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19. Dezember 2005

Der unblutige Chirurg (Altes Medizinisches Wien 55)

Adolf Lorenz (1854 bis 1946) gilt als Begründer der modernen Orthopädie. Seine unblutigen Heilmethoden, beispielsweise die Behandlung der angeborenen Hüftgelenksluxation mittels Spreizhose, machten ihn weltberühmt und wohlhabend.

Die Hände von Adolf Lorenz (1854 bis 1946) waren ein beliebtes Motiv der amerikanischen Pressefotografen, wenn sie hymnische Berichte über die spektakulären Erfolge des „austrian bloodless wizzard“ veröffentlichten. Aber gerade diese empfindlichen Hände waren es, die den jungen Dozenten der Chirurgie, die Professur vor Augen, fast aus der Bahn geworfen hätten.

Die Karbol-Ära

Schuld daran war das Karbol. Lorenz hatte das Pech, letztendlich aber das Glück, am Höhepunkt der Karbol-Ära in der Chirurgie zu arbeiten. Karbol als Desinfektionsmittel, von Joseph Lister 1867 in die Chirurgie eingeführt, wurde zum Händewaschen verwendet, aber auch als Spray im Operationssaal vernebelt. Instrumente, Wäsche, Patient und Operateur wurden geradezu in Karbol gebadet. Karbol und das „antiseptische Prinzip“ revolutionierten die bis dahin gegen Wundinfektionen hilflose Chirurgie. Es wirkte gut gegen Keime, die Anzahl der Todesfälle durch Infektionen ging dramatisch zurück und man konnte sich nun auch an große Operationen wagen. Es schädigte aber auch das menschliche Gewebe. Karbolekzeme und Karbolgangrän waren an der Tagesordnung. „Meine Finger sahen bald aus wie gesottene Würstel“, berichtete Lorenz. Er litt, wie viele seiner Kollegen mit empfindlicher Haut, unter dem Karbol. Ein hartnäckiges Karbolekzem seiner Hände, hätte seiner akademischen Karriere beinahe ein Ende gemacht. Da riet ihm sein Lehrer, der Chirurg Eduard Albert (1841 bis 1900), der neben Billroth die zweite chirurgische Lehrkanzel leitete: „Na, Lorenz, wenn's mit der nassen Chirurgie net geht, versuchen S' es halt mit der trockenen.“

Unter trockener Chirurgie verstand man damals Heilverfahren, die ohne chirurgische Hautöffnung, nur mit den Händen oder mit eigens dazu konstruierten Maschinen und Gips, krumme Körperteile – Beine, Füße, Rumpf und Wirbelsäule – wieder gerade zu richten versuchten. Heilverfahren, auf die „g'standene Chirurgen“ etwas verächtlich herabblickten und mit denen sie sich nicht oder nur ungern beschäftigten.

Erste Professur für Orthopädie

Lorenz befolgte den Rat seines Lehrers und machte aus seiner Not eine Tugend. Der anfangs bespöttelte „Gipsdoktor“ baute die Orthopädie zu einem Spezialfach aus und erhielt 1889 in Wien die erste Professur für dieses Fach im deutschen Sprachraum. Als Lorenz mit der Orthopädie begann, handelte es sich wirklich noch um eine vorwiegend unblutige Kunst. Die Chirurgen achteten eifersüchtig darauf, dass Operationen, auch wenn sie orthopädischen Zwecken dienten, ausschließlich in ihrer Hand blieben. Verglichen mit der modernen Orthopädie und der orthopädischen Chirurgie war das Spektrum des Faches anfangs recht bescheiden: Tuberkulöse Gelenke, O- und X-Beine, Wirbelsäulenverkrümmungen, Klump- und Plattfüsse, sowie das „Geraderichten“ krummer Körperteile.

„Die Kunst, Krumme gerade zu machen und Lahme gehend zu machen“, antwortete Adolf Lorenz, anlässlich seiner Professur-Verleihung auf Audienz bei Kaiser Franz Josef, auf dessen Frage, was denn eigentlich die Orthopädie sei.

Gipsverband bei Tbc

Seine ersten Erfolge hatte Lorenz mit der einfachen, allerdings oft monatelangen Ruhigstellung von tuberkulösen Gelenken im Gipsverband. Die chirurgische Methode der radikalen Gelenksausräumung hatte eine beträchtliche Komplikationsrate und führte oft zu schweren Deformitäten und Verkürzungen. Besonders erfolgreich war diese Methode bei der Behandlung von tuberkulös zerstörten Wirbeln. Im anmodellierten Gipsbett waren die Patienten schmerzfrei und der tuberkulöse Prozess konnte ausheilen.

Das unblutige Geraderichten erreichte er teils durch gezieltes Brechen der langen Röhrenknochen manuell, mit von ihm erfundenen Maschinen oder durch das subkutane Durchmeißeln des Knochens durch einen winzigen Hautschnitt. Auch das von ihm so genannte „modellierende Redressement“ kam zur Anwendung. Durch wiederholten elastischen Druck, durch Kneten, Strecken und Ziehen und wenn nötig subkutaner Sehnendurchtrennung mit einem kleinen Messerchen gelang es ihm, Fehlstellungen dauerhaft zu korrigieren. Mit dieser Methode konnte er den angeborenen Klumpfuß unblutig heilen. Eine Leistung, die nicht nur in der Fachwelt Aufsehen erregte.

„Froschstellung” gegen Hüftgelenksluxation

Weltberühmt machte Lorenz die unblutige Operation der angeborenen Hüftgelenksluxation. Durch die sensationellen Erfolge dieser neuen Technik wurde das junge Fachgebiet auch in der breiten Öffentlichkeit bekannt. Vor allem diese Operation war es, die Ärzte und vor allem Patienten aus der ganzen Welt zu Lorenz nach Wien pilgern ließ. Ähnliches Aufsehen in der Öffentlichkeit und in wissenschaftlichen Kreisen erregte nur die fast gleichzeitig 1895 veröffentlichte Erfindung der Röntgenstrahlen.

Lorenz verspürte den Zwang, die damals übliche und aufgrund von septischen Komplikationen gefährliche offene Einrenkung des Hüftgelenks durch eine unblutige Methode zu ersetzen. An einem Beckenbeinpräparat eines verstorbenen Luxationskindes experimentierte Lorenz in Altenberg bei Wien, wann immer er Zeit hatte. So berichtet es sein Sohn und langjähriger Assistent Albert Lorenz in seinem Buch „Wenn der Vater mit dem Sohne“. Die Reposition des Kopfes in die Pfanne gelang ihm bald, die Fixierung des Kopfes in dieser Stellung konnte er aber nur bei extremer Abspreizung der Oberschenkel erreichen.

Diese „Froschstellung“, von Kollegen als barbarisch abgelehnt - selbst Lorenz konnte sich anfangs nur schwer entschließen, den Kindern diese Beinstellung monatelang aufzuzwingen – tolerierten die Kinder aber recht gut. Nach zwei Jahren hatte er genügend Erfolge, um seine Methode bei der Sitzung der deutschen Chirurgen in Berlin vorzustellen. Angriffe von Chirurgen bewirkten, dass sich bei diesem Kongress die orthopädische Chirurgie von der Chirurgie abspaltete und eine eigene Gesellschaft gegründet wurde.

Lorenz verbesserte seine Methode unermüdlich und propagierte sie auf vielen Kongressen. Seine Ordination in Wien wurde von Eltern mit ihren Luxationskindern geradezu überschwemmt. Aus der ganzen Welt reisten sie an, um ihre Kinder vom „unblutigen Chirurgen mit den wundervollen Händen“ heilen zu lassen. Lorenz behandelte die Kinder erst zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr, zu einem Zeitpunkt, wo die Diagnose auch ohne Röntgenbild, dem er misstraute, gestellt werden konnte. Inzwischen ist man ja soweit, dass die Diagnose klinisch gleich nach der Geburt gestellt werden kann und nach Sicherung der Diagnose durch das Röntgen mit der Spreizbehandlung sofort begonnen werden kann. Eine Heilung ist damit in relativ kurzer Zeit möglich.

Aufenthalte in Amerika

Adolf Lorenz wurde durch diese bahnbrechende unblutige Operation weltberühmt. Nach seiner Emeritierung, in seinem siebenten Lebensjahrzehnt begann er, assistiert von seinem älteren Sohn Albert (1885 bis 1970), ebenfalls Orthopädischer Chirurg, im Winter in Amerika und im Sommer in Wien zu ordinieren. Durch geschickt ausgewählte, spektakuläre Fälle erlangte er in Amerika, gefördert durch die sensationsgeile amerikanische Presse, eine ungeheure Popularität und bekam den Ruf eines Wunderdoktors. Erst mit zweiundachtzig beendete er seine arbeitsreichen, aber auch höchst lukrativen Amerikaaufenthalte.

Mit diesen Mitteln errichtete sich Adolf Lorenz in Altenberg bei Wien einen schlossähnlichen Bau. Hier lebte er mit seiner Frau, die auch seine riesige Ordination in Wien und die Nachbehandlung der Kinder organisierte. Hier empfing er bedeutende Wissenschaftler und Künstler, darunter den Dramatiker Karl Schönherr und den Dichter Richard Engländer, die unsterblich in seine beiden Schwägerinnen verliebt waren. Engländer veröffentlichte aus Liebe zur Schwägerin Berta – ihre Brüder nannten sie scherzhaft Peter – seine Gedichte unter dem Pseudonym Peter Altenberg.

In Altenberg wurde der jüngere Sohn Konrad geboren. Der „Vater der Graugänse“ und Nobelpreisträger für Medizin 1973 begann hier seine Verhaltensbeobachtungen an Tieren. Heute beherbergt die Villa das Konrad-Lorenz-Institut für Evolutions- und Kognitionsforschung.

Zwei Monate vor seinem 92. Geburtstag verstarb Adolf Lorenz am 12. Februar 1946 in Altenberg. Den Auftrag seiner Mutter, „Adolfla, du musst amal a grossa Herr werden“, hat er zweifellos erfüllt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 43/2003

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