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5. Dezember 2005

„Medicina in Nummis“ (Narrenturm 24)

Die kleinen Kunstwerke aus Metall sind ein Fundus für jeden Historiker. Sie dokumentieren die Entwicklung von Forschung und Medizin und lassen auf die Wertschätzung und den Bekanntheitsgrad der dargestellten Ärzte schließen.

Wie fast alle großen medizinhistorischen Museen besitzt natürlich auch das pathologisch-anatomische Bundesmuseum eine Sammlung „Medicina in Nummis“. Zur Erläuterung für Laien: Mit „Medicina in Nummis“ bezeichnet der Numismatiker eine Spezialsammlung von Münzen, Medaillen, Plaketten und Jetons, die in Schrift und Bild im weitesten Sinn etwas mit Medizin zu tun haben – gleichsam eine Geschichte der Medizin im Spiegel der Münzen. Wichtig sind die Geldstücke und Auszeichnungen jedoch nicht nur für den Medizinhistoriker; auch Museumspädagogen schöpfen gern aus dieser, wie sie sagen, „sinnlichen historischen Quelle“. Eine schöne Medaille, typischerweise früher auch „Schaumünze“ genannt, kann Aufputz und Höhepunkt einer sonst recht trockenen Präsentation sein.

Geld und Erinnerungsstücke

Der Begriff Münze, üblicherweise ein anerkanntes Zahlungsmittel, ist bei Kollektionen dieser Art meist sehr weit gesteckt. Gesammelt wird hier eigentlich alles, was einer Münze irgendwie ähnlich ist. Wichtig ist neben der künstlerischen Ausführung vor allem der medizinhistorische Quellenwert. Handelte es sich in der Frühzeit der Münzen tatsächlich noch um griechisches oder römisches Geld mit medizinischen Darstellungen, so sind es später fast nur mehr Medaillen und Plaketten – Numismatiker bezeichnen eine eckige Medaille als Plakette – also keine Zahlungsmittel, sondern münz­ähnliche Erinnerungsstücke, auf denen medizinische Themen dargestellt sind. Gibt es aus dem Altertum noch relativ reichhaltiges numismatisches Material zur Geschichte der Medizin, so versiegt diese Quelle im Mittelalter fast völlig. Die moderne Medaille ist erst eine Erfindung der Renaissance. Damals begann die Geschichte der Medaillenkunst, und die Medizin wurde wieder zu einem Gegenstand der Numismatik. Die kleinen Kunstwerke aus Metall waren bald sehr beliebt und wurden zu vielen Anlässen erzeugt.

Amulett-Charakter

Vielfach hatten Medaillen, die zur Erinnerung oder Abwehr von Seuchen und Epidemien geprägt wurden, zunächst noch den Charakter von Amuletten. Hier bildeten die Medaillen, wie es auch bei den antiken Münzen der Fall war, eine Verbindung zwischen Medizin und Religion. Mehr noch: Die Münze oder Medaille wurde selbst zu einem – oft wahrscheinlich nicht sehr wirksamen – „Heilmittel“. Medaillen dieser Art geben aber häufig auch Auskunft über Ort und Zeit des Ausbruchs oder des Endes einer Seuche und die Anzahl der Opfer. Dieser Amulett-Charakter verschwand aber bald, und die Darstellungen auf den Medaillen begannen die Entwicklung der Medizin zur Naturwissenschaft zu dokumentieren. Fortschritte in der Metallbearbeitung und der Prägetechnik führten im 19. Jahrhundert zur Massenproduktion von Medaillen, Plaketten und Jetons. Besonders beliebt waren Portraitmedaillen mit den Bildnissen von Ärzten und Naturwissenschaftlern, die in allen Stilepochen die hohe Kunst der Medailleure widerspiegeln. Die Abbildungen auf den Personenmedaillen sind oft die einzigen erhaltenen zeitgenössischen Portraits von den Abgebildeten. Personenmedaillen sind in der Regel mit einem Ereignis, wie dem Geburtstag, einem Jubiläum, wissenschaftlichen Leistungen oder aber dem Tod des Dargestellten verknüpft. Man kann eventuell auch aus der Anzahl der Medaillen und Gedenkmünzen oder aber aus deren Fehlen Rückschlüsse auf die Wertschätzung oder den Bekanntheitsgrad eines Arztes oder Forschers ziehen. Dies natürlich nur mit entsprechender Vorsicht, da es in der Medizin immer Blender gab, die oft mit obskuren Methoden kurze Zeit Aufsehen erregten, daher auch häufig auf Medaillen verewigt wurden, während große Entdeckungen oft erst posthum ihren Niederschlag in der Numismatik fanden.
Die allmähliche Entwicklung neuer medizinischer Fachgebiete lässt sich ebenfalls sehr gut anhand von Medaillen verfolgen. Wissenschaftliche Kongresse und Veranstaltungen, Eröffnungen und Jubiläen von Krankenhäusern, Kuranstalten und anderen medizinischen Einrichtungen spiegeln sich ebenfalls auf vielen Medaillen und Plaketten. Auch die billige Sonderform der Medaille, der Jeton, der meist nur für Werbezwecke geprägt wurde, liefert oft interessante Informationen zu Apotheken und pharmazeutischen Unternehmen. Die Sammlung im Narrenturm bietet ein breites Spektrum von Münzen, Personenmedaillen, Plaketten und Jetons zur Geschichte der Medizin. Von der Zweischillingmünze aus dem Jahr 1929 mit dem Portrait Theodor Billroths über die wunderschön gearbeitete Medaille für den Chirurgen Josef Weinlechner, den wenig bekannten Wohltäter und Pionier der Kinderchirurgie in Wien, bis zum Werbejeton des Fabrikanten Karl Ligner, Begründer des Hygiene Museums in Dresden und Erfinder des Odol-Mundwassers.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 37/2005

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