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5. Dezember 2005

Die Steine des Herrn Dittel (Narrenturm 21)

Ob Leopold von Dittel (1815 bis 1898) in seinem späteren Leben „steinreich“ war, entzieht sich unserer Kenntnis. Reich an Steinen war er aber in jedem Fall. Es waren Steine, die er seinen Patienten operativ entfernte.

Eine Vitrine mit Hunderten Blasensteinen, sorgfältig etikettiert, fein säuberlich beschriftet und penibel geordnet, erinnert im Narrenturm an den Begründer der Urologie im deutschen Sprachraum. Das pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm besitzt aber nicht nur Dittels Sammlung von Blasensteinen, sondern den gesamten Nachlass dieses bedeutenden Repräsentanten der Wiener Medizinischen Schule. Auf den ersten Blick überraschend, findet man die Urkunde zu Dittels Erhebung in den Ritterstand im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum in der Abteilung Orthopädie. Dittel ist zwar als ein Begründer der Urologie im deutschen Sprachraum bekannt, seine ersten wissenschaftlichen Arbeiten waren aber orthopädisch-anatomischen Themen gewidmet. Bald richtete sich sein Interesse allerdings auf ein Fach, das damals noch sehr wenig bearbeitet war und noch keine wissenschaftliche Grundlage hatte: die Urologie.

Auf Umwegen zur Urologie

Zur Urologie fand Dittel auf Umwegen. Nach seiner Promotion 1840 in Wien leitete er zunächst eine gymnastisch-orthopädische Anstalt in Wien und arbeitete später als Badearzt in Trencsin-Teplitz in der heutigen Slowakei. Hier verdiente er im Sommer das Geld, mit dem er sich im Winter seine Ausbildung an den Wiener Kliniken finanzierte. Erst im Alter von 36 Jahren begann er seine operative Karriere als „Operationszögling“ auf der 2. Chirurgischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Dittel konnte eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten über orthopädische Probleme, etwa über Klumpfuß, Skoliose oder Coxitis, vorweisen, als er 1856 in dem Fach Chirurgie habilitierte. Bereits 1861 berief man ihn zum „Primar-Wundarzt“ und Vorstand der 3. Chirurgischen Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus.

Hier fand er endlich zu seiner eigentlichen Aufgabe. Er wandte sich jetzt ganz der Urologie zu. Seine Freude an technischen Neuerungen und seine Lust am Experimentieren waren wohl die Ursache, dass er 1875 an seiner Abteilung, als einer der Ersten in Wien, die antiseptische Technik – das Operieren in einem Karbolnebel – des Edinburgher Chirurgen Joseph Lister (1827-1912) einführte. Er selbst und seine Abteilung spielten in der Entwicklung und Vervollkommnung des Zystoskops und der urologischen Endoskopie eine entscheidende Rolle.

Operieren im Karbolnebel

Eines seiner operativen Spezialgebiete waren Blasensteinoperationen, die er ständig weiterentwickelte und seit 1872 auch genau dokumentierte. In 15 Arbeiten publizierte er etwa 800 von ihm ausgeführte Blasensteinoperationen. Dittel erweiterte die Indikation zur Blasensteinoperation gewaltig: mit der durch die Antisepsis gefahrloser gewordenen Sectio alta, dem hohen Blasenschnitt und der von ihm durchgeführten Lithotripsie, später auch mit der Litholapaxie. Mit dem Steinspezialisten begann praktisch die Abspaltung des Sonderfaches Urologie von der Chirurgie. Seine zahlreichen Publikationen zu urologischen Themen lockten viele Ärzte nach Wien, um an seiner Abteilung zu lernen. Durch Dittel wurde die Kaiserstadt zu einem Zentrum urologischer Lehre und Forschung in Europa, ihm gelang es, eine Wiener Schule der Urologie zu begründen.

Tränen in den Augen

Welche Bedeutung er für die Wiener Medizin hatte, erkennt man auch daran, dass er zum Nachfolger Billroths als Präsident der Gesellschaft der Ärzte in Wien berufen wurde. Dittel soll Tränen in den Augen gehabt haben, als er den Präsidentenplatz einnahm. In einer Festansprache zu Leopold von Dittels 70. Geburtstag bemerkte der Schriftleiter der Wiener Medizinischen Wochenschrift, Leopold Wittelshöfer, launig: „Man spreche oft vom Wunder des Moses: er schlug auf einen Stein und es kam Wasser. Das Wunder tut der Dittel alle Tage!“ Mit der folgenden Schnurre über Blasensteine wird aber nicht nur Dittel, sondern auch sein Zeitgenosse, der damals in Wien ebenfalls sehr bekannte und gesuchte Urologe Victor von Ivanchich (1812-1891), in Verbindung gebracht. Ivanchich entfernte einst einem Fürsten Liechtenstein einen besonders schmerzhaften Blasenstein. Als Honorar für die Operation übersandte der Fürst tausend Gulden. Trocken ließ Ivanchich dem Fürsten mitteilen: „Für einen Stein wäre das Honorar wohl groß genug gewesen, aber nicht für einen Liechtenstein.“

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 28/2005

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