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5. Dezember 2005

Der prominenteste Fisch der Welt (Narrenturm 36)

Das pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm beherbergt nicht nur Objekte aus der Humanmedizin, sondern auch viele seltene veterinär­medizinische und zoologische Präparate.

Zu Weihnachten 1938 brachte ein Fisch das zoologische Weltbild gewaltig durcheinander und sorgte weltweit für Schlagzeilen. Am 22. Dezember 1938 entdeckte die Zoologin Marjorie Courtenay-Latimer zufällig auf dem Fischkutter „Nerine“ in East London, einer Hafenstadt an der Ostküste Südafrikas, ein ungewöhnliches Flossentier. Da sie es nicht kannte und auch nicht einordnen konnte, nahm sie es mit und versuchte es zu identifizieren. Vergebens. Auch in einschlägigen Bestimmungsbüchern fand sie den stahlblauen Fisch nicht.

Lebendes Fossil

Da sie nur unzureichende Möglichkeiten hatte, den 50 Kilogramm schweren Fisch in der kleinen Hafenstadt zu konservieren – im Leichenhaus, das eine Kühlanlage hatte, weigerte man sich, den bereits stinkenden Fisch aufzunehmen –, fertigte Miss Latimer eine Skizze dieses seltsamen Tieres an und schickte sie an den Fischexperten Professor J.L.B. Smith. Der erkannte ihn sofort. Der Fisch war seit gut hundert Jahren bekannt. Allerdings nur als versteinertes Fossil, denn er galt wie die Dinosaurier seit 70 Millionen Jahren als ausgestorben.
Smith konnte aus den noch erhaltenen Teilen das Tier eindeutig als Nachfahre des Quastenflossers identifizieren. Nach der Entdeckerin und dem Fluss Chalumna, an dessen Mündung der Fisch gefangen worden war, benannte Smith das Tier Latimeria chalumnae. Die zoologische Fachwelt stand Kopf. Nur ein lebender Tyrannosaurus rex auf einer städtischen Promenade hätte mehr Aufmerksamkeit erregt. Der bereits leicht verweste Fischkadaver war die wissenschaftliche Sensation des Jahrhunderts.
Obwohl Smith Flugblätter verteilte und eine hohe Belohnung für einen weiteren Quastenflosser aussetzte, dauerte es 14 Jahre, bis das nächste Exemplar ins Netz ging. Diesmal im Indischen Ozean vor den Komoren, 1.000 Kilometer vom ersten Fangplatz entfernt. Den einheimischen Fischern war das Tier durchaus nicht unbekannt. Nur landete der „Kombessa“, wie die Einheimischen den Fisch nannten, nicht im Museum, sondern auf dem Teller. Man kannte sogar Rezepte für den wegen seines schlechten Geschmacks gar nicht sehr geschätzten Fisch, und seine schuppige raue Haut diente gerüchteweise als Sandpapierersatz.
Im Indischen Ozean lag offenbar das Verbreitungsgebiet dieses legendären Fisches. Er galt damals wegen seiner Brust- und Bauchflossen, die den Gliedmaßen der Landbewohner ähneln, als das „missing link“ zwischen Fischen und Amphibien. Eine Vorstellung, die auf Grund neuerer Erkenntnisse und genetischer Untersuchungen wahrscheinlich nicht stimmt. Die Fischer, die gefangene Quastenflosser plötzlich gut verkaufen konnten, machten nun gezielt Jagd auf dieses lebende Fossil. Da jedes einschlägige Museum, jede Forschungseinrichtung, jede Universität ein Exemplar besitzen wollte, konnten die begehrten Flossentiere teuer verkauft werden.
Frankreich, zu dessen Hoheitsgebiet die Komoren damals noch zählten, wachte aber eifersüchtig über sein „Latimeria-Monopol“. Ausländische Interessenten bekamen für den stolzen Preis von umgerechnet 750 Euro nur einen bemalten Gipsabdruck. Dennoch gelang es dem privaten Sammler Fritz Kincel 1974 auf Grund seiner guten Beziehungen und mit viel Geld – wie viel, verschwieg er –, ein Exemplar auf eigene Kosten zu erwerben. Es war dies damals der erste Quastenflosser, der nach Österreich kam.

Komplettes Skelett präpariert

Das im Gebiet der Komoren gefangene Exemplar war 87 Zentimeter lang und zehn Kilogramm schwer. Für seine private Schädelsammlung präparierte Kincel ausnahmsweise das komplette Skelett des begehrten Objekts. In der Badewanne seiner Privatwohnung, berichtet Wolfgang Brunthaler, Verwaltungsdirektor des Bundesmuseums, Präparator und wissenschaftlicher Betreuer der zoologischen und veterinärmedizinischen Sammlung in Personalunion, schmunzelnd. Aus dem Integument fertigte Kincel ein Stopfpräparat für das „Joanneum“ in Graz. Das Skelett-Präparat des Quastenflossers kam 1983 mit der gesamten Sammlung Kincel in den Narrturm. Heute steht Latimeria auf der Roten Liste der gefährdeten Arten und jegliche Art von Handel mit dem Quastenflosser ist streng verboten. 1987 gelang dem Team um Prof. Dr. Hans Frick vom Max-Planck-Institut in Seewiesen neuerlich eine Sensation. Der Student Olaf Reinecke filmte in 200 Metern Tiefe vom Tauchboot GEO aus erstmals einen lebenden Quastenflosser in seinem natürlichen Lebensraum. Mit diesen Aufnahmen konnten einige Geheimnisse und Rätsel um dieses lebende Fossil gelüftet werden. Aber alle Geheimnisse hat sich der Quastenflosser Latimeria chalumnae bis heute noch nicht entlocken lassen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 49/2005

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