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Innere Medizin 14. Dezember 2005

Hypertensiologen geh’n auf die Straße

Die Datenlage zu den Blutdruckwerten von Herrn und Frau Österreicher ist mehr als ernüchternd – selbst für Personen, die in medikamentöser Behandlung stehen. Das zeigen Screening-Aktivitäten abseits von Apotheken und Ordinationen,
nämlich auf der Straße, mitten im Leben.

Anfang Oktober dieses Jahres machten sich Hypertensiologen in der Wiener Innenstadt auf die Jagd nach bisher unentdeckten „Opfern“. „Wenn wir Menschen screenen, so geschieht dies meist in einem an-deren Umfeld, etwa einer Apotheke oder einer Arztpraxis. Diese Klientel bringt allerdings von vornherein ein höheres Gesundheitsbewusstsein mit.“ So begründet Prof. Dr. Karl Silberbauer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie – Österreichische Hochdruckliga, außertourliche Aktivitäten im Sinn der Sache. „Durch das aktive Ansprechen von Passanten bekommen wir ein Bild der österreichischen Durchschnittsbevölkerung“, so Silberbauer, der auch Ärztlicher Leiter des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt ist, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Mit etwa 7.000 Freiwilligen konnte in Wien erstmals eine große Zahl an Blutdruck-Daten erhoben werden, „die der Realität sehr nahe kommen“.

Welche Ziele konnten Sie in Ihrer bisherigen Amtsperiode als Präsident der Gesellschaft umsetzen?
Silberbauer: Eine wesentliche Auf-gabe war, unsere 12. Jahrestagung gemeinsam mit der kardiologischen Gesellschaft Anfang Oktober im Wiener Haus der Industrie zu organisieren. Neben dem wissenschaftlichen Programm lagen mir und dem Tagungspräsidenten, Prof. Dr. Dieter Magometschnigg, auch die Publikumsveranstaltungen am Herzen. Zeitgleich mit unserer Tagung gab es anlässlich des Weltherztages in Kooperation mit dem Präventionsprogramm der Stadt Wien „Ein Herz für Wien“ Aktionen für die Bevölkerung. Passanten wurden aktiv angesprochen, ihren Blutdruck, eventuell auch Cholesterinwert und Bauchumfang bestimmen zu lassen. Im Zuge dieses Events konnten über 7.000 Personen erfasst werden. Alle erhobenen Daten wurden von Seibersdorf Research Biosignalverarbeitung und Telemedizin online in eine Datenbank übertragen und analysiert. Dieser aktuelle Zustandsbericht vom Risikoprofil der Wiener Innenstadtbesucher wurde zum Hypertonie-Kongress übertragen, dort vorgestellt und interpretiert.

Welche Tendenz konnte anhand der Daten festgestellt werden?
Silberbauer: Im Prinzip bestätigte sich jenes besorgniserregende Bild, das wir kennen: Ein hoher Prozentsatz weist pathologische Werte auf. Von den Personen, die um ihre Hypertonie Bescheid wissen und auch in medikamentöser Behandlung stehen, hat nur jeder Fünfte den Zielblutdruck von unter 135/85 mmHg erreicht. Anfang nächsten Jahres werden die Endergebnisse im „Journal für Hypertonie“ nachzulesen sein – eine Fülle hochinteressanter Daten.

Die Ergebnisse sollten zu denken geben ...
Silberbauer: Unsere Publikumstestung ist sicher nur ein punktuelles Ergebnis, das aufrütteln kann. Screening-Maßnahmen sind absolut dazu geeignet, Personen mit erhöhtem Blutdruck herauszufiltern und diese zur regelmäßigen Selbstmessung zu motivieren. Damit haben wir schon viel erreicht.

Die stete Senkung der Zielwerte wird mitunter als unrealistische Wunschvorstellung kritisiert ...
Silberbauer: Das Konzept der nie­d-rigen Zielblutdruckwerte stimmt: Je niedriger der Wert, desto geringer das Risiko. Sämtliche Studien zur Hypertonie sprechen dieselbe Sprache, speziell bei Patienten mit Diabetes, koronarer Herzkrankheit oder Herzinsuffizienz. Vor allem bei diesen Personengruppen ist eine intensivierte Druckregulierung vonnöten, und gerade hier hat die Selbstmessung einen hohen Stellenwert. Ich glaube nicht, dass es sich lediglich um Lobbyismus handelt, so intensiv zu therapieren. Die Empfehlungen basieren auf harten Daten. Die Palette der verfügbaren Mittel ist zudem breit und auch effizient. In der Mehrzahl der Fälle wird eine 2-er- oder 3-er-Kombination nötig sein. Die gleichzeitige Anwendung verschiedener Wirkprinzipien kann bereits zu Beginn einer Therapie sinnvoll sein.

Wie kann man die betroffenen Personen sensibilisieren?
Silberauer: Unsere Gesellschaft hat gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) die Broschüre „Was ich schon immer über Bluthochdruck wissen wollte“ erarbeitet. Davon wurden mittlerweile 8.000 Stück gedruckt und an die Arztpraxen verteilt. Neben den allgemeinen, nicht medikamentösen Maßnahmen werden in der Broschüre auch die verschiedenen pharmakotherapeutischen Möglichkeiten erklärt; sie ist leicht lesbar und mit Abbildungen versehen. In den Blutdruck-Pass im Anhang können die Patienten ihre selbst gemessenen Werte eintragen. Im Vordergrund der Aktivitäten stehen sicher Aufklärungsmaßnahmen. Senioren sind eine wichtige Zielgruppe, weil bei diesen die Ereignisrate sehr hoch liegt. Die Hälfte der über 60-jährigen Menschen leidet unter erhöhtem Blutdruck. Wir haben diese Personengruppe im Burgenland bereits, gemeinsam mit dem Landesseniorenbeirat zu Gesundheitstagen eingeladen. An mehreren Orten im Bundesland wurde auf Informationsveranstaltungen über den Hochdruck referiert und Messungen angeboten. Die Aktionen wurden von der Bevölkerung sehr gut angenommen, wir konnten bei jeder der Veranstaltungen rund 500 Interessierte begrüßen.

Viele Hypertonie-Patienten sind mit einem normalen Blutdruck anfangs gar nicht so glücklich ...
Silberbauer: Tatsächlich kann sich nach einer medikamentösen Senkung des Blutdruckes das Allgemeinbefinden in den ersten vier bis sechs Wochen verschlechtern. In der Mehrzahl der Fälle ist dies ein vorübergehender Zustand. Danach kommt es oft zu einer deutlich verbesserten kognitiven und körperlichen Leistungsfähigkeit. Über diese erste Durststrecke müssen wir mit unseren Patienten ausführlich sprechen. Gerade in dieser Phase besteht die Gefahr, dass sie die Therapie nicht annehmen oder ihre Tabletten eigenständig halbieren. Neben dem Behandlungsbeginn mit niedriger Dosierung ist daher auch die Aufklärung im Sinne der Compliance wichtig. Bei geriatrischen Patienten muss der Blutdruck auf das Niveau im Stehen angepasst werden. Orthostatische Probleme sind im fortgeschrittenen Alter, insbesondere bei Multimorbidität keine Seltenheit. Daher ist eine langsame Annäherung an die Blutdruckziel-werte zu empfehlen.

Welchen Stellenwert haben nicht medikamentöse Maßnahmen?
Silberbauer: Bei schwerer Hypertonie können sie als Basismaßnahme in Frage kommen, bei leichten Formen senken sie eindeutig das Risiko. So lässt sich bei stark adipösen Menschen bei einer Gewichtsreduktion um vier bis acht Kilo der systolische Wert um 7 bis 8 mmHg, der diastolische Blutdruck um 5 bis 6 mmHg senken. Auch regelmäßiger Konsum von Obst und Gemüse hat einen drucksenkenden Effekt. Sinnvoll zur Erzielung eines Normotonus sind des Weiteren die Faktoren Bewegung, Gewichtsreduktion und gesunde Ernährung, die sich auch in der Krebsprävention bewähren. Generell ist damit aber nur eine limitierte Drucksenkung möglich.

Wie ist der Stand der Diskussion zum Einsatz der Betablocker in der Behandlung der Hypertonie?
Silberauer: Der derzeitigen Studienlage zufolge sollten wir insbesondere in der Primärprävention mit dem Einsatz von Betablockern eher zurückhaltend sein. Dies gilt vor allem für Patienten mit Diabetes mellitus oder anderen Stoffwechselstörungen. Eine große skandinavische Metaanalyse (Lindholm LH et al, The Lancet, Vol. 366, October 2005) hat kürzlich belegt, dass Patienten hinsichtlich der Reduktion des Schlaganfallrisikos mit ACE-Hemmern, Kalziumantagonisten oder auch Diuretika besser zu therapieren sind als mit Betablockern. Nach den Ergebnissen der LIFE-Studie hat der Betablocker Atenolol, verglichen mit dem Angiotensin-2-Antagonisten Losartan, bei gleicher Blutdrucksenkung schlechtere Ergebnisse hinsichtlich der kombinierten kardiovaskulären Morbidität und Mortalität bei Hypertonikern erzielt. Für Diabetiker ergaben sich noch deutlichere Unterschiede. Es wird sich daher bezüglich der therapeutischen Strategien in den nächsten Jahren einiges tun. Obwohl in den Leitlinien der Einsatz von Betablockern noch empfohlen wird, dürfte diese Substanzgruppe in der Primärprävention ihren Stellenwert verlieren. Auch bei jüngeren Menschen sollte man eher eine andere Medikation wählen. Patienten mit kardialen Problemen profitieren hingegen vom Einsatz der Betablocker.

Was haben Sie sich für die laufende Amtsperiode noch vorgenommen?
Silberbauer: Unabhängig von anderen Aktivitäten laufen bereits die Vorbereitungen für den Wissenschaftlichen Kongress im November 2006 in München, gemeinsam mit der Schweizer und der Deutschen Gesellschaft. Neben Themen wie Vorsorgemedizin oder die neurologische Komponente des Bluthochdrucks wird dort auch über die Chronopathologie der Hypertonie diskutiert werden. Mein Ziel seit Übernahme der Präsidentschaft bleibt weiterhin aufrecht: Nicht nur isoliert die Österreichische Gesellschaft für Hypertensiologie zu betrachten, sondern einerseits die Kooperation auf internationaler Ebene zu suchen, andererseits aber die Geschlossenheit der wissenschaftlichen Kongresse aufzuheben und direkt auf die Betroffenen zuzugehen: Auf die Straße, hin zu den Menschen!

Das Gespräch führte

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 32/2001

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