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5. Dezember 2005

Amors vergifteter Pfeil (Narrenturm 16)

Eine eigene kleine Abteilung im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum ist den sexuell übertragbaren Krankheiten gewidmet. Hier finden sich natürlich auch zahlreiche Moulagen, seltene Feuchtpräparate und verschiedenste Objekte über die „Königin der Geschlechtkrankheiten“, die Lues.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts versetzte eine „neue“ Krankheit Europa in Angst und Schrecken. Rasend schnell breitete sich die Seuche mit den durch die Lande ziehenden Söldnerheeren aus. Ob man die Krankheit gelehrt auf Lateinisch „Lues venerea“ nannte, volkstümlich das Wort „Lustseuche“ verwendete oder nach einem Lehrgedicht des italienischen Arztes Girolamo Fracastoro von „Syphilis“ sprach, war letztendlich unerheblich. Gemeint war immer dasselbe. Eine schreckliche Krankheit, die mit einem Geschwür begann, zumeist an den Geschlechtsteilen, einige Wochen später verschiedenste grässliche Hautausschläge hervorrief und manchmal erst nach langer Zeit zu schwersten Organschäden und zum völligen körperlichen und geistigen Verfall führte.

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Verwandt mit dem Erreger der Frambösie

Fast 400 Jahre lang glaubte man, dass Christoph Kolumbus die Syphilis nach Europa eingeschleppt hatte. Jedoch fanden sich in amerikanischen Friedhöfen, die vor 1495 geschlossen wurden, keine Hinweise auf syphilitische Knochenveränderungen. Allerdings grassiert vor allem in der Karibik und Brasilien noch heute die Frambösie, hervorgerufen durch Treponema pertenue, einen engen Verwandten des Syphiliserregers, und die Krankheit zeigt auch einen ähnlichen, wenngleich milderen Verlauf. Mag sein, dass in Europa Frambösie mit Syphilis verwechselt wurde. Wahrscheinlich ist die Mutation eines Syphilisbakteriums für die schweren Epidemien am Ende des 15. Jahrhunderts verantwortlich. Anhand archäologischer Funde mit spezifischen Veränderungen an den Knochen können Archäologen und Seuchenhistoriker heute beweisen, dass in Europa bereits in der Antike Menschen an Syphilis erkrankten. Ursprünglich war die Syphilis eine Krankheit der Landsknechte, Marketenderinnen, Vagabunden, Prostituierten und Zuhälter, sie verschonte aber auch höhere Gesellschaftsschichten nicht. Es erkrankten Kaiser und Könige ebenso wie einfache Bürger, Philosophen und Künstler. Vor keiner sozialen Klasse machte die Seuche Halt. Über die Ursache der rätselhaften Erkrankung gab es die verschiedenartigsten abenteuerlichen Theorien. Das Wesen einer Infektionskrankheit war damals ja noch völlig unbekannt. Die gefährliche Konjunktion von Saturn und Jupiter im Skorpion galt am Ende des 15. Jahrhunderts neben anderem Übel auch als Ursache für diese verheerende Seuche. Schon relativ früh wurde erkannt, dass man sich die Krankheit vorwiegend beim Geschlechtsverkehr mit infizierten Personen zuziehen konnte. Aber so einfach war das nicht. „Amors vergifteter Pfeil“ traf auch Päpste und Domherren, Mönche und Nonnen. Der spanische Arzt Juan Almenar vertrat dazu folgende interessante Theorie: „Bei den meisten Menschen entsteht die Syphilis durch einen unreinen Beischlaf, nur bei den Geistlichen durch den Einfluss der Gestirne oder verderbter Luft.“

Unterschiedlichste Behandlungsversuche

Zu behandeln versuchte man die Lues mit Hunger- und Schwitzkuren, Aderlässen und Abführmittel. Diese Prozeduren waren naturgemäß wirkungslos. So setzte sich bald eine Kur mit hochgiftigen quecksilberhaltigen Präparaten und Salben durch. Da es bei dieser Therapie aber zu schwersten, manchmal sogar tödlichen Vergiftungen kam, lehnten gewissenhafte Ärzte die Quecksilbertherapie ab. So gelangten die Quecksilberschmierbehandlungen in die Hände von Badern und Kurpfuschern. Der Ausdruck „Quacksalber“ für medizinische Scharlatane und Betrüger soll angeblich daran erinnern. Groß in Mode kam die Syphilistherapie der südamerikanischen Indianer, die so genannte Holzkur. Die Indianer verwendeten – angeblich mit großem Erfolg – Abkochungen aus Spänen des Guajakholzes. Um 1514 kam das erste Schiff mit diesem teuren Holz aus Haiti nach Europa. Der spanische Hof ordnete sogar an, dass jedes Schiff, das aus Amerika kam, eine bestimmte Menge dieses Holzes mitzubringen habe. Das Handelshaus der Fugger erwarb das Monopol auf den Import dieses „wundertätigen Holzes“ und erzielte mit dem Verkauf enorme Gewinne. Da bei der Holzkur die Einnahme des Guajakholzes mit Schwitzbädern und Heißbedampfung des Genitales kombiniert wurde, trat bei dieser Therapie manchmal sogar eine gewisse Besserung ein. Ursache dafür war vermutlich die Temperaturempfindlichkeit des Treponema pallidums, des Erregers der Syphilis. Dies wurde aber erst beträchtlich später erkannt. Der Psychiater Julius Wagner-Jauregg publizierte 1887 eine Schrift über die Fiebertherapie bei progressiver Paralyse, dem Endstadium der Lues, die mit Wahnvorstellungen und schließlich völliger Verblödung endet. Wagner-Jauregg hatte bei seinen Patienten eine vorübergehende Besserung ihres Zustands nach hoch fieberhaften Erkrankungen bemerkt. Für die „Entdeckung der therapeutischen Bedeutung der Malariaimpfung bei progressiver Paralyse“ erhielt er 1927 den Nobelpreis.

Entdeckung von Treponema pallidum erst 1905

Entdeckt wurde der Erreger der Syphilis erst 1905. Die beiden Berliner Forscher Erich Hofmann (1868 bis 1959) und Fritz Schaudinn (1871 bis 1906) fanden das Treponema pallidum am 3. März 1905 und lösten damit das Rätsel um die Ursache der Lues. Paul Ehrlich (1854 bis 1915) entwickelte 1910 mit der Arsenverbindung Salvarsan das erste Chemotherapeutikum gegen die Lues. Aber erst mit der Entdeckung des Penicillins 1928 wurde die Syphilis endgültig heilbar.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 23/2005

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