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5. Dezember 2005

Milzbrand – Beginn der Bakteriologie (Narrenturm 17)

Mit der Entdeckung des Milzbranderregers und der Aufklärung der „Ätiologie der Milzbrand-Krankheit“ im Jahr 1876 schuf der damals noch völlig unbekannte Landarzt Dr. Robert Koch (1843 bis 1910) die Grundlage für ein neues Spezialfach der Medizin: die Bakteriologie. Mit diesem Modellfall öffnete er Tür und Tor für die Erforschung und Aufklärung weiterer Infektionskrankheiten.

War der Milzbrand oder Anthrax gegen Ende des 20. Jahrhunderts bereits eine sehr seltene und praktisch nur mehr Spezialisten bekannte Krankheit, so erlangte der Erreger vor einigen Jahren als geradezu klassische Biowaffe wieder traurige Berühmtheit. Heimtückische Briefe mit Milzbrandsporen versetzten nicht nur Amerika in Angst und Schrecken. Kleine, stäbchenförmige Körperchen im Blut Milzbrand ist eine Infektionskrankheit, die in erster Linie pflanzenfressende Tiere befällt. Am häufigsten erkranken Schafe und Rinder, aber auch Schweine und Pferde. Die Infektion des Menschen erfolgt über das Blut oder das Fleisch erkrankter Tiere oder deren Produkte oder Bestandteile, etwa Tiermehl, Felle, Häute oder Wolle. Erreger ist der Milzbrandbazillus, Bacillus anthracis, ein grampositives Stäbchen, das äußerst widerstandsfähige Sporen bilden kann. Bereits vor Koch hatten andere Forscher bei der mikroskopischen Untersuchung von an Milzbrand verstorbenen Tieren kleine, stäbchenförmige Körperchen im Blut und anderen Körperflüssigkeiten gefunden. Welche Rolle diese Stäbchen bei der Krankheit spielten, erkannten sie aber nicht. Koch baute bei seinen Untersuchungen auf diese Beobachtungen auf, und es gelang ihm in unzähligen Versuchsreihen, den Erreger zu isolieren und den Beweis zu führen, dass der Milzbrandbazillus beziehungsweise seine Sporen der Erreger dieser für Mensch und Tier tödlichen Infektionskrankheit ist. Kochs Publikation „Die Ätiologie der Milzbrandkrankheit, begründet auf der Entwicklungsgeschichte des Bacillus Anthracis“, erschien 1876 in der Zeitschrift „Beiträge zur Biologie der Pflanzen“. Mit dieser Arbeit legte er die Grund-lage für die Bakteriologie. Einige Jahre später gelang es Louis Pasteur (1822 bis 1895), einen Impfstoff gegen Milzbrand für Schafe zu entwickeln.

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„Kohlenähnliche“ Verfärbung

Den Namen Milzbrand erhielt die Krankheit wohl wegen der im Rahmen der Sepsis „schwarzrot geschwollenen“, von der Konsistenz her zerfließlichen „brandigen“ Milz. Der griechische Terminus „Anthrax“ – Kohle – deutet auf die schwarze „kohlenähnliche“ Verfärbung der „brandigen“ Geschwüre der Haut hin. Bei der Übertragung auf den Menschen läuft die Infektionskrankheit in drei verschiedenen Formen ab: Als Hautmilzbrand durch direkten Kontakt mit infiziertem tierischem Material. Die Erreger gelangen hier über kleine Verletzungen in die Haut, wo sich rasch eine umschriebene Entzündung und daraus ein mit einem schwarzen Schorf bedecktes, meist nicht schmerzendes Geschwür entwickelt. Durch die eingeschwemmten Bakterientoxine ist die Entwicklung einer Sepsis möglich. Unbehandelt enden fünf bis 20 Prozent der Hautmilzbrandfälle tödlich. Der Hautmilzbrand war eine typische Berufskrankheit der Fleischhauer, Abdecker und Tierärzte.

Volkstümlich: Hadernkrankheit

Erfolgt die Ansteckung durch die Inhalation von sporenhältigem Staub, so entwickelt sich der besonders aggressive und rasch fortschreitende Lungenmilzbrand. Betroffen waren früher vor allem Pelzhändler, Gerber, aber auch Arbeiter, die mit Wolle oder in der Papierfabrikation, bei der Lumpen, so genannte Hadern zerrissen wurden, zu tun hatten. Daher hieß die Krankheit volkstümlich auch „Hadernkrankheit“. Der Darmmilzbrand ist, im Gegensatz zum Vieh, beim Menschen die seltenste Form. Hervorgerufen wird er durch die orale Aufnahme von infektiösem Fleisch, Blut oder Milch. Die Therapie erfolgt heute initial bei allen drei Formen mit dem Antibiotikum Ciprofloxacin. Lungenmilzbrand hat aber auch heute, trotz adäquater Therapie, eine sehr hohe Letalität.

Milzbrandbomben-Versuche

Die Idee, Milzbrandbakterien als Biowaffe einzusetzen, hatten bereits die Engländer im 2. Weltkrieg. Versuche mit Milzbrandbomben auf einer kleinen schottischen Insel im Jahr 1941 waren so erfolgreich, dass die Insel 1979 noch immer stark verseucht war und erst 1986 mit 280 Tonnen Formaldehyd dekontaminiert werden konnte. Zum Einsatz kam diese furchtbare Waffe allerdings nicht mehr. Deutschland kapitulierte 1945, ehe England die benötigte Menge an Erregern zur Verfügung hatte. Im Jahr 1979 erkrankten im si-birischen Swerdlowsk innerhalb zweier Monate etwa 200 Personen an Lungenmilzbrand, 66 starben. Vermutlich hatte ein Arbeiter in einer Bio-Waffenfabrik beim Tausch eines Filters geschlampt und damit Milzbrandsporen freigesetzt. Ein noch immer Unbekannter terrorisierte 2001 Amerika mit Milzbrandsporen in Briefen: 18 Infektionen und fünf Tote war die Bilanz dieser Anthrax-Attacken. Die amerikanische Regierung reagierte prompt auf diese Angriffe und stellte elf Milliarden Dollar für die Bekämpfung des Bioterrorismus zur Verfügung. Bacillus antharicis, „Anthrax“, gilt heute als die klassische Biowaffe. Im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum bieten naturgetreue Moulagen aus der voranti-biotischen Ära dem „Normalarzt“, der sich unter Milzbrand kaum mehr etwas vorstellen kann und möglicherweise in seinem ganzen Berufsleben keine Infektion mit diesem Erreger sehen wird, einen Überblick über die mannigfachen Erscheinungsformen dieser Erkrankung.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 24/2005

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