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13. Dezember 2005

Die besten Mikroskope der Welt (Narrenturm 37)

Im 19. Jahrhundert gehörte Wien nicht nur auf medizinischem, sondern auch auf vielen naturwissenschaftlichen und technischen Gebieten zur absoluten Welt­spitze. So auch im Bereich der Optik.

Die Optikerfamilie Voigtländer gründete 1759 in Wien das weltweit erste feinmechanisch-optische Unternehmen und revolutionierte 1840 mit dem vom Wiener Universitätsprofessor Josef Petzval (1807–1891) berechneten Objektiv die damals noch junge Fotografie – statt 30 Minuten Belichtungszeit benötigte man nun nur mehr sensationelle ein bis zwei Minuten. In der Optikmanufaktur des Georg Simon Plössl (1794–1864) entstanden ungefähr zur selben Zeit Mikroskope, die zu den besten der Welt zählten.

Künstlerisches Handwerk

Erst diese Mikroskope mit ihren optischen Leistungsmerkmalen wie hohes Auflösungsvermögen, Lichtstärke und ausreichende Vergrößerung und der vollendeten Mechanik machten das Mikroskop zum wichtigsten Instrument der medizinischen Forschung. Der gelernte Drechsler Plössl hatte 1812 bei Johann Friedrich Voigtländer in Wien eine zweite Lehre als Optiker begonnen. Nach elf Jahren Lehr- und Gesellenzeiten machte er sich 1923 mit einer kleinen optischen Werkstatt in der Freundgasse im 4. Bezirk selbständig. Er produzierte zunächst Lupen, Brillen, Operngläser und Feldstecher. Sein Hauptinteresse gehörte aber bald der Herstellung von Mikroskopen und Teleskopen.
Um sich fortzubilden und die theoretischen Grundlagen der Optik zu erlernen, besuchte Plössl die von der Universität und vom Polytechnischen Institut veranstalteten Sonntagsvorlesungen für Handwerker und Künstler, zu denen Instrumentenmacher damals noch zählten. Plössl war so ein Künstler. In Zusammenarbeit mit dem Mathematiker und Physiker Simon von Stampfer (1792–1864) gelang es ihm bald, die optischen Qualitäten seiner Instrumente zu verbessern.
War unter den damaligen Mikroskopbauern das Probieren von Linsen, Gläsern und Linsenkombinationen, das so genannte „Pröbeln“, die übliche Vorgangsweise, schlug Plössl neue Wege ein. Auf den vom Physiker von Stampfer berechneten theoretischen Grundlagen der praktischen Optik entwickelte Plössl Mikroskope und Teleskope, für die er heute noch berühmt ist. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war Plössl in Wien neben Carl Zeiss in Jena einer der besten und bedeutendsten Mikroskophersteller der Welt. Zeiss hatte um 1844 als Mechanikergehilfe auch in Wien gearbeitet und wie Plössl die Kurse am Polytechnischen Institut besucht. Ob Zeiss auch bei Plössl beschäftigt war, ist nicht sicher belegt. Für seine Arbeit erhielt Plössl viele Auszeichnungen bei Industrieausstellungen und auf wissenschaftlichen Kongressen.
Heute ist der Name Plössl jedem Astronomen ein Begriff. Das Plössl-Okular, eine hervorragend farbkorrigierte vierlinsige Konstruktion, die Plössl 1860 entwickelte, ist seit Jahrzehnten ein preiswertes Universalokular für fast alle Einsatzgebiete der Astronomie. Georg Simon Plössl starb 1868 in Wien nach einem Unfall. Eine herabstürzende Glasscheibe zerschnitt ihm eine Arterie an der rechten Hand. Großer Blutverlust und letztendlich eine Gangrän der Hand führten schließlich zu seinem Tod. Die Firma Plössl übernahm der k.u.k. Hofoptiker-Mechaniker Matthias Wagner. Das optisch-mechanische Institut bestand als Firma S. Plössl & Co. bis 1905. Im 4. Wiener Gemeindebezirk wurde 1875 eine kleine Strasse nach Georg Simon Plössl benannt.
Das pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm besitzt in seiner Sammlung historischer Mikroskope, übrigens eine der größten Europas, einige besonders schöne und technisch interessante Mikroskope aus der Werkstatt Plössls. Diese optisch und mechanisch hervorragenden Instrumente mit der geschwungenen Gravur „Plößl in Wien“ sind heute sehr selten, von Sammlern gesucht und dementsprechend wertvoll.
Ebenfalls im Besitz des Narrenturms befindet sich die sehr schön ausgeführte „Simon Plössl-Medaille“, mit der die Wiener Optikergenossenschaft 1928 ihren großen Meister ehrte. Die Medaille wurde 1968 neu geschaffen und wird von der Bundesinnung der Optiker in Österreich für besondere Leistungen gewerblicher und wissenschaftlicher Art auf dem Gebiet der Optik verliehen. Sie ist eine Erinnerung an diesen einst berühmten, heute leider fast vergessenen österreichischen „Nestor der deutschen Mikroskopverfertiger“, wie Plössl bereits 1867 genannt wurde.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 50/2005

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