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5. Dezember 2005

Vom Seeräuberbein bis zur Kunsthand (Narrenturm 20)

Die Versuche, verlorene Gliedmaßen durch Prothesen zu ersetzen, haben lange Tradition. Trotz viertausendjähriger Geschichte hatten die Heilbehelfe lange Zeit eigentlich nur Stützfunktion. Anders wurde es erst im Mittelalter mit der eisernen Hand des Götz von Berlichingen. Aber es sollte noch rund 400 Jahre dauern, bis Ferdinand Sauerbruch die chirurgische Amputationstechnik so weit verfeinerte, dass vor allem Armprothesen gut funktionierten.

Der Pathologe Hofrat Dr. Karl Anton Portele, ehemaliger Leiter des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums, gab nicht nur heimatlos gewordenen medizinhistorischen Sammlungen aus ganz Europa eine neue Heimstätte. Als leidenschaftlicher Sammler legte er selbst auch zahlreiche neue Sammlungen aus den verschiedensten Gebieten rund um die Medizin an. So begann Portele, der neben der Pathologie auch therapeutische Verfahren und Techniken dokumentieren wollte, orthopädische Heilbehelfe systematisch zu sammeln.
Die Versuche, im Kampf oder bei der Jagd verlorene Gliedmaßen durch Prothesen zu ersetzen, haben eine lange Tradition. Medizinhistoriker glauben, dass man bereits im zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung abgetrennte Körperteile durch selbst gefertigte Prothesen ersetzt hat. Auch die alten Ägypter stellten aus ausgehöhlten Baumstämmen Stelzbeine her, die dann mit Bast am Beinstumpf befestigt wurden. Auf einer römischen Säule ist ein Soldat verewigt, dem die im Kampf verlorene Hand durch eine aus Metall ersetzt wurde. Die Prothesen waren aber sehr primitiv und hatten eigentlich nur Stützfunktion. Gut dokumentiert ist die berühmteste Prothese des Mittelalters, die eiserne Hand des Ritters Götz von Berlichingen, die ihm ein Waffenschmied etwa um 1504 konstruierte. Mit einer mechanischen Vorrichtung konnte er jeden Finger bewegen und sogar drehen.

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Korsetts aus dünnem Eisen

Etwas später, um 1550, konstruierte der französische Chirurg Ambroise Paré orthopädische Apparate, wie etwa Korsetts aus dünnem Eisen für Rückgratverkrümmungen, Stiefelchen zur Korrektur des kindlichen Klumpfußes und Prothesen. Berühmt waren seine künstlichen Arme, Hände und Beine, die er von einem Schlosser herstellen ließ. In der Folge kam es zur Entwicklung einer Reihe von orthopädischen Apparaturen. Erste, allerdings sehr umständliche, willkürlich bewegbare Handprothesen gab es in Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts. Das erste brauchbare Modell einer Handprothese entwickelte erst Ferdinand Sauerbruch unter dem Eindruck seiner Erlebnisse als Chirurg, da er im Ersten Weltkrieg reihenweise Arme und Beine abschneiden musste. Bedrückt vom Schicksal der „Kriegskrüppel“, schuf er nach langen anatomischen Studien neue Amputationstechniken und konstruierte gemeinsam mit Technikern die erste funktionstüchtige Armprothese. Den „Sauerbruch-Arm“ stellte er 1923 in seinem Buch „Die willkürlich bewegbare künstliche Hand“ vor.

Eifrige Sammleraktivitäten

Ziel der orthopädischen Sammlung im Narrenturm war und ist es, die orthopädische Therapie mit Behelfen aller Art in ihrer historischen Entwicklung aufzuzeichnen. Als Direktor des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums ersuchte Portele Firmen, Privatleute, Kliniken und andere einschlägige Institutionen um Spenden von Prothesen, mechanischen Heilbehelfen und anderen Apparaten aus der Orthopädietechnik. Im Jahr 1987 konnte außerdem eine große Anzahl von Heilbehelfen aus der orthopädischen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses in Wien übernommen werden. Durch Sachspenden und die sachkundige Mitarbeit von Orthopädiemechanikern und Bandagisten der Berufsschule für Mechaniker und Optiker entstand bald eine herzeigbare Sammlung, die auch in eigenen Räumlichkeiten im Narrenturm präsentiert wird. Ein Unikum dieser Orthopädie-Sammlung ist sicher der Musterkoffer eines englischen Orthopädiemechanikers aus der Zeit um 1900. In einem eleganten, luxuriösen Köfferchen finden sich Prothesen und andere orthopädische Behelfe, die aus einer etwas skurrilen Puppenstube stammen könnten. Neben verschiedenen einfachen Krücken beinhaltet das Köfferchen natürlich das klassische Oberschenkelstelzbein, das berühmte Seeräuberbein für den armen Mann, und Holzprothesen mit beweglichem Vorfuß für die etwas betuchtere Kundschaft.

Funktionsfähige Modelle

Eine Lederoberschenkelprothese mit Beckengurt und ein Bein- Redressionsapparat mit Hüftgelenk finden sich ebenfalls im Angebot des orthopädischen Handlungsreisenden. Alle diese Modelle sind voll funktionstüchtig und haben eine Größe von etwa zehn Zentimetern. Noch kleiner und zarter gearbeitet ist die Unterarmprothese mit Oberarmfixierung aus Leder. Die Hand aus Holz hat sogar bewegliche Finger. Grazil wirken die Leistenbruchbänder und das Wirbelsäulenmieder in Metallausführung mit Achselkrücken. Diese handwerklich fabelhaft gearbeiteten Nachbildungen im Miniaturformat sind eine einzig-artige Rarität und neben anderen interessanten Objekten sicherlich das Gustostückerl der Sammlung.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 27/2005

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