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5. Dezember 2005

Die Alchemie zwischen Mystik und Wissenschaft (Narrenturm 19)

Viele Kapitel in der Geschichte der Medizin gibt es nicht, die für uns – die wir uns gerne als nüchtern denkende Naturwissenschafter sehen – zwar faszinierend, aber schwerer einzuordnen und zu verstehen sind als die Alchemie.

Die bis ins kleinste Detail liebevoll rekonstruierte Wunderkammer eines Alchemisten im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum erinnert an eine Zeit, als die Medizin noch von Magie und Mystik erfüllt war. An eine Zeit, als man Kometen und gefährliche Konjunktionen von Planeten als Ursache und Auslöser von Seuchen fürchtete. An eine Zeit, als man durch stürmisches Läuten der Kirchenglocken sowohl spirituell als auch tatsächlich physikalisch – durch die heftige Bewegung – verderbte Luft und Miasmen (die giftigen Ausdünstungen des Bodens) aus der Stadt vertreiben wollte. Eine Zeit, in der bärtige Männer in langen Umhängen mit Hilfe streng geheimer, magischer Rituale nach Transzendenz strebten, den „Stein der Weisen“, die „Quintessenz“ suchten, mit der man unedle Metalle in Gold verwandeln und Unsterblichkeit oder zumindest Heilung von fast allen Krankheiten gewinnen konnte. Alchemie, Astrologie, Mystik, Magie und natürlich auch Okkultismus beherrschten damals die Medizin. Die Alchemie ist eine der faszinierendsten, aber wohl auch eine der missverstandensten „wissenschaftlichen“ Disziplinen. Im ausgehenden Mittelalter galt sie noch als seriöse Wissenschaft. Aber durch betrügerische Goldmacher, die um 1600 die Fürstenhäuser in Europa unsicher machten und maximal Silber in ihre eigene Tasche zauberten, geriet die Alchemie in schiefes Licht.

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Als Scharlatane und Betrüger verschrien

Alchemisten sah man, damals wie heute, vor allem als dubiose Scharlatane und Betrüger, die vorgaben, unedle Metalle in Gold oder Silber verwandeln zu können, oder als dämonische weise Männer, die mit geheimnisvollen Geräten in dunklen und obskuren Laboratorien experimentierten und nach der allmächtigen „Quinta essentia“ suchten. Jenem Elixier, das neben der Verwandlung unedler Metalle auch Unsterblichkeit oder zumindest eine Verlängerung des Lebens oder Verjüngung des Alters versprach. Zwischen Totenköpfen, Folianten mit rätselhaften Zeichen, ausgestopften Tieren, Destillierkolben, Feuerstellen mit Blasebalg sowie unter der Decke schwebenden Krokodilen und anderen exotischen Tieren versuchten sie das „Opus magnum“ zu vollbringen.

Vorläuferin der modernen Chemie

So düster, so mystisch, so undurchschaubar und kompliziert die Alchemie auch auf uns wirkt, sie war sicher mehr als betrügerische Goldmacherei. Heute ist sie als Vorläuferin der modernen Chemie und Pharmakologie wissenschaftshistorisch anerkannt. Viele namhafte Gelehrte des Mittelalters und der Renaissance beschäftigten sich mit Alchemie. Ihre Motive waren aber nicht schäbige Gewinnsucht, sondern ethische und religiöse Erwägungen, und ihre Arbeit war immer mehr als eine mit geheimnisvollen Hokuspokus verbrämte Chemie. Auch für den 1493 geborenen Paracelsus, einem der besten und berühmtesten Ärzte seiner Zeit, war die Alchemie neben der Astronomie und Naturkunde eine der Säulen, auf denen er seine Lehre aufbaute. Paracelsus widersetzte sich gelehrten Autoritäten und behauptete, Krankheiten ließen sich durch chemische Substanzen bekämpfen. Die Alchemie entfernte sich bei Paracelsus immer mehr von der Golderzeugung und begann chemische, also nicht aus Naturstoffen gewonnene Arzneimittel zu synthetisieren. Paracelsus gilt heute als Begründer der Pharmakochemie und mit ihm entwickelte sich die Alchemie zu einer Kunst zwischen Naturphilosophie, exakter Wissenschaft und Handwerk.

Das Universalheilmittel von Johannes Rudolf Glauber

Auch heute noch verwendet die moderne Medizin alchemistische „Arcana“. Wie etwa das „sal mirabile“, das medizinische Universalheilmittel des Alchemisten Johann Rudolf Glauber (1604 bis 1668). Glauber, ein echter Nachfahre des Paracelsus, entdeckte dieses Heilmittel durch Zersetzung des Kochsalzes mit konzentrierter Schwefelsäure. Das Natriumsulfat, heute noch als „Glaubersalz“ bezeichnet, ist ein osmotisch aktives Abführmittel und wird häufig zur Darmreinigung vor diversen Diäten und Fastenkuren empfohlen. Mit Glauber stand die Alchemie bereits an der Schwelle zur modernen Chemie und Pharmazie. Großen praktischen Wert hatte die Alchemie später für die Herstellung von Arzneimitteln. Aus den obskuren Alchemistenküchen entstanden chemische Laboratorien und die „Alchymeia“, diese geheimnisumwitterte „Naturwissenschaft“, lieferte die Grundlagen für die moderne Chemie, Pharmazie und damit auch Medizin. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entfernte sich die Alchemie aber immer mehr von der Naturphilosophie. Dubiose, esoterische Gesellschaften nahmen sich ihrer an. Sie wurde zur okkulten Geheimwissenschaft und verlor mit der Entwicklung der naturwissenschaftlichen Chemie endgültig den Status einer Wissenschaft.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 26/2005

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