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5. Dezember 2005

„Den netten Irren im Dorf gab es nie“ (Narrenturm 18)

Das Institut ist das letzte Bundesmuseum, das nach dem Forschungsorganisationsgesetz bewirtschaftet wird. Juristisch ist es also keine wissenschaftliche Anstalt, aber auch nicht privatisiert. Deshalb weiß die übergeordnete Dienststelle nicht so recht, was sie mit dem Narrenturm anfangen soll und daher gibt es vorsichtshalber kaum Geld und Unterstützung. Dr. Beatrix Patzak ist seit 1993 dessen Leiterin und erzählt im Interview über ihre Forschungsaktivitäten und Erkenntnisse rund um den Narrenturm.

Von außen schaut der Narrenturm nicht sehr schön aus. Sollte man das nicht ändern?
Patzak: Wir haben ein knappes Budget, derzeit können wir damit gerade noch die Betriebskosten bestreiten. Wir haben das Teilrecht aktiviert und in dessen Rahmen gibt es Veranstaltungen und Events hier im Narrenturm, um ein wenig Geld hereinzubringen. Das ist zwar kostendeckend, bringt aber so gut wie keinen Gewinn. Diese Aktivitäten zeigen aber die Öffnung des Museums nach außen, sowohl für Mediziner wie auch Nichtmediziner. Ein Problem ist, dass wir kein Kunstmuseum sind. Die Experten streiten, was wir eigentlich sind. Wir sind weder ein naturhistorisches Museum, noch sind wir ein Kunstmuseum. Wir gehören aber auch nicht der technischen Sparte an, ein bürokratisches Dilemma.

Sie forschen ja auch …
Patzak: Wir beginnen gerade, die im Wiener Stadt- und Landesarchiv vorhandenen Bestände zur Wiener „Irrenanstalt“ zu sichten und verknüpfen dieses Quellenmaterial mit den Obduktionsprotokollen des Allgemeinen Krankenhauses sowie unserem Musealkatalog. Im Mittelpunkt stehen Fragen zur Patientengeschichte, gleichzeitig sollen neue Details zur alltäglichen Praxis in der Institution „Wiener Irrenanstalt“ gesammelt werden. Der zeitliche Rahmen der Forschungsarbeit erstreckt sich von der Eröffnung des Narrenturms 1784 bis zur Eröffnung der Anstalt am Steinhof 1907. Einerseits interessieren die quantitativen Ergebnisse, also Patientenzahl, Geschlechtsverteilung, Altersstatistik, Heilungs- und Sterberate. Andererseits stehen aber auch qualitative Erkenntnisse im Mittelpunkt, sowohl in Bezug auf die Patienten des Narrenturms selbst – welche Sozialstruktur, Krankheitsbilder und -geschichten hatten die Insassen? – als auch die Institution „Irrenanstalt“ selbst – wie war der Einlieferungsmodus, welche Abteilungen und Ärzte waren im Narrenturm tätig? Durch die Beobachtung eines Jahrhunderts sollen Veränderungen in Wahrnehmung, Institutionalisierung und Behandlung des Wahnsinns aufgezeigt werden. Die damaligen Fälle sind ja heute noch zum Teil als Musealpräparate vorhanden und dem heutigen „medizinischen Blick“ zugänglich.

War der Narrenturm zu seiner Zeit die einzige Irrenanstalt?
Patzak: Nein. Der Narrenturm stand nicht monolithisch herum, sondern es existierte ein Verband an psychiatrischen Einrichtungen. Einerseits gab es den Narrenturm, andererseits auch Einzelzimmer, die verstreut im Allgemeinen Krankenhaus lagen, etwa das Dreigulden-Stöckl, es gab aber auch Ybbs. Wir wollen ergründen, wer wo hingekommen ist und wie der Patientenlauf war. Gerade in der Geschichte der Psychiatrie gibt es viel aufzuarbeiten. Die Psychiatrie hat ja nicht erst vor 50 Jahren mit dem Einsatz der Antidepressiva begonnen. Da wischen wir einfach 200 Jahre Umgang und Erfahrung mit dem „Wahnsinn“ vom Tisch. Und vor allem in Wien hatten wir von Anfang an zwei nahezu konträre Strömungen, die eine machte Organpathologie und die andere suchte die Psyche. Das beginnt schon mit dem Anatomen Franz Josef Gall, der 1795 seine Schädellehre präsentierte und glaubte, durch Abtasten und Vermessen der Kopfform und bestimmter Erhebungen oder Eindellungen des Schädels Aussagen über den Charakter eines Menschen machen zu können. 30 Jahre später veröffentlichte Ernst Freiherr von Feuchtersleben das Buch „Diätetik der Seele“ und gilt damit als Vorläufer der Psychotherapie. Natürlich ist es schwer, ohne wirksame Medikamente etwa einen Manisch-depressiven oder einen Psychotiker in geregelte Bahnen zu bekommen. Da hat die Medikamentenära den Durchbruch gebracht. Jedoch haben wir die Geschichte nicht aufgearbeitet und dürften manches übersehen. Die Geschichte der Medizin ist ja auch ein äußerst wichtiger Punkt für Kliniker, weil manchmal Sachen gemacht werden, die schon vor 200 Jahren bekannt waren.

Wird der Begriff der Normalität heute enger gefasst als noch vor 100 oder 200 Jahren?
Patzak: Die netten Irren im Dorfverband hat es nie gegeben. Dieses verklärte Bild muss man schon zurechtrücken. In der Geschichte des sozialen Aufbaus hat es auch im Dorf das Problem des Irren gegeben. Er wurde weggesperrt, angekettet, verspottet… Ich glaube aber, dass es sehr wohl eine Therapie gegeben hat und bekannt war, wer wie zu behandeln ist. Die Parere, also die Zwangseinweisung in eine Anstalt, hat es seit Beginn der Anstalt gegeben. Jemand musste also eine Parere schreiben und zwar nach bestimmten Vorschriften, die wiederum nur zustande kamen, wenn es gesicherte Therapieansätze gab. Es konnte daher nicht jemand bei der Pforte mit den Worten „Das ist ein Irrer, sperren Sie ihn ein“ abgegeben werden. Für die Forschungsarbeiten haben wir im Museum eine phantastische Ausgangslage. Wir haben ein völlig unaufgearbeitetes Konvolut im Stadtarchiv, das in dieser Hinsicht noch nie gesichtet worden ist, wir haben unsere Obduktionsbefunde und die Präparate. Das müssen wir aber nun in mühsamer Kleinarbeit zusammentragen. Ein anderer wenig bewerteter Aspekt in der Psychiatrie ist, ob man Geld hat oder nicht. Das ist ja zum Teil bis heute so, wer kein Geld hat, landet früh in der psychiatrischen Anstalt. Jene, die es sich leisten können, landen auf einer internen Station im Klassezimmer und sind dort zyklothym.

War der Narrenturm primär eine Versorgungsanstalt für „Irre“ oder nicht?
Patzak: Das ist es ja, was wir herausfinden wollen. Primär ist es völlig ungeklärt, in welcher Position der Narrenturm zu den anderen Anstalten gestanden ist. Was wir wissen, ist, dass ab der Gründung der neuen psychiatrischen Klinik die Patienten des Narrenturms als nicht mehr heilbar galten und jene der neuen psychiatrischen Klinik als heilbar. Es soll aber ein Konkurrenzkampf zwischen alter psychiatrischer Anstalt und der neuen Klinik getobt haben. Das sehen wir in den Akten nicht. Vielmehr sehen wir, dass ehemalige Direktoren oder Ärzte, die hier gearbeitet haben, auch in der neuen psychiatrischen Anstalt tätig waren. Bei der Gründung hat Josef II. eine Zelle für ein bis zwei Patienten konzipiert. Wir wissen aber aus Quellen gegen Ende des Narrenturms, dass hier eine Überfüllung stattgefunden hat. Es gab 139 Zellen, die Patienten beherbergten. Die Absiedlung der Patienten fand in den Jahren 1866 bis 1869 statt.

Wie ist die pathologisch-anatomische Sammlung an diesen Ort gekommen?
Patzak: 1971 wurde im pathologischen Institut der Platz zu knapp. So mietete das Museum acht leere Zellen im Narrenturm an und begann die Sammlung zu übersiedeln. Jede frei werdende Zelle – es waren bis dahin Funktionsräume oder Dienstzimmer für das Allgemeine Krankenhaus – wurde dann weiterhin vom Museum angemietet. 1993 schließlich war das Museum Mieter aller Zellen. Beim Besuch des Museums sagte ein Internist: „Für uns Mediziner ist die Sammlung interessant, weil wir wissen, dass es das gibt. In unserem Hinterkopf haben wir unsere Fehlschläge. Ich kann mich an jeden einzelnen Patienten erinnern, bei dem ich nicht sofort auf die Diagnose gekommen bin – und jetzt begegnen mir diese Patienten hier. Nächte verbrachte ich damit nachzudenken, was meinen Patienten fehlt – und plötzlich sind sie hier, direkt vor einem, und man erkennt sie wieder.“ Der Wert der Sammlung steigt ständig, da ja kaum mehr Präparate dazukommen. Ein Präparat pro Jahr ist schon viel. So ist etwa die Sammlungstätigkeit des Hydrozephalus praktisch zum Erliegen gekommen. Ein Neurochirurg hat aber nur mehr bei uns die Möglichkeit, jemals einen Anenzephalus in ausgeprägtem Zustand zu sehen und zu studieren. Das Gespräch führten

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 25/2005

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