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5. Dezember 2005

Miselsüchtige – die lebenden Toten (Narrenturm 23)

Im 6. Jahrhundert breitete sich die Infektionskrankheit, die als Strafe Gottes galt, über ganz Europa aus. Ein Siechtum in Isolation war das Schicksal der Aussätzigen. Warum die Seuche aus unseren Breiten verschwand, ist noch nicht ganz geklärt. Heute leben 90 Prozent der Lepra-Kranken in nur neun Ländern der Erde.

Wer im Mittelalter am unheilbaren „Aussatz“ erkrankte, galt faktisch als tot. Man regelte das Erbe des „Unreinen“, sprach fromme Gebete, las ihm sogar eine Totenmesse und entfernte die „Miselsüchtigen“ – wie man die Leprakranken auch nannte – unter Glockengeläut aus der Gesellschaft. In erzwungener Isolation außerhalb der Stadtmauern mussten sie fortan als „lebende Tote“ ein kuttenähnliches Gewand und Handschuhe tragen. Normale soziale Kontakte waren ihnen untersagt. Ein akustisches Warn­instrument, eine Klapper, ein Horn oder eine Schelle, um sich bei Annäherung an Gesunde rechtzeitig bemerkbar zu machen, und ein Stock, mit dem der Lepröse auf Gegenstände zeigte, die er kaufen wollte, vervollständigten die so genannte Leprosentracht.
Durch die Symptome der Lepra, schreckliche Flecken, Beulen und Knoten der Haut, die Gesicht und andere Körperteile zersetzten, bot der an Aussatz Erkrankte ein abstoßendes Bild. Der Befall von Nerven verursachte Lähmungen und den Verlust des Tast- und Schmerzsinnes. Die Folge waren unbemerkte schwere Verletzungen, die zu Entzündungen und schließlich zu Verstümmelungen führten, die die Lepra auch heute noch so bedrohlich erscheinen lassen.
Im 6. Jahrhundert verbreitete sich die Krankheit, die als Strafe für zügelloses, lasterhaftes Leben galt, über ganz Europa. Alttestamentarische Geschichten über Hauterkrankungen und Geschwüre, die als Folge von Laster und göttlichem Frevel auftraten, ängstigten die Menschen des Mittelalters mehr, als es der Kontagiosität der Erkrankung tatsächlich entsprach. Als Ursache der Lepra vermutete man neben dem außerehelichen Beischlaf den Verzehr von Pferdefleisch, übermäßig gewürzte Speisen und natürlich auch verdorbene Luft. Die Aussätzigen galten als lasterhaft und verbrecherisch. Man fürchtete ihren bösen Blick und verdächtigte sie als Brunnenvergifter. Fälschlicherweise hielt man die Lepra für hoch ansteckend und glaubte sie nur durch absolute Isolierung bekämpfen zu können.
Im 13. Jahrhundert erreichte die Erkrankung in Europa ihren Höhepunkt. Allerdings unterschied man damals nicht zwischen Lepra und anderen abstoßenden Hauterkrankungen. So konnte es vorkommen, dass jemand, der nur an harmloser Schuppenflechte oder Krätze litt, als Lepröser im Heim für Aussätzige landete. In oder besser außerhalb fast jeder größeren mittelalterlichen Stadt Europas entstanden so genannte Leprosorien, Siechenhäuser, in denen die als „unrein“ Stigmatisierten ihr Dasein fristeten.

Werk der Barmherzigkeit

Zum Glück für die Kranken galt im Christentum die Pflege von Leprakranken als besonderes Werk der Barmherzigkeit. Die Betreuung übernahmen Bruderschaften wie etwa die Lazarusritter, die sich nach dem von Geschwüren bedeckten Lazarus des neuen Testaments, dem Schutzpatron der Leprösen, benannten. Die Bezeichnung „Lazarett“, heute ein Militärkrankenhaus, leitet sich davon ab. Ab dem 16. Jahrhundert wurde die Krankheit in Europa immer seltener. Die Leprosenhäuser konnten in Spitäler oder Quarantänestationen für Pestverdächtige umgewandelt werden. Warum die Lepra innerhalb kürzester Zeit fast vollständig aus Europa verschwand, ist nicht ganz geklärt. Seuchenhistoriker diskutieren mehrere Faktoren: Eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten – gestiegener Vitamin-C-Gehalt der Nahrung – und bessere hygienische Lebensbedingungen. Möglicherweise gab es auch so etwas wie einen Wettstreit zwischen Lepra- und Tuberkulosebakterien, die schließlich die Tuberkelbazillen durch ihre weitaus höhere Ansteckungsrate gewannen. Die Übertragung der Lepra benötigt ja längeren Kontakt mit einer infizierten Person. Zudem schien die Infektion mit Tuberkulose die Menschen gegen Lepra in gewisser Weise zu immunisieren. Aber auch die drastischen, grausamen und unmenschlichen Ausgrenzungsrituale könnten eine Rolle gespielt haben. Ganz ist das Rätsel aber noch immer nicht gelöst.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts gelang es, den Erreger der Lepra zu identifizieren. Der norwegische Arzt Armauer Hansen (1841–1912) entdeckte 1873, dass Lepra die Folge einer bakteriellen Infektion mit dem Mycobakterium leprae ist. Nach ihm wird heute die Lepra auch Morbus Hansen genannt. Impfstoff gegen die Lepra gibt es bis heute keinen, da eine Züchtung des Erregers noch nicht gelungen ist. Geschätzte 10 bis 15 Millionen Leprakranke leben heute vor allem in der so genannten Dritten Welt. Die Lepra ist nach wie vor eine Krankheit der Armen. Die WHO verkündete 1984: „Lepra ist heilbar.“ Allerdings nur für jene, die es sich leisten können. In Dritte-Welt-Ländern sind die entsprechenden Antibiotika – Dapson, Rifampicin und Clofazinin – aus Kostengründen meist nicht verfügbar. Ausgerottet ist die Seuche noch lange nicht.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 36/2005

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