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13. Dezember 2005

Immunsystem stärken: Die Mythen und die Fakten

Eines der vorrangigen Probleme in der Kinderheilkunde ist das „häufig kranke“ Kind, bestätigte Prof. DDr. Josef Peter Guggenbichler, Uniklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Erlangen, die Erfahrungen der niedergelassenen Kollegenschaft auf dem 36. Kongress für Allgemeinmedizin Ende November in Graz.

Durch die zunehmenden Antibiotikaresistenzen kommt der Prävention von Infektionen eine immer größere Bedeutung zu. Ein Faktum, das die Werbeindustrie zu nützen weiß. Für die meisten pflanzlichen Präparate – „angebliche“ Stimulanzien der Immunabwehr – gibt es jedoch keinen konkreten Wirkbeweis. So existiert beispielsweise für Echinacea nur eine einzige randomisierte, placebokontrollierte Studie, berichtete Prof. DDr. Josef Peter Guggenbichler von der Universitätskinderklinik Erlangen. Dabei wurde eine signifikante Reduktion der Inzidenz und Dauer von respiratorischen Infektionen festgestellt. Der Experte: „Berücksichtigt man jedoch, dass Echinacea in Kombination mit Propolis und pharmakologischen Dosen von Vitamin C getestet wurde, weiß man nach wie vor nicht, welcher Wirkstoff dafür verantwortlich ist.“ Die erste und bislang unterschätzte Barriere der körpereigenen Abwehr sind die unspezifischen Abwehrmaßnahmen, die sich gegen die Besiedelung von Schleimhäuten richten. Dazu zählen die mukoziliäre Clearance, der Sekretfluss, die Peristaltik, die Belüftung von Epitheloberflächen, eine restharnfreie Entleerung, eine stabile körpereigene Flora sowie die Magensäure. Und erst dann – hinter der Basalmembran – beginnt die spezifische Abwehr.
„Die Adhärenz bakterieller und viraler Mikroorganismen ist als Virulenzfaktor gleichwertig mit der Bildung von Toxinen und der Invasion von Epithelzellen“, betonte Guggenbichler auf dem Allgemeinmediziner-Kongress vorvergangene Woche in Graz. Wobei die Anhaftung von den Adhärenzmechanismen der Keime und von der Rezeptordichte an der Oberfläche der Epithelzelle abhängig ist.

Renaissance der Karottensuppe

Eine Blockierung der Adhärenz von durch Tröpfcheninfektion übertragenen Keimen gelingt durch rezeptoranaloge Kohlehydrate wie die Oligosaccharide der Muttermilch, die Karottensuppe nach Moro (siehe Kasten), durch Preiselbeersaft, durch Sekretions-IgA (Bakterienlysate) sowie – möglicherweise – durch Probiotika. Eine Stimulierung der unspezifischen Abwehr kann durch einfache und kostengünstige Maßnahmen erreicht werden.
Beispielsweise wird die mukoziliäre Clearance durch Trinken von ausreichend Flüssigkeit, durch Gewährleistung einer Luftfeuchtigkeit im Schlafzimmer von über 30 Prozent oder auch durch den gezielten Einsatz ätherischer Öle verbessert. Untersuchungen zur Zilienschlagfrequenz haben gezeigt, dass insbesondere die ätherischen Öle 1.8 Cineol, Linalool und Thymianöl eine positive Wirkung hatten, indem sie die Schlagfrequenz erhöhten. Kampfer und Menthol hingegen blockierten die Zilienschlagfrequenz. Eine Renaissance erlebt die Karottensuppe nach Moro. Sie reduziert nicht nur die Dauer einer Diarrhoe signifikant, wie eine Metaanalyse von sechs Studien gezeigt hat, sondern verringert auch die transplantationsassoziierte Mortalität nach Knochenmarktransplantationen, wie Dr. Ulrike Kastner vom Wiener St.Anna Kinderspital nachweisen konnte. „Die neuen Erkenntnisse ermöglichen frische Ansätze zur Beeinflussung der körpereigenen Abwehr. Wir brauchen allerdings noch mehr Studien, und wir sollten noch intensiver im Schatz der Natur suchen“, so das Resumee des Experten.

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