. Sein beträchtliches Vermögen vermachte er Wohltätigkeitsinstituten und Armen. Am 14. Juli beschloss der Gemeinderat, die Reitergasse in Skodagasse umzubenennen. Am Haus Skodagasse 13, in dem er gelebt hat, gestorben ist und auch auf eigenen Wunsch an seinem Todestag um sechs Uhr abends obduziert wurde, erinnert heute eine 1883 angebrachte Gedenktafel an den Arzt, der die medizinische Diagnostik revolutionierte, indem er sie auf eine sichere anatomische Basis stellte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 41/2003

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