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5. Dezember 2005

Der Kopf des Mörders (Narrenturm 22)

Diese Geschichte aus dem Narrenturm erzählt von einem Exponat, das es im pathologisch-anatomischen Bundsmuseum leider oder Gott sei Dank nicht mehr gibt. Aber auch als das Objekt noch im Museum „zu Hause“ war, musste es unter Verschluss gehalten und durfte nicht gezeigt werden.

Am 24. Dezember 1985 kam es mit der Diplomatenpost aus Genf, unter strengster Geheimhaltung, begleitet vom Militärattaché der österreichischen Botschaft in Bern. Das Glasgefäß mit dem für die „österreichische Geschichtsschreibung interessanten“ Präparat hatte sich seit 1910 im Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Genf befunden. Am 10. September 1898 um 13.38 Uhr stach der 25-jährige Anarchist Luigi Lucheni (1873 – 1910) auf der Uferpromenade in Genf kaltblütig mit einer zugespitzten Eisenfeile auf die österreichische Kaiserin Elisabeth ein. Zwanzig Minuten später war Sisi tot, sie starb an einer Herzbeuteltamponade. Der Attentäter wurde verhaftet und, da im Kanton Genf die Todesstrafe bereits abgeschafft war, zu lebenslangem Kerker verurteilt.

Zweifelhafter Selbstmord

Zwölf Jahre später fand man Lucheni erhängt in einer so genannten Dunkelzelle, in die man ihn wegen unbotmäßigen Verhaltens gesteckt hatte. Die offizielle Selbstmordversion wurde angezweifelt. Gerüchteweise soll bei Luchenis „Selbstmord“ etwas nachgeholfen worden sein. Tatsächlich gab es einige Ungereimtheiten. Ganz aufgeklärt wurde die Causa nie. Das Gefängnispersonal war jedenfalls „glücklich, diesen unbequemen, rachsüchtigen und hinterhältigen Gefangenen vom Hals zu haben“. Ein offizieller Vertreter Österreichs überzeugte sich persönlich vom Tod Luchenis. Dem Leichnam des ruchlosen Mörders erging es jedenfalls ähnlich wie den meisten gekrönten toten Körpern der Habsburger. Auch dero majestätische Kadaver wurden ja zerteilt und getrennt bestattet. Der Körper in der Kapuzinergruft, das Herz in der Augustinerkirche und die Eingeweide im Stephansdom. Nur bei Elisabeths Leichnam machte man eine Ausnahme von dieser Regel, sie ruht „unversehrt“ in der Kapuzinergruft.

Das Gehirn des Mörders

Teile von Luchenis Leichnam jedenfalls wurden für wissenschaftliche Zwecke konserviert. Man glaubte, die Veranlagung zum Verbrecher an Anomalien vor allem am wichtigsten Organ des Menschen, am Gehirn, feststellen zu können. An Luchenis Gehirnwindungen wurden allerdings keinerlei anatomische Abnormitäten gefunden. Nach der Obduktion verschloss man die Schädeldecke und konservierte den Kopf in einem Glasbehälter mit Formalin.
Anlässlich der Eröffnung des neuen Gerichtsmedizinischen In­stituts in Genf im Jahr 1920 hatte die Presse Gelegenheit, die Reliquie des Sisi-Mörders zu begutachten. Die „Tribune de Genève“ schrieb: „Durch die nicht ganz klare Flüssigkeit, die seinen Kopf ein wenig verformt, hat er etwas Grauenerregendes. Die Augen sind halb geöffnet, und der leicht verzerrte Mund gibt den Blick auf einwandfreie Zähne frei.“ Auf Ersuchen Österreichs kam das Objekt 1985 nach Wien. Allerdings mit einer Auflage: Der Kopf durfte weder öffentlich zur Schau gestellt noch in irgendeiner Form publizistisch verwertet werden. Und so verschwand das – wie es die wenigen Zeugen, die das Präparat gesehen hatten, übereinstimmend beschrieben – eigentlich recht unansehnliche, in einer trüben Flüssigkeit schwimmende Museumsstück in einer Kammer des Narrenturms, zu dem nur wenige Mitarbeiter Zutritt hatten.
Doch die Sache blieb nicht lange geheim, und durch diverse Zeitungsartikel wurde die Existenz des Glasbehälters mit dem bizarren Inhalt in Wien bald allgemein bekannt. Schon bald wurde das Bundesmuseum an diversen Gedenktagen förmlich belagert. So entschloss man sich im Februar 2000, die Sache in aller Form und endgültig zu erledigen. Nach nunmehr 90 Jahren wurde der Schädel des Mörders aus seinem Behälter geholt und in aller Stille auf dem Wiener Zentralfriedhof in den so genannten Anatomiegräbern beigesetzt, wo auch die Leichen aus dem Anatomischen Institut bestattet werden. Die Feile, mit der Luigi Lucheni die Kaiserin Elisabeth von Österreich erdolcht hatte, befindet sich übrigens auch in Wien, im Museum für gerichtliche Medizin. Das Geschenk aus Genf wird aus Angst vor „Andenkenjägern“ allerdings in einem Tresor aufbewahrt und nicht öffentlich ausgestellt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 30/2005

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