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7. Dezember 2005

Es geht auch ohne Schmerzmittel

Bei älteren Menschen ist ein chirurgischer Eingriff zur Behandlung von Schmerz­zuständen des Bewegungsapparates oft nicht indiziert. Nebenwirkungsarme bzw. -freie Methoden zur Schmerzbekämpfung sind deshalb wichtig.

„In den Medien heißt es oft: ‚Heute muss niemand mehr unter Schmerzen leiden’. Es wird aber nicht thematisiert, wie es den Patienten unter einer Schmerzmitteltherapie geht“, betonte Prim. Dr. Helmut Liertzer, Leiter des Departments für konservative Orthopädie des Herz-Jesu-Krankenhauses in ­Wien, auf dem 36. Kongress für Allgemeinmedizin Ende November in Graz. Zu denken sei etwa an die Nebenwirkungen von NSAR oder an von Opioidpflastern verursachte Probleme wie die Beeinträchtigung der zerebralen Funktion oder der Verdauung. „Als Alternative stehen Lokalanästhetika zur Verfügung“, so Liertzer.
Die intraartikuläre Verabreichung von Lokalanästhetika sei dabei nur in seltenen Fällen entscheidend, vielmehr gehe es darum, durch genaue Untersuchung der periartikulären Strukturen und Muskelketten zu einer gezielten Behandlung zu gelangen. Durch die exakte Auffindung der funktionell betroffenen Strukturen verspürten die Patienten eine sofortige Erleichterung. Liertzer: „Wenn es beispielsweise bei einer Osteoporose-Patientin mit Fischwirbelbildung und Wirbel-einbrüchen zu einer Kollision von Rippenbogen und Beckenkamm kommt und sie unter heftigen Schmerzen leidet, behandelt man nach sorgfältiger Palpation und Neigung zur Gegenseite die betroffenen Strukturen mittels Lokalanästhetikum. Nach ein bis zwei Behandlungen sollte die Patientin beschwerdefrei sein.“
Problematisch sei die therapeutische Lokalanästhesie bei Patienten unter einer Medikation mit blutverdünnenden Substanzen, vor allem mit Marcoumar. Allerdings könnten auch diese Patienten unter bestimmten Voraussetzungen mittels spezieller Infiltrationstechniken behandelt werden. Entscheidend sei dabei die Vermeidung tiefmuskulärer Punkte (z.B. Glutaeus) und ein langsames Vorschieben der Nadel unter ständigem Stempeldruck. „Dadurch werden üblicherweise die Gefäße verdrängt“, erläutert Liertzer. Am besten geschieht dies mit der so genannten Zwei-Finger-Schutztechnik, so der Experte. Dabei befinden sich zwei Finger neben der Kanüle und drängen das Gefäß-Nervenbündel zur Seite. Wichtig sei auch das langsame Herausziehen der Nadel unter ständiger Aspiration. Im Fall einer Aspiration von Blut müsse eine mehrminütige Kompression durchgeführt und eine Nachbeobachtungszeit von 30 Minuten eingehalten werden.

Vorsicht bei Marcoumar

Von herausragender Bedeutung sei auch die exakte Kenntnis der zu therapierenden Strukturen, sodass möglichst wenige Punkte behandelt werden müssen. Liertzer: „Im Fall von Komplikationen wird allerdings der Richter wahrscheinlich gegen den behandelnden Arzt entscheiden. Es bleibt somit diesem überlassen, marcoumarisierte Patienten auf eigene Verantwortung zu behandeln. Zu ergänzen ist, dass ich in 25 Jahren lediglich zwei Komplikationen bei solchen Patienten erlebte. In beiden Fällen kam es zu einer stärkeren Hämatombildung, die jedoch keine Intervention erforderlich machte. Beide Patienten waren mir seit langem bekannt, leider hatten sie aber nicht über die mittlerweile erfolgte internistische Einstellung auf Marcoumar berichtet. Es ist daher unbedingt erforderlich, Marcoumar-Patienten vor einer geplanten Infiltration genauestens aufzuklären und auch bei bekannten Patienten nach Therapie­umstellungen bzw. zusätzlichen Medikamenten zu fragen.“ Die heute sehr beliebte Zu­mischung von Kortikoiden zu den Lokalanästhetika ist laut Liertzer unnötig, es reiche ein Tropfen. Diabetiker müssen darauf aufmerksam gemacht werden, dass sich in der Spritze Kortikoide befinden, bei Glaukom-Patienten muss auf jegliche Kortikoidgabe verzichtet werden.
Insgesamt könne die therapeutische Lokalanästhesie beträchtliche Einsparungen bei Schmerzmitteln und Krankheitskosten ermöglichen, ist Liertzer überzeugt. Er denke hier etwa an Osteoporose-Patienten, die wegen starker Schmerzen mit Opioiden behandelt werden, daraufhin unter Schwindel leiden, stürzen und sich einen Schenkelhalsbruch zuziehen. „All dies kann durch die Verabreichung eines Lokalanästhetikums vermieden werden“, betont der Orthopäde.

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