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19. Dezember 2005

Ein Menschheitstraum: Die Fortpflanzung kontrollieren (Altes Medizinisches Wien 54)

Die Pille ist heute selbstverständliches Kulturgut, Verhütung nichts mehr Anrüchiges. Das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch will den steinigen Weg nachzeichnen, der zur Kontrolle der Fortpflanzung führte.

Trotz aller Bemühungen ist – abgesehen von Europa und den USA – noch kein auf Dauer erfolgreiches Familienplanungsprogramm entwickelt worden. Aufgabe solcher Programme ist es nicht nur, Geburten zu verhindern, sondern der Wohlfahrt von Kindern und Eltern zu dienen, indem die Zahl der Geburten vermindert und der Abstand zueinander gesteuert wird. Die unkontrollierte Bevölkerungszunahme sollte eingedämmt und die Müttersterblichkeit gesenkt werden. Auch sollten die sexuellen Beziehungen vom Aspekt unerwünschter Schwangerschaften gelöst werden.

Das individuelle Interesse an Familienplanungsprogrammen und der Anwendung empfängnisverhütender Methoden hängt nicht nur von der Herkunft aus einer sozioökonomischen Schicht, Religionsgemeinschaft oder politischen Konstellation ab, sondern vor allem von der Erziehung, von individuellen Bedürfnissen und vom Ausmaß verfügbarer Information.

Vergessene Urkraft

„Die Urkraft der Fortpflanzung ist für Menschen heute kaum noch richtig fühlbar“, sagt Dr. Christian Fiala, Gynäkologe und einer der Protagonisten des Museumsvereins „Verhütung und Schwangerschaftsabbruch“. Viele Jahrtausende lang hat sich die Menschheit bemüht, Fortpflanzung zu kontrollieren. Seit 40 Jahren ist das zumindest im Westen gelungen – und schon scheint das Wissen über die Natur der Fortpflanzung weithin verloren gegangen zu sein, bedauert Fiala.

Vergessen scheint, wie angstbesetzt die Verhütung vor der Entwicklung der Pille war. Auch die Kämpfe um Fristenlösungen gehören weitgehend der Vergangenheit an. Welche Methoden der Verhütung sind sicher, welche natürlich? Der Museumsverein will dieses Kapitel der Frauenheilkunde und Geburtshilfe objektiv dokumentieren, so lange noch Zeugen und Wissen existieren: Instrumente und Behelfe, Modelle, Darstellungen, Erzählungen, Plakate, Informationsschriften und Bücher. Dazu kommen Interviews mit Ärzten und Apothekern, mit Wissenschaftlern, Kräuterkundigen, Hebammen, „Engelmacherinnen“ und Betroffenen.

Begehrte Ratschläge

Im Jahre 1911 erschien „Das intime Buch der Frau, ein Führer durch das Eheleben für denkende Frauen“. An die Autorin wandten sich über „Ehe-Hygiene“ tausende Frauen um Rat, wie man „schädliche Empfängnis“ verhüten könne. Diese Ratschläge durfte sie aber nicht veröffentlichen, da dies damals unter Strafe stand.

Schließlich entdeckten 1934 zeitgleich Hermann Knaus in Graz und Kyasaku Ogino in Japan die erste einigermaßen sichere Möglichkeit, „gefährliche“ von „ungefährlichen“ Tagen zu unterscheiden: die Temperaturmethode. Sie senkt den Pearl-Index von 60 bis 80 ohne Konzeption immerhin auf 14 bis 35 (Pearl-Index = Zahl der Schwangerschaften per 100 Frauenjahre).

Ungewollte Schwangerschaft wurde auch im Dritten Reich zum Thema: Die Reichsärztekammer gab „Richtlinien für die Schwangerschaftsunterbrechung und Unfruchtbarmachung aus gesundheitlichen Gründen“ heraus. Dieser Weg endete für viele in der Zwangssterilisierung oder im totgeschwiegenen Euthanasieprogramm. Viele Ärzte machten sich mitschuldig. Die Prozesse ließen bis zu 50 Jahre auf sich warten. Diese österreichische Art der Geschichtsaufarbeitung mag die Widerstände bei der Einführung der Fristenlösung zum Teil erklären.

Zum anderen Teil nimmt die katholische Kirche bis heute nicht eindeutig Stellung zum Thema Empfängnisverhütung. Aufgeklärte Katholiken behelfen sich deswegen mit der Bibelstelle Genesis 38, Vers 8-10. Dort wird der Coitus interruptus als Kontrazeptionsmöglichkeit beschrieben. Immerhin wird dafür ein Pearl-Index von 10 bis 38 angegeben.

Auch der Papyrus Ebers, ein Kompendium medizinischer Praktiken aus dem Jahr 1550 v. Chr., enthält Beschreibungen von Kontrazeptiva. So sollte ein Tampon „bei der Frau eine Empfängnis für ein, zwei oder drei Jahre verhindern. Baumwolle wird mit einer Mischung aus Granatäpfeln, Datteln und Honig in ihre Vulva eingeführt“. Heute weiß man, dass Granatapfel ein natürliches Östrogen enthält.

Vor 3.000 Jahren wurde Elefanten- und Krokodildung in Indien als Vaginalsuppositorium vor dem Geschlechtsverkehr eingeführt. Wahrscheinlich wurde der Kot von Tieren mit mystischen Eigenschaften gewählt. Tatsächlich könnte der Dung selbst als primitive Blockersubstanz gedient haben, seine hohe Azidität soll spermizid wirken.

Die Geschichte des Kondoms

Illustrationen zeigen frühe ägyptische Männer, die „Penis-Protektoren“ tragen - diese dürften jedoch als Statussymbol oder gar als Schutz vor Insektenstichen gedient haben. Das Kondom oder die Idee, den Penis einzuhüllen, um eine Konzeption oder Krankheitsübertragung zu verhindern, kann bis auf das Jahr 1600 rückdatiert werden. Damals wurden Kondome aus Tierdärmen, wie dem Blinddarm des Schafes, erzeugt. Dieser Darmteil entsprach sowohl in Größe, Flexibilität und Dicke.

Das Wort Kondom selbst soll auf einen Dr. Condom (oder Conton) zurückgehen. Diesem Arzt wird zugeschrieben, das Kondom während der Regentschaft König Charles II. (1660 bis 1685) in England eingeführt zu haben. Die Massenproduktion begann aber erst nach dem Jahr 1844. In diesem Jahr patentierte Charles Goodyear die Gummi-Vulkanisation. Seit damals wurden sowohl männliche wie auch weibliche Kondome immer weiter entwickelt: vom Gummi zum Latex bis zu den modernen Polymeren. Die Franzosen nannten es „englischer Mantel“, die Engländer nannten es „französischer Brief“. Kein Land wollte also damals so recht die Urheberschaft des Kondoms für sich beanspruchen.

Daneben gab es noch Pessare. So empfahl Giacomo Casanova um 1650 eine halbe Zitrone, deren Fruchtfleisch entfernt wurde, auf die Portio zu legen. Immerhin könnten der mechanische Verschluss durch die Zitrone und/oder die Zitronensäure effektiv gewesen sein.

Antibaby-Pille

1951 meldete schließlich der gebürtige Wiener Carl Djerassi einen oral aktiv gemachten Abkömmling des weiblichen Geschlechtshormons Progesteron als Antikontrazeptivum zum Patent an. Es war die Geburt der Antibaby-Pille. Die antikonzeptionelle Wirkung des Progesterons war schon vorher bekannt, aber oral verabreicht wurde es im Körper abgebaut und unwirksam. Gemeinsam mit Gregory Pincus, einem Biologen aus den USA, kann Djerassi als Vater der Pille bezeichnet werden. Djerassi selbst nennt sich in seiner Autobiographie übrigens „Mutter der Pille“. Schering brachte 1961 die erste Antibabypille unter dem Handelsnamen Anovlar® auf den Markt.

Im Nachkriegseuropa stieß die Pille jedoch auf einige Probleme. Junge Frauen sollten schließlich keinen Geschlechtsverkehr vor der Ehe haben, demzufolge ist auch Verhütung unsinnig. Und bei den Ehefrauen war reichlicher Kindersegen erwünscht. Generell wurde die öffentliche Diskussion und Aufklärung nicht gefördert. Schering führte demzufolge die Pille als „Mittel zur Beherrschung von Menstruationsstörungen“ ein.

Erst die Studentenbewegung der 60er Jahre brachte der Pille den offiziellen Durchbruch. Die sexuelle Revolution förderte die Enttabuisierung der Sexualität und so die freie Verfügbarkeit der Pille für alle Frauen, zumindest in den westlichen Ländern.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 42/2003

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